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Das System Weight Watchers.

Das System Weight Watchers.

Was nach dem Kalorienfaschismus bleibt.

Ich habe zwei Bekannte, die abgenommen haben. Sie hätten es nicht nötig gehabt. Trotzdem stand ich einiges Tages vor ihnen und die Frage lag auf meiner Zunge: „Hast du abgenommen?“ Eine heikle Frage. Weil sie impliziert, dass man einen Unterschied erkennt. Früher dick, heute weniger. Ich könnte in Augen blicken, die mich fragen: „Warum hast du früher nichts gesagt? Warum hast schamvoll zur Seite geblickt? Warum hast du geschwiegen?“

Beide Bekannten antworteten unabhängig voneinander: „Ja. Mit Weight Watchers.“ Dies geschah zu einer Zeit, als Andrea Kiewel noch den Fernsehgarten moderierte. WW war ein mir fremdes System wie Kapitalismus oder World of Warcraft. Ich hatte davon gehört, aber keine Ahnung, wie es funktionierte. Meine Bekannten erklärten es mir, ruhig, sachlich, nicht sekteneifrig. Es war einfach: Im WW-System werden Nahrungsmittel in Punkte eingeteilt; je mehr Kalorien, desto mehr Punkte. Die Punkte werden addiert. Man setzt sich ein Zielgewicht. Um dieses zu erreichen, darf man pro Tag nur eine bestimmte Anzahl von Punkten notieren. Meine Bekannten hatten ein Buch. Dort waren Nahrungsmittel mit Punktangaben verzeichnet. Jeden Tag notierten sie auf Zetteln ihre Punkte. Bald waren ihre Wohnungsboden mit zerknüllten Zetteln bedeckt.

Dieses System klang einleuchtend. Es färbte auf mich ab. Unbeabsichtigt teilte ich mein Essen in Punkte ein. Überall sah ich Zahlen. Wenn ich in den Supermarkt ging, war es wie Matheunterricht. Ich konnte keinen Keks anschauen, ohne eine in Warnrot geschriebene 5 zu sehen.

Meine Bekannten verfolgten unterschiedliche Ansätze. Er ging einmal die Woche zu einem Treffen. Dort waren hauptsächlich Frauen, deutsche und türkische Frauen, dicke Frauen und Frauen, die nach objektiven Maßstäben zum erweiterten Freundeskreis von Nicky Hilton gehörten. Ein Gruppenleiter besprach den aktuellen Stand. Er hatte selbst sein Wunschgewicht erreicht. Mit Weight Watchers. Jetzt gab er seine Erfahrungen weiter. Die Gruppe war für einander da. Mein Bekannter fühlte sich wohl und verstanden und versuchte streng nach den Regeln zu leben. Meine Bekannte hingegen verstand das WW-System als Orientierung. Sie hatte keine Probleme mit Schweinebraten an dem einen — und wenn noch etwas übrig blieb — Schweinebraten am nächsten Tag. Sie sagte, ihr wäre nun dank WW viel bewusster, was sie aß. Die Punkte zu notieren wäre hilfreich, aber nicht notwendig. Sie kaufte nur selten WW-Produkte.

Beide nahmen ab. Es fiel auf.

Zeit verging. Meine Bekannte sehe ich nur selten im Jahr, den Bekannten häufiger. Bei ihm fiel es nicht auf. Bei ihr schon. Sie hatte zugenommen. Es war deutlich zu sehen. Wieder lag mir eine Frage auf der Zunge: „Hast du zugenommen?“ Ich hätte gern Bescheid gewusst. Aber ich hatte schon Hemmungen zu fragen, ob sie abgenommen hatte. Welche Gründe sollte sie mir nun nennen? Es wären nur Zeugnisse des Scheiterns gewesen. Ihres Scheiterns. Ich schwieg.

Bei meinem Bekannten fiel mir die Gewichtszunahme nicht auf. Nur bemerkte ich irgendwann, dass er nicht mehr von den WW-Treffen sprach. Dass das WW-Buch nicht mehr offen auslag. Dass der Fußboden seiner Wohnung zettelfrei war.

Ich überlegte. Und dachte: Abnehmen ist nicht schwer. Allein in den ersten Tagen verlierst du zehn Kilogramm Wasser. Der Erfolg ist augenblicklich. In den ersten Wochen ist alles aufregend. Alle sagen dir, wie gut du aussiehst. Das Essen schmeckt lecker. Du bist begeistert vom neuen System.

Was aber, wenn du erreicht hast, was du wolltest? Dein Traumgewicht? Dann wird das Ideal zum Normalzustand. Du kommst mühelos die Treppen hoch, du kannst endlich mit reinem Gewissen Susanne Fröhlich verspotten, du lachst über raffinierten Zucker und kritisierst zu Recht die Fertigprodukte im Supermarkt. Mit einem deiner dünnen Finger deutest du auf die Janusköpfigkeit der Medien, die auf roten Teppichen Keira Kneightlys Rippen zählen und gleichzeitig „Speckröllchen“ an flachen Bäuchen von Prominenten entdecken. Und du weißt dich glücklich zu schätzen, der öffentlichen Verurteilung knapp entkommen zu sein. Nach dem Nikotinfaschismus wird bald der Kalorienfaschismus die tägliche Wahrnehmung bestimmen. Das wird nicht mehr dein Problem sein. Denn du bist die öffentliche Norm.

Aber du bist auch am Ende der Sackgasse angekommen. Weniger Kilo wären schon krankhaft. Und da du weißt, dass du ohne Probleme ein paar Kilo abnehmen kannst, kannst du auch ein paar Kilo zunehmen. Gelegenheiten dafür gibt es reichlich.
Du hast immer die Option, dein Leben zu ändern. Wenigstens umzustellen. Und seien es deine Ernährungsgewohnheiten. Aber ganz ehrlich: Wen kennst du, der das geschafft und keine Jack-Wolfskin-Einheitswindjacke mit dem Lebensabschnittsgefährten trägt?

Ich habe meine Bekannten nicht gefragt. Ich mag sie (und korrekterweise füge ich hinzu: wie sie sind.) Wenn beide, aus welchen Gründen auch immer, diese Entscheidung getroffen haben, dann ist es okay. Jedenfalls bis sie beschließen, sich erneut auf das WW-System einzulassen.

Bert Lüders



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