 Did You See Them Coming?
| Band |
Pet Shop Boys |
| Album |
Yes |
| Plattenfirma |
EMI |
| Bewertung |
 |
|
Auf dieses Album scheinen alle gewartet zu haben?! Endlich wieder Pop, der für mehr taugt als 15 Minuten Ruhm. Dafür braucht es schon Kreuzfahrer des Pop wie die Pet Shop Boys. Wer jetzt das Gefühl hat, dass die in den 90ern abtauchten, um als Gallionsfiguren in den stürmischen Winden der Krisenwelt 2009 wieder aufzutauchen, der hat ihre Fahrten jenseits des Kanals verpasst. So grandios sie 2003 mit Release den Indiepop-Kosmos überraschten und 2006 mit Fundamental auf den Wogen der politischen Apokalypse auch kämpften, es waren Meisterwerke, die unter der Oberfläche brodelten.
Jetzt gibt es wieder Oberwasser. Yes ist grandios, euphorisch, gewitzt und pointiert intellektuell. Den Auftakt markieren gleich mehrere künftige Pop-Klassiker: Did you see me coming? ist instant Teenager-Euphorie, wie man sie nur einmal erlebt, Love etc. ein unkalkulierbarer Pop-Song über Werte und Wünsche, More than a dream birgt Hoffnung auf die Zukunft. Letzteres verpacken die Pet Shop Boys immer mit einem Hauch von vorweggenommerner Enttäuschung wie einst in Go West, das allein durch Neil Tennants Stimme die Enttäuschung der amerikanischen Schwulenszene dokumentiert. So ergeht es auch dem Traum in Beautiful people. Hochglanzmagazine mögen Träume diktieren, doch wer sich hineinversetzt und meint „I can see myself / without a care in the world / It's a sun-shining, money-spending / green and healthy new world“, der traut dem eigenen Träumen nicht.
Noch höher, jenseits jeglicher Fragestellungen erhebt sich, getragen von einem Tchaikowsky-Sample, All over the world, vergleichbar vielleicht mit ihrem Elvis-Cover Always on my mind. Wahrheiten könnten einfacher nicht sein, „It's sincere and subjective / superficial and true / Easy and predictable / exciting and new / to say I want you“ Anfangs sollte es an der Stelle „I love you“ heissen, so schmal kann die Grenze der Bedeutungslosigkeit verlaufen.
Langsam und notwendigerweise wandelt sich YES zur Hälfte hin — vom intuitiven euphorischen Pop zur komplexeren, enthymnisierten Variante. Vulnerable ist typisch Pet Shop Boys — himmelhochjauchzende Harmonien, zu Tode betrübter Text. Es folgen Stücke über die innere und äußere Unsicherheit des Einzelnen aber auch über die Unsicherheiten der Liebe, die ja in Love etc. noch als Ziel aller Dinge besungen wurde. Building a wall verzweifelt an der historischen und allgemeinen Tendenz Mauern zu bauen. Schutz, Prävention, Ermittlungen, Festnahmen, nirgends kann man mehr ausweichen singt Tennant. Also baut man sich doch gleich selber eine … „not so much to keep you out / more to keep me in“. Für Kylie Minogue schrieben sie Pandemonium (Tumult, Chaos), ein voranpreschendes, schepperndes Popjuwel über ungleiche Liebende, nüchtern wie eh und je: „If we both just stopped for a minute / I'd declare war and then you'd win it“ Immer wieder erstaunlich wie universell anwendbar ihre Songs sind, egal ob sie von Kylie Minogue oder Neil Tennant gesungen werden.
Schliesslich folgt als später Höhepunkt The way it used to be eine Ballade, die dennoch drängt und ausbricht. Ärger, Frustration und Ernüchterung über die Liebe, wie sie einmal war, in Musik gepresst. Warum fängt es an mit „Under the moon, address unknown / I can remember nights in Rome / I thought that love would last / A promise set in stone“. Warum muss es enden mit „Don't give me all your northern pain / Don't sell me New York in the rain / Let's leave our promises behind / rewind / and try again“.
Den Abgang bildet eine für Tony Blair geschriebene Legacy (Vermächtnis). Ein den Hörer strapazierender, elektronisch knisternder Vortrag. Regierungswechsel, Klimawandel, Katastrophen, Überwachung, Artenschwund — „That's it / The end / but you'll get over it“. Doch übersieht man Blair, ist es ein Vermächtnis auf uns, unsere Gesellschaft. Wir alle sehen es, fühlen es und denken dennoch es wird schon werden. So sind sie die Pet Shop Boys, ganz gross der Pop und am Ende des Abends ist man immer noch nüchtern. „Look at me / I'm SO over it“.
YES kommt auch in schwarz, als Doppel-CD, inklusive einer Dance-CD die die Songs auf ihren emotionalen Kern reduziert, vom Text-Balast befreit, elektronisch experimentiert und Röyksopp-kompatibel macht — für die Abende die nicht nüchtern enden sollen. An den Anfang ist allerdings noch ein eigenständiger Song aus dem Repertoire politischer Apokalypsen gestellt. This used to be the future stellt wieder einmal alles in Frage, klingt nach Depeche Mode und warnt prophezeiend „Now all we have to look forward to / is a sort of suicide pact“. Gewiss, die Pet Shop Boys haben diesmal ein anbetungswürdiges Popalbum gemacht, doch das nächste wird wieder ganz anders. Grossen Pop, den gibt es dann wieder 2025.
Fazit: Was Radiohead für den Rock sind, sind die Pet Shop Boys für den Pop. Gerade noch pünktlich haben sie das vielleicht beste Pop-Werk des Jahrzehnts vorgelegt.
Stefan meint Ein Popalbum, das seine stärksten Momente hat, wenn es mehr sein will als Pop. Beste Beispiele hierfür sind The way it used to be, King Of Rome und das grandiose Legacy. (7/9)
Jörg Dietrich Tourdates
13.06. Luxemburg 14.06. Stuttgart 15.06. Zürich 18.06. Manchester 19.06. London 24.06. Köln 25.06. Berlin 26.06. Leipzig 28.06. Stockholm 04.07. Roskilde Festival (Dänemark) 11.07. Oxegen Festival (Irland) 12.07. T in the Park (Schottland) 17.07. Latitude Festival (UK)
|