 Willkommen zu Hause.
Bleibt alles anders.
Zwei Wochen ist es nun her, dass das bisher größte Abenteuer meines Lebens zu Ende gegangen ist. Ich hatte mir einen Traum erfüllt, und war ein Jahr in eine fremde Stadt gezogen. Hinter mir liegen zwölf aufregende Monate, unzählige neue Menschen, Abenteuer, Krisen, Erlebnisse und kostbare Momente. Vor zwei Wochen konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie es werden würde, all das zurückzulassen, und nach hause zu kommen. Die Menschen, die ich nach meiner Rückkehr traf, konnten das offenbar besser, denn sie konfrontieren mich alle mit den gleichen Sätzen. Selten treffen ihre Aussagen meine Realität. Heimkommen ist nicht so, wie man denkt. Und so fallen viele meiner Antworten anders aus, als die Leute das von mir erwarten.
„Wahnsinn, wie lange du weg warst!“
Zeit ist relativ. Daher war das Jahr für manche wohl lange, für andere kürzer, für mich jedoch außerhalb von Raum und Zeit. Das Jahr hat nicht lange gedauert, aber es ist verdammt lange her, dass ich weggegangen bin.
„Wir müssen uns unbedingt sofort wiedersehen!“
Lass mir Zeit! Wir müssen gar nichts. Du willst mich vielleicht sofort wiedersehen. Mir aber waren die ersten Wiedersehenstreffen schon anstrengend genug, und ich will nicht sofort von Neuem die gleichen Geschichten erzählen. Ich habe mindestens zehn emotionale Abschiede hinter mir; ich habe noch keine Energie für zwanzig emotionale Wiedersehen. Also lass mir Zeit, bitte.
„Hier hat sich gar nichts verändert.“
Warum siehst du dann anders aus als letzten Herbst? Warum haben die im Supermarkt den Joghurt nicht mehr, den ich immer gekauft habe? Warum sind Lara und ihr Freund nicht mehr zusammen? Warum fahren in der Innenstadt plötzlich neue Straßenbahnwaggons? Seit wann hat mein bester Kumpel lange Haare? Wohin ist der McDonalds an der U-Bahn-Haltestelle verschwunden? Was sind das für Fernsehsendungen, von denen alle sprechen? Seit wann ist das Haus an der Kreuzung rosa gestrichen? Warum ist mir meine beste Freundin manchmal völlig fremd? Warum haben entlang meines alten Weges auf die Uni sieben neue Läden aufgemacht? Woher kommen die vier(!) Neugeborenen in meinem Bekanntenkreis? Warum hat unsere alte Stamm-Disco zugesperrt? Wer ist die Frau, mit der mein Kollege ständig ausgeht? Willst du allen Ernstes behaupten, dass sich hier nichts verändert hat?
„Du vermisst das alles dort jetzt sicher sehr!“
Ich bin genau zwei Wochen lang weg von dort. Wer schon einmal zwei Wochen auf Urlaub war, wird sich vorstellen können, dass man ohne große Sehnsucht 14 Tage von einer Stadt, von guten Freunden und von Gewohnheiten fernbleiben kann. Sehnsucht wächst mit der Zeit. Nicht jetzt ist sie am stärksten, sondern sie wird es dann sein, wenn sich Menschen, Orte und liebgewonnene Angewohnheiten schmerzlich weit weg entfernt haben.
„Zuhause ist es ja doch am schönsten, oder?“
Ich weiß, dass vor allem Angehörige der Großelterngeneration gerne ein „ja, unbedingt!“ hören würden. Klar ist es schön zuhause, doch noch ist der Zauber der Stadt, in der ich eben ein traumhaftes Jahr verbracht habe, stärker als die vertrauten und ein bisschen eintönigen Straßen meiner Heimatstadt. Ich wüsste auf Anhieb vieles, was dort schöner war als hier. Aber es macht Großmütter traurig, wenn sie ihr Heimatgefühl nicht verstanden fühlen. Daher lege ich den Fokus meiner Antwort auf etwas anderes und sage „es ist schön, dass wir uns endlich wiedersehen.“ Wie schön es in der vorübergehenden Wahlheimat war, kann ich ja dann wem anderen erzählen.
„Jetzt wirst du dir wohl endlich deinen fremden Akzent wieder abgewöhnen!“
Was ihr als fremd bezeichnet, ist für mich vertraut und selbstverständlich geworden. Und es gehört zu den wenigen Dingen, die ich nachhause mitnehmen konnte. Mein Akzent verbindet mich mit denen, die ich verlassen musste. Sprache macht Identität. Meine Zeit in der Stadt, wo die Menschen so sprechen, wie ich es jetzt ein kleines bisschen tue, gehört ebenso zu mir wie die neue Frisur, die Narbe auf meiner Hand, und die im Ausland gewonnene Selbstsicherheit. Die muss ich mir ja wohl auch nicht abgewöhnen, oder?
„Das muss dich ja umgehauen haben, als du nach so langer Zeit wieder hier angekommen bist!“
Das hätte ich auch gedacht. In Wirklichkeit aber war es das normalste der Welt. Die ersten Häuser der Vorstadt: nichts besonderes. Die erste bekannte S-Bahn Station: klar, kenne ich. Der Weg vom Bahnhof nachhause: unspektakulär. Die erste Nacht im eigenen Bett: verschlafen. Immerhin habe ich das alles 27 Jahre meines Lebens ständig gesehen. Es war nicht das erste Wiedersehen, sondern es waren die kleinen Dinge, die sich plötzlich intensiv nach zuhause anfühlten. Daheim ankommen, das waren die ersten vertrauten Späße mit meinen Freundinnen, das war der Geruch des alten Schranks in meinem Schlafzimmer, meinen besten Freund mal wieder Klavierspielen zu hören, das Ticken der Pendeluhr im Wohnzimmer meiner Eltern, endlich all meine CDs wieder bei mir zu haben, der Wasserhahn in der Küche, der schon vor einem Jahr getropft hat, meinen Bruder schnell mal anzurufen, wenn im Radio ein guter Song läuft.
„Das ist jetzt sicher alles noch ziemlich schräg für dich…“
Da kann ich euch recht geben. Nach einem Jahr nachhause kommen, das kann man sich nicht vorstellen; das muss man selbst erlebt haben.
Katharina Litschauer
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