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Home ist nun mal where your heart is. Zuhause

Home ist nun mal where your heart is.

Was Zuhause alles sein kann.

Der Tag ist geschafft, die Tür fällt zu. Endlich zu Hause! Oder endlich Zuhause? Nur durch ein einziges Leerzeichen unterscheiden sich diese Wörter, und trotzdem liegen ganze Welten dazwischen.
Zu Hause, das ist der Ort, an dem man lebt, die greifbaren Mauern, die Straßen und das Gebäude, in das man sich zurückziehen kann. Zu Hause bin ich in Deutschland, und das ist zunächst mal richtig und das gilt für Millionen anderer Menschen. Darüber hinaus gibt es aber eine Heimat, die immer nur ein einziger in sich tragen kann, das Zuhause. Und hier wird es abstrakt. Denn diese Heimat setzt sich immer zusammen aus zahlreichen sichtbaren und unsichtbaren Teilen. Erinnerungsfetzen, Gefühle, Rituale und Traditionen. Es gibt so viele Heimaten, wie es Menschen gibt. Darum ist dieser Begriff nur sehr schwer zu fassen.

Heimat ist ein ziemlich altes Wort, nicht zeitgemäß, nicht zukunftsweisend. Heimat steht dafür, dass sich Dinge grundsätzlich nicht ändern, dass etwas immer erkennbar bleibt. Das gibt Sicherheit, Geborgenheit.
Dirk Kurbjuweit

Nach Hause kommen, das bedeutet erst mal: etwas Gewohntes vorfinden. In einer unbeständigen Gesellschaft sehnt man sich nach Verlässlichkeit und Zuflucht. Es ist angenehm, sich in einer schnelllebigen Zeit nicht ständig an neue Gegebenheiten anpassen zu müssen. Dass immer etwas bleibt und übersteht. Und weil das so angenehm ist, ziehen sich viele Menschen ins eigene Heim oder vertraute Lebenskreise zurück. Trendforscher bezeichnen das mit dem Wort Cocooning. Der größtmögliche Teil der Freizeit wird mit Familie und Freunden oder auch alleine verbracht. Die Ursache dafür sehen die Experten in der Flucht vor der Komplexität des Alltags und in der Möglichkeit, immer mehr Aktivitäten von zu Hause aus verrichten zu können (zum Beispiel heimischer Arbeitsplatz, Einkaufen und Bankgeschäfte über PC).
Auch das Fernweh und die Sehnsucht nach der Fremde scheint immer mehr nachzulassen. Viele bleiben in den Sommerferien lieber Zuhause, als in den Flieger zu steigen. Ob aus Geldmangel oder freiwillig, Balkonien ist der neue Ballermann.

Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.
Christian Morgenstern

Zuhause sein, das bedeutet auch: so sein zu dürfen, wie man ist. Nirgendwo kann man so nah an seiner eigenen Person sein wie Zuhause. Hier macht es nichts, dass man nicht perfekt ist, hier braucht man keine Rolle spielen, um angenommen zu werden. Ist dies nicht der Fall, fühlt man sich fremd und eingesperrt im eigenen Heim. Und manche sind ein ganzes Leben lang eingesperrt. Nichts ist schlimmer, als zu existieren in dem Zustand, nie angekommen zu sein, seine Vorstellungen von Zuhause nicht verwirklicht zu wissen. Über Freunde und Familie definieren wir uns. Und das von Geburt an. Werden Kinder von klein auf nicht verstanden, akzeptiert und so geliebt, wie sie sind, kann sich wohl kaum eine selbstbewusste Persönlichkeit entwickeln. Ein gutes Heim wird also zum Ort, der Identität stiften muss. Das Zuhause wird zum Ausgangspunkt für die Selbstverwirklichung, der auf das Erwachsensein und das Bestehen in der Welt vorbereitet. So sollte es sein.

Es gibt zwei Sorten von Menschen, die einen, die bleiben, wo sie geboren sind, und die anderen, die fort müssen.
Michael Tournier

Manche werden in ihren Orten geboren. Sie leben dort und sterben dort, oft belächelt von denen, die es „da draußen“ geschafft haben, die sich abnabeln konnten von den alten Geschichten und Gesichtern. Und wieder andere waren sich sicher, ihrer Heimat für immer den Rücken zu kehren und lernten in der Fremde erst das Heimweh kennen. Reumütig kehren sie in ihr kleines, vertrautes Reich zurück, obwohl doch die Welt immer kleiner wird und die Schaffung eines Zuhauses theoretisch überall möglich ist. Anders als noch vor hundert Jahren, als die Menschen selten aus einem Radius von 40 km ausbrachen. Die Welt außerhalb dieses Radius war für sie unvorstellbar groß und fremd. Angesichts der heutigen globalisierten und multi-kulturellen Gesellschaft stellt sich die Frage, wo da die Heimat bleibt und ob sie überhaupt noch Bedeutung besitzt, wenn sich bestehende Grenzen sowieso immer mehr auflösen.

Es führt kein Weg zurück, denn die Heimat existiert nur noch zwischen den Mottenkugeln der Erinnerung.
John Steinbeck

Trotzdem wäre es vermessen zu glauben, dass sich am Zuhause nie etwas ändert. Auch wenn sich der Ort auf den ersten Blick nicht verändert, verändert man sich doch immer noch selbst. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich mit alten Freunden trifft und merkt, dass man außer der Vergangenheit nichts mehr gemeinsam hat. Die Telefonate werden immer kürzer, die Besuche seltener, zum Schluss bleiben nur noch die obligatorischen Klassentreffen. Die Sätze beginnen mit „Ach, weißt du noch…“ Man beginnt, Ausreden zu erfinden, um nicht an etwas teilnehmen zu müssen, dem man längst entwachsen ist. Und die Gespräche und all das Interesse am Leben der anderen ehemaligen Schulfreunde dienen nur dazu, um abzugleichen, ob man in der selben Zeit weniger oder mehr erreicht hat als der andere.
Natürlich bleiben die Erinnerungen. Oft romantisch verklärt und meilenweit weg. Manchmal auch bitter und im Bewusstsein, die Zeit nicht mehr zurückdrehen zu können. Bei den Stippvisiten im alten Zuhause ersetzt die Melancholie die Gewohnheit. „Ich fahre zu meinen Eltern.“ heißt es dann auf einmal. Und nicht mehr: „Ich fahre nach Hause.“

Heimat ist nicht dort, wo man herkommt, sondern wo man sterben möchte.
Carl Zuckmayer

Ist dieser Punkt erreicht, hat längst ein zweites Zuhause den Platz des ersten eingenommen. Man ist erwachsen, das eigene Leben läuft. Damit muss nicht immer gemeint sein, dass man seinen Geburtsort verlassen hat. Aber die Inhalte ändern sich, die das erste Zuhause ausgemacht haben. Das erste Zuhause, das waren die Arme unserer Mutter, die selbstgebauten Höhlen unserer Freunde, der eigentümliche, ganz typische Geruch in unserem Klassenzimmer.
Aber irgendwann verändern wir uns und mit uns auch die Orte, an denen wir uns beheimatet fühlen. An denen wir uns selbst fühlen. Neue Dinge treten in unser Leben. Ein neuer Job, eine neue Wohnung, eine neue Liebe. Dann streifen wir die Dinge ab, die einmal unser Zuhause waren. Wir tragen sie aber dennoch mehr oder weniger schweren Herzens mit uns herum. Ein ganzes Leben lang.

Linda Wilken



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