JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Große Fische. Allein (Foto: Christian Meesters)

Große Fische.

David gegen die Discounter-Goliaths?

Wenn die Sprache des Protests eine Hautcreme sein soll, haben die Argumente mehr Falten als vorher. Michael Dietl ist Mitglied bei Attac und bereitet gerade mit anderen eine Kampagne gegen die Supermarktkette Lidl vor. Wenn er darüber redet, klingt er ein bisschen sehr nach Politikstudent. Er spricht von „hinterfragen“ und einer „angedachten“ Kampagne, von „kreativen“ und „subversiven“ Aktionen und davon, dass sie sich nicht „mit dem Kopf durch die Wand durchboxen“.
Auf Englisch macht das keinen ungleich besseren Eindruck. Ezra Winton leitet Wal-Town, ein kanadisches Projekt, das Informationen über die kriminellen Methoden von Walmart verbreitet. „Qualitative and quantitative research“ hätten sie geführt, es gehe um die Wirkung auf die „cultural, economic and environmental landscape“ und eine der Aufgaben des Projekts sei „contextualizing their [=Walmart's] role in a vast system“.

Natürlich spielt die Betrachtung der Sprache nur eine Rolle, wenn der gehäufte Gebrauch von Leerhüllen auf leere Argumente zurückgeht. Die Gründe des Protests jedoch scheinen trotz der Kampfvokabeln einleuchtend. „Der Lidl-Konzern von Dieter Schwarz drückt die Löhne, verschlechtert die Arbeitsbedingungen, verhindert Betriebsräte, zerstört mit Massenproduktionen die Umwelt, verwendet krebserregende Stoffe und diktiert die Preise, die kaum über den Produktionskosten liegen“, erklärt Dietl. Winton begründet sein Projekt mit noch drastischeren Worten. Walmart verletze Arbeits- und Menschenrechte, senke Standards und zerstöre durch Preiskämpfe den Handel kleiner Gemeinden.

„Wir beschuldigen Walmart nicht, wir stellen dar, was sie sind: Einer der größten Fische im Teich der Ausbeutung von Mensch und Umwelt.“ (Ezra Winton)

Wie aber muss Protest im 21. Jahrhundert aussehen? Wie erreichen die Informationen eine Menschenmenge, die mächtig genug ist, einen Konzern zum Umdenken zu bewegen? Das Projekt von Attac steht noch am Anfang, erst nach der Veröffentlichung des Schwarzbuches Lidl kam die Sache ins Rollen. Erste Aktionen vor Lidl-Märkten sind bereits gelaufen. Für den Herbst plant die Gruppe unter anderem Veranstaltungen mit Greenpeace, Ver.di und Bauernverbänden. An Infoständen wollen die Helfer auf die Methoden von Lidl aufmerksam machen, alternative Lebensmittelmärkte einrichten, Transparente ausrollen und Einkaufswagenchips mit dem Slogan „Lidl ist nicht zu billigen“ verteilen. Das klingt zumindest halbwegs originell.
Wal-Town ist schon weiter, das Projekt existiert seit knapp zwei Jahren. „Wir brauchen Kunst, wir brauchen Theater, wir brauchen Dinge, die die Sinne herausfordern und jeden von uns aufwecken“, meint Winton. Im vergangenen Jahr fuhr die neunköpfige Gruppe durch Kanada, um an verschiedenen Walmarts Handzettel an die Menschen zu verteilen. Viel mehr geschah allerdings nicht. Filialleiter gaben sich zwar freundlich, ließen sich aber nicht auf Diskussionen ein. „Sie verhielten sich wie Roboter.“ Die Angestellten waren entgegenkommender und berichteten von schlechten Arbeitsbedingungen. „Manche waren mit dem Mindestlohn zufrieden, aber das waren meistens die jungen Leute.“

Auf der Tour in diesem Jahr spielten sie Musik, projezierten Videofilme an die Walmart-Fassaden, führten ein Theaterstück auf, in dem der Perfomance-Künstler Rob Maguire das „Beast from Bentonville“ spielte. Bentonville ist der Firmensitz von Walmart. Aus Pappmachee bastelten sie einen riesigen Walmart-Smiley, füllten ihn mit Süßigkeiten und ließen Kinder so lange dagegen schlagen, bis er platzte. Anfang 2006 erscheint ein Dokumentarfilm über die Touren von Wal-Town. Ob sie bisher viel erreicht haben? „Walmart musste plötzlich Fragen in der Presse beantworten, die durch unser Projekt erst aufgekommen sind“, erklärt Walton, „es gibt zahlreiche Artikel über die negativen Folgen von Walmart.“ Auch ein Erfolg: Walmart schickte Memos an ihre Mitarbeiter, wie sie sich verhalten sollten, wenn Wal-Town vor einer Filiale aufkreuzte, und veröffentlichte Presseinformationen über das Projekt.

„Jeder kann und sollte Lidl-Chef Dieter Schwarz sagen: Ihre Politik geht zu weit! Hören Sie auf, die Daumenschrauben ständig anzudrehen.“; (Michael Dietl)

Aber ist es trotz der Erfolge nicht in beiden Fällen ein aussichtsloser Kampf David gegen Goliath, der einsame Kampf einer kleinen Gruppe gegen einen mächtigen Konzern? Dietl erwidert: „Viele, die Goliath die Stange halten, wissen gar nicht, dass David für die Interessen einer gerechteren Welt kämpft, da Goliath seinen Kampf versteckt und für viel Geld führt und gerne verhindern will, das David dazu beiträgt, mit vernünftigen und wirksamen “Kampfstrategien„ ein kleines Wunder zu schaffen.“
Das sei eine beliebte Analogie der Medien, meint Winton. Es sei wahr, dass Walmart eine PR-Abteilung und ein riesiges Budget habe, „aber was wir auf unserer Seite haben, ist das, was Walmart am meisten schadet: Die Energie und den Eifer, um die wahre Geschichte über diesen Mega-Ausbeuter zu erzählen. Es ist ein Weg mit vielen kleinen Siegen.“


Links

Sebastian Dalkowski


Kommentare



Michael Dietl schrieb am 04.10.2005 um 17:54 Uhr:

mir gefällt der artikel schon…
Wen es jemanden interessiert, kann ich Ihm/Ihr auch das komplette Interview, das Sebsatian mit mir geführt hat, zuschicken. Dann wird es etwas deutlicher, wie die attac-kamapgne zum dicounter lidl angelegt ist. Ansonsten empfhele ich auch die homepage zur kampagne, wer sich beteiligen möchte: nur zu :-)
Michael

eMail: goa23@gmx.net

XML (RSS/RDF)