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Radio, Someone Still Loves You!

Radio, Someone Still Loves You!

Noch ist es nicht zu spät für den Zündfunk.

In den 30 Jahren seines Bestehens ist der Zündfunk als alternatives Radioformat besonders in Süddeutschland bekannt geworden. Zwei Stunden täglich gibt es auf den Frequenzen von Bayern 2 redaktionelle Berichte zu Musik, Politik, Kultur und Medien. Nachts läuft der einstündige DJ-Nachtmix. Veranstaltungen wie das Bavarian Open Festival und die Bavarian Open Sessions machen die Sendung zum Sprungbrett für Newcomerbands. Musikalisch war der Zündfunk schon oft seiner Zeit voraus und spielte Lieder aus Stilrichtungen jenseits des Mainstreams, wie Punk, Techno oder Heavy Metal, sowie unbekannte regionale Bands. Über 40 Mitarbeiter gestalten redaktionelle Beiträge zu Musik und Medien, Kultur und Politik. Es gibt kaum etwas in Deutschlands Radiolandschaft, das vergleichbar wäre.
Umso größer war der Schock für viele Künstler und Zündfunk-Hörer, als im April 2006 bekannt wurde, dass der BR das Format in einen neuen Jugendsender integrieren will, der rein digital über DAB (Digital Audio Broadcasting) zu empfangen sein wird. Die Tage des Zündfunks schienen gezählt zu sein. Dementsprechend heftig waren die Reaktionen von Künstlern, Journalisten und Labelbetreibern.


„Ohne den Zündfunk findet ein wichtiger und großer Teil Kultur im Bayrischen Radio nicht mehr statt. Der Horror wäre das, mal höflich ausgedrückt“.
(Markus Acher, The Notwist)

„Die Stellen, an denen man noch gutes, ernsthaftes, unterhaltendes, aufklärendes, informierendes Radio findet, sind so rar gesät, dass es, wo es auftaucht, bewahrt werden muss. Auch wenn das Artenschutz bedeutet. Oder anders gesagt: “Ey, ihr gebt doch sonst für allen Scheiß Geld aus!"
(Thees Uhlmann, Tomte)


Eine Plattform finden die Gegner der Entwicklung bei der Initiative Zündfunk Retten, die einige Radiohörer gegründet haben. Sie kämpfen dafür, dass der Zündfunk „in seiner bestehenden Form in Bezug auf Inhalte, Zielgruppe, Qualität, Sendezeiten und Übertragungstechnik erhalten bleiben“ soll, so formuliert es der Petitionstext, den bisher über 11000 Menschen unterschrieben haben.
Die Initiatoren von Zündfunk Retten sehen im geplanten Digitalradio den Anfang vom Ende. Ulrike Ebenbeck, Zündfunk-Chefin und Mitgestalterin des neuen Jugendsender-Konzepts, hält diese Befürchtung für unbegründet. Sie betont, dass der geplante DAB-Kanal auf einem hohen journalistischen Niveau arbeiten werde und der aktuellen Entwicklung hin zu digitalen Medien Rechnung trage.
Es scheint, als habe Ebenbeck das Konzept entwickelt, ohne die technischen Gegebenheiten zu kennen, denn die Digitalisierung könnte sehr wohl das Ende des Zündfunks bedeuten. Obwohl der Slogan des neuen Senders, „Bayrisch, selbstbewusst, lebensfroh und nah“ nicht allzu verheißungsvoll klingt, ist das Problem nicht in erster Linie die Gründung der Jugendwelle, in die der Zündfunk integriert werden soll, sondern die Ausstrahlung des Senders auf DAB. In einem offenen Brief an BR-Hörfunkdirektor Johannes Grotzky schreibt Tim Renner von Motor Entertainment und ehemaliger Chef von Universal Deutschland: „Genauso wie ich Ihnen in der Erkenntnis, dass Bayern noch einen Jugendsender braucht, zustimme, weiß ich als Radiomacher und Musikproduzent, dass DAB leider für eine adoleszente Zielgruppe noch lange keine tragfähige Sendeplattform darstellt“.
Etwas krasser formuliert es Janie J. Jones aka Peter Hein von Fehlfarben: „Mein aufrichtigst empörter Aufschrei gegen die neueste Terroridee des verrückten Oberst, Zündfunk ins Digital abzuschieben. Scheiße, mit Verlaub“.

Laut Zündfunk-Retten-Initiator Patrick Gruban bringt das DAB-Format eine Reihe von Problemen mit sich:
Problem 1: DAB-Empfängergeräte kosten zur Zeit ca 150 — 200 Euro. Nicht unbedingt wenig für einen Großteil der Zündfunk-Hörerschaft.
Problem 2: DAB-Empfang ist nicht flächendeckend. Radiohören im Auto oder auf dem Land ist nicht wirklich möglich. Nicht einmal, wenn sich der Hörer auf die Einschränkung auf den Platz vor dem heimischen PC einlässt, ist der Empfang garantiert, denn in Gebäuden gleicht der Empfang von DAB oft einem Glücksspiel. Das liegt an
Problem 3: Da der DAB-Radiokanal direkt neben dem Funkkanal der Bundeswehr liegt, verhindert das Verteidigungsministerium die Erhöhung der Sendeleistung auf die 10KW, die nötig wären, um Hauswände zu durchdringen.

Ohne die Ausstrahlung auf UKW sind die Tage des Zündfunk wohl tatsächlich gezählt. Die Hörer-Initiative hat bereits einiges erreicht, um diese Entwicklung nicht einfach zuzulassen. Die Protestwelle hat den BR unvorbereitet überrollt und das Vorhaben verhindert, die Änderungen stillschweigend und unbemerkt durchzusetzen. Arbeitsgruppen sind entstanden, in denen die Zukunft von Zündfunk und Jugendwelle diskutiert wird. UKW-Frequenzen gibt es nicht unbegrenzt; es wäre also eine umfangreiche Umstrukturierung notwendig, um einen Jugendsender auf UKW einzuführen.
BR-Pressesprecher Rudi Küffner gibt zu, dass die Initiative etwas bewirkt hat, wenngleich er sich in der Kommunikation mit den Zündfunk-Rettern nicht sehr engagiert zeigt und im Notfall auch mal mit falschen Zahlen argumentiert. So behauptete er beispielsweise, dass das Durchschnittsalter der Zündfunk-Hörer über 50 Jahren läge. Obwohl das nicht zutrifft, so ist es doch die Mischung zwischen jungen Redakteuren und solchen, die jahrelange Erfahrung mit Musikjournalismus haben, die das Programm für unterschiedliche Altersgruppen interessant macht.

Um das Sendeformat zu retten, braucht es in erster Linie Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ein Höhepunkt der Initiativen-Arbeit war das Mehr-Zündfunk-Festival, das mit vielen namhaften Bands und DJs hunderte von Besuchern in die Münchener Muffathalle gelockt hatte. (JUSTmag berichtete). Patrick Gruban betrachtet als das größte Problem, dass die Aufmerksamkeit jetzt nachlässt. „Der BR weiß natürlich, dass wir direkt nichts bewegen können, sondern nur über die Öffentlichkeit. Die Gefahr ist, dass die jetzt einfach auf Zeit spielen und dann sagen, jetzt lassen wir das mal alles abkühlen und dann können wir wieder weitermachen“.
Seit die Untragbarkeit des DAB nachgewiesen wurde, wurden keine neuen Konzepte mehr entwickelt. Ob das nun die Taktik ist, die Gruban befürchtet, wird sich zeigen. Vielleicht ist die Untätigkeit auf Seiten der Rundfunkmacher ja die Überlebens-Chance für den Zündfunk auf UKW, vielleicht schafft der BR das Sendeformat nicht ab, und Judith Holofernes von Wir sind Helden behält Recht mit ihrer Prophezeihung: „So doof werden sie am Ende doch nicht sein“.

Katharina Litschauer



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