 Rock-Poesie mit Breitenwirkung.
| Autor |
Wolf Wondratschek |
| Titel |
Früher begann der Tag mit einer Schußwunde |
| Verlag |
dtv |
| Seiten |
144 |
| Bewertung |
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Bereits in den Siebzigern adelte Reich-Ranicki Wondratschek zum „beinahe schon einen Klassiker der jungen deutschen Lyrik“. Gemeint war die, anders kann man es in Wondratscheks Worten nicht sagen, fetzige Sprache, die aber erfrischend und intelligent blieb. Keiner wandte diese Sprache wie er an, und deshalb erreichte Wondratschek die Jugend, die Studenten und somit Breitenwirkung. Er avancierte auf diese Weise mit dem Verfall der 68er Bewegung zum literarisch-politischen Sendemast der gelähmten politischen Linken. Jetzt erscheinen sein erster Band Früher begann der Tag mit einer Schußwunde und der Nachfolgeband Einer Bauer zeugt mit einer Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden wil" in der hier vorliegenden Neuausgabe.
Wondratscheks Prosa liest sich nun als wenn Uwe Johnson in Jahrestage Zeitungsartikel analysierte, und anschließend literarisch-assoziativ zu einem Suggestiv-Panoptikum reihte. Auf Schönheit folgt Sterben, auf Werbung Verfall, auf Liebe noch mehr Liebe und ein neues Auto. Denn die Welt ist voller Widersprüche und Wondratschek ist ein Spiegel. Es ist, als sähen wir Fernsehen und notierten uns Schlagzeilen. „Einer fragt einen: Was halten sie von Franco? Einer antwortet einem: In den Ferien interessiere ich mich nicht für Politik! Das ist praktisch. Eine Krawatte für jeden Besuch.“
Man könnte diesem, ist man an die Hand nehmende Prosa gewohnt, mit Kopfschütteln begegnen. Denn es liest sich wie zunächst zusammenhanglos hingeworfen. Man kann aber auch Geduld beweisen und sich eingestehen, dass hier etwas für sich auf ungewohnte Weise arbeitet. Denn ähnlich Koeppen oder Johnson muss man sich auf den Kontext einlassen, auf die Satzbildung, die Unterbrechungen, die Kolorierung der Gefühle und schließlich Ausdrucksmittel eines Prosa-Musikers, und nicht hemingwaysche Geschmeidigkeit oder aristotelische Spannungskurven, die einen sicher durchs Wortdickicht führen. Dann erst entwickelt der Text seine Musikalität. Und so muss der Autor das Buch geschrieben haben, als er sich die ersten Assoziationen aus dem Leib riss. Früher begann der Tag mit einer Schußwunde ist folglich ein buntes, abwechslungsreiches Werk, das Mühe kosten kann, aber erfrischt. „In der Straßenbahn erklärt ein Herr einer Dame einen roten Blumenstrauß. In einem Hauseingang hilft ein Schüler einer Schülerin. Ein Franzose setzt alles auf eine Karte. Eine Laufmasche genügt. Sie schauen sich in die Augen. Sie kennt das Spiel. Sie trägt Kniestrümpfe.“
Ein Nachteil ist die vielgepriesene erfrischende, intelligente, aber auch sperrige Form. Denn so schön Assoziationen sein mögen, so schnell nutzen sie sich für einen Leser und vielleicht für Autor ab, wenn den bloßen Eindrücken und Folgerungen keine Handlung, kein inhaltliches Geländer folgt. Aber anders als bei Koeppen oder Johnson ist es Wondratscheks Absicht ganz sicher nicht gewesen, den Leser in eine mitreißende Erzählung einzuführen. Er will auf die Missstände, die Absurdität, die genannten Widersprüche hinweisen. Das Mitreißende erschließt sich mit den Assoziationen des Lesers. Und das gelingt ihm mit Leichtigkeit. Das andere, das Durch-das-Buch-Mithalten des Lesers, das gelingt ihm leider nicht. Denn gleich wie hübsch und interessant seine Werkzeuge sind, wird so mancher Leser besonders in der Mitte und zum Ende hin mit der Lektüre, der Zusammenhanglosigkeit der Absätze kämpfen. Man überliest Passagen, man liest sie ein zweites; man streicht ganze Absätze, nur um festzustellen, dass es nichts ausmacht, da die Absätze wie Kapitel auch für sich allein stünden.
Fazit: Der Autor mag daher eine schöne Abwechslung sein, ein fulminanter Prosaist ist er nicht. Provokativ und amüsant ist es dennoch.
Rafael Wawer
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