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Heute Ingolstadt, später Amerika.

Heute Ingolstadt, später Amerika.

Über Adam Weishaupt, den Gründer der Illuminaten.

12 Tage hat Johann Adam Weishaupt nach einem öffentlichen Erlass Zeit, Ingolstadt zu verlassen. Das Problem dabei: die Wachen an den Toren sind dazu angehalten, ihn genau daran zu hindern. Seine Entlassung als Professor an der Universität liegt nur kurze Zeit zurück. Der Vorwurf lautet: Er habe für die Bibliothek gottlose Bücher beschafft, „in denen die christliche Religion in ihren Grundwahrheiten angefochten“ wird. Weishaupt kommt im Haus eines Schlossermeisters unter, einem Mitglied der Illuminaten. Schließlich gelingt es Adam Weishaupt kurz vor Ablauf der Frist, als Handwerker verkleidet, Ingolstadt Richtung Regensburg zu verlassen.

Zu dieser Zeit ahnt er nicht, dass bald darauf ein angebliches Symbol des von ihm gegründeten Ordens auf der Dollarnote erscheinen wird, dass ihm unterstellt wird, den ersten amerikanischen Präsidenten ermordet zu haben, dass Romanautoren und Filmemacher später viel Geld mit ihm verdienen werden, dass er der Grund ist, weshalb Mary Shelley einen Teil ihres Frankenstein-Romans in Ingolstadt spielen lässt.

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ist es nicht ungewöhnlich, Geheimorganisationen zu gründen. Vor allem die Logen der Freimaurer erhalten, ausgehend von England und Frankreich, in den deutschen Kleinstaaten viel Zulauf. Es ist die Zeit der Aufklärung, die sich gegen die absolute Macht der Monarchen und der Kirche und für Vernunft und die Lehre der Naturwissenschaften ausspricht. In der Ingolstädter Universität, in der Weishaupt mit 25 Jahren zum Professor berufen wird, bestimmt seit vielen Jahrzehnten der konservative Jesuitenorden die Lehrmeinungen. Weishaupts der Aufklärung verpflichtete Vorlesungen erhalten viel Zulauf. Den etablierten Kräften ist er deshalb ein Dorn im Auge. Als Weishaupt 1776 befürchtet, dass die reaktionären Rosenkreuzer eine Geheimloge in Ingostadt errichten könnten, beschließt er, einen Orden zu gründen: den „Bund der Perfektibilisten“.

In Regensburg lebt Weishaupt mit seiner zweiten Ehefrau, der Schwester seiner verstorbenen Frau und arbeitet als herzoglicher Hofrath. Er fertigt Texte an, in denen er von den Idealen der Illuminaten und den Gedanken der Aufklärung schreibt. Während eines Spaziergangs mit einem Priester, der gleichzeitig Mitglied der Illuminaten ist, wird der Priester von einem Blitz erschlagen. Adam Weishaupt überlebt unverletzt. Um die Umstände des Todes zu untersuchen, wird die Leiche des Priesters nach Freysingen überführt. In der Kleidung des Toten wird eine Liste von Mitgliedern des verbotenen Illuminatenordens gefunden. Man versucht, Weishaupt dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Da Regensburg jedoch eine freie Reichsstadt ist, geht das nur, wenn er bayrischen Boden beträte.

Der „Bund der Perfektibilisten“ benennt sich in den Bund der Illuminaten um. Symbol wird die Eule der Minerva, der römischen Göttin der Weisheit. Weishaupts Vorstellung nach soll der Orden den Mitgliedern Zugang zu kirchenkritischer Literatur gewähren und den freien Austausch von Gedanken ermöglichen. Auch wenn sich der Orden strukturell an das System von Freimaurerlogen orientiert, hat Weishaupt andere inhaltliche Ideale. Die Illuminaten sollen ein elitärer Zirkel für ausgewählte Mitglieder sein. Doch mit dem Eintritt von Adolph Freiherr Knigge 1780 verändert sich das Wesen und vor allem die Mitgliederzahl drastisch. Knigge hat sich trotz seiner jungen 28 Jahren schon ein großes Netzwerk aufgebaut. Innerhalb kurzer Zeit gelingt es ihm, über 500 neue Mitglieder, zumeist adlige, protestantische Freimaurer, darunter auch staatstragende Aristokraten und Prominente wie Goethe zur Mitgliedschaft im Illuminatenbund zu bewegen.

Nachdem eine Anstellung Weishaupts an der Universität in Wien fehlgeschlagen ist, flüchtet er unter dem Schutz des Herzogs Ernst nach Gotha. Aus Furcht vor einem Anschlag versteckt er sich die ersten Tage in einem Kamin. Auch danach entspannt sich die Lage nicht. Zwar scheint er in Gotha vor Verfolgungen sicher, dennoch werden die Illuminaten und seine Person verleumdet. Die ständigen Zermürbungsversuche zeigen Wirkung: Weishaupt distanziert sich von dem von ihm gegründeten Orden und gründet schließlich einen Fond, der Geld für den Bau einer katholischen Kirche sammelt. An einem 21. November 1830 stirbt Weishaupt mit 82 Jahren in Gotha, wo er beerdigt wird.

Die rasche Expansion der Illuminaten führt zu inneren Spannungen. Weishaupt wirft Knigge vor, jegliche Qualitätsstandards bei der Mitgliederwerbung außen vor zu lassen. Knigge bemäkelt Weishaupts „krankhaften Ehrgeiz und Eigensinn“. Wenig später stellt der Orden Knigge ein Entlassungsschreiben aus. Doch auch von Außen zieht sich die Schlinge zu. Den Illuminaten wird unterstellt, in das bayrisch-belgische Tauschprojekt verstrickt zu sein. Dieser Plan sieht vor, große Teile Bayerns gegen die österreichischen Niederlande zu tauschen. Der Illuminatenbund soll dabei die Interessen Österreichs vertreten. Diese Anschuldigung kommen aus dem inneren Kreis der Illuminaten selbst, dem Zirkel der „Münchner Patrioten“. Weishaupt vermutet später einen Racheakt an seiner Person. Weiterhin wird den Illuminaten vorgeworfen, dass sie erheblichen Einfluss in Regierungsstellen ausübten und sich in politische Vorgänge einmischten. Kurfürst Karl II. von Bayern erlässt darauf ein allgemeines Verbot gegen geheime Gesellschaften, die später auf die Illuminaten umgemünzt wird. Schriften erscheinen, in denen die Mitglieder des Ordens als Vaterlandsverräter, Atheisten und Sektierer bezeichnet werden, die einen Staat innerhalb des Staats errichten wollten. Über einzelne Illuminatenmitglieder wird die Todesstrafe verhängt, diese jedoch nicht ausgeführt. Den massiven staatlichen Bemühungen zur Zerschlagung des Ordens kommen die Illuminaten zuvor, indem sie ihre Selbstauflösung beschließen.

Beweise für eine Fortführung des Illuminatenbundes im Untergrund gibt es nicht. Stattdessen setzt nun eine Mystifizierung des Ordens ein. Andere Freimaurerlogen sollen die Illuminaten unterwandert haben, um von dort aus Einfluss auf höchsten Stellen auszuüben. Adam Weishaupt soll die Protokolle der Weisen von Zion verfasst haben, nach Amerika geflohen sein, dort George Washington getötet haben, an seine Stelle getreten sein (weshalb auch angeblich Weishaupts Porträt auf der Dollarnote zu sehen ist) und später eine texanische Familiendynastie infiltriert haben, deren Nachkommen über 200 Jahre später Präsident der Vereinigten Staaten ist.


Literatur zu diesem Thema:

  • Manfred Agethen, Geheimbund und Utopie, 1987.
  • Thomas Grüter, Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörungen, 2006.
  • Hermann und Georg Schreiber, Geheimbünde von der Antike bis heute, 1997.

Stefan Petermann



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