Tod ohne Feindeinwirkung.
Warum niemand das schwerste deutsche Zugunglück aller Zeiten kennt.
Am 24. Dezember 1939 meldet der Völkische Beobachter auf Seite 4 das schwerste deutsche Zugunglück aller Zeiten: „132 Tote und 109 Verletzte sind bei diesem tragischen Unglück zu beklagen.“ Bei Genthin (Sachsen-Anhalt) hatte der Lokführer eines D-Zuges ein Signal übersehen und einen vor ihm fahrenden Zug gerammt. Am 28. Dezember schreibt der Völkische Beobachter auf Seite 5: „Durch den Tod zahlreicher Schwerverletzter ist die Zahl der Toten bis auf 196 gewachsen.“ Damit endet die Berichterstattung zu dieser Katastrophe. Dass am selben Tag in einem Eisenbahnunglück bei Friedrichshafen 99 Menschen sterben, erwähnt die Zeitung nicht einmal. Joseph Goebbels notiert fast lapidar an Heiligabend in sein Tagebuch: „Großes Eisenbahnunglück bei Genthin. 70 Tote. Dorpmüllers [Reichsverkehrsminister Julius Dorpmüller] Institution versagt vollkommen.“ Statt Mitgefühl zeigt der Propagandaminister Wut und geht dann wieder zum Tagesgeschehen über.
Wer an den Zweiten Weltkrieg denkt, denkt sehr schnell an die vielen Toten. Knapp 60 Millionen weltweit, knapp 5,5 Millionen deutsche Soldaten und Zivilisten. In Vergessenheit gerät dabei, dass Menschen auch starben, ohne dass der Krieg daran Schuld war. In dem Roman Im Westen nichts Neues, der zur Zeit des Ersten Weltkrieges spielt, stirbt nicht nur der Protagonist Paul Bäumer, sondern ist auch seine Mutter todkrank. Das ist das Schlimme am Krieg: Es sterben schon so viele Menschen und dann kommt noch der Krieg dazu und überdeckt alles andere. Zum Beispiel Verkehrsunfälle. Nur so lässt sich erklären, dass ein Zugunglück, das doppelt so vielen Menschen das Leben kostete wie die ICE-Katastrophe in Eschede, nur am Rande in den Medien auftauchte und von dem 2007 die wenigsten wissen. Verkehrstote tauchten auch im weiteren Verlauf des Krieges nur nebenbei in der Berichterstattung auf, erst Recht gegen Ende des Krieges. Der Krieg dominierte, wenn auch die vielen Todesopfer meist verschwiegen wurden. Was der Völkische Beobachter nur kurz schilderte, waren Schicksale, die nicht weniger grausam waren als die an der Front. Im März 1945 schob ein 27-jähriger Fußgänger sein Fahrrad über die Horst-Wessel-Straße in München-Allach und wurde von einem Lastwagen erfasst und getötet. Im selben Monat hängte sich in Ingolstadt ein Radfahrer an einen LKW, stürzte, geriet unter das rechte Hinterrad und starb. Im Oktober 1944 überschritt der Rangiermeister Franz Nowak auf dem Bahnhof Berlin-Grünau die Gleise und wurde von einem Zug überfahren. Im Februar 1945 sprang eine 64-jährige Rentnerin vom Triebwagen einer Straßenbahn, geriet unter den ersten Anhänger und starb. Bei einem Zusammenstoß zweier Straßenbahnen in Berlin-Rudow starben im November 1944 der 14-jährige Lehrling Helmut Kalisch und die Schaffnerin Hertha Adel. Am 9. November 1944 sucht der Völkische Beobachter Zeugen für eine Unfallflucht — für einen Unfall, der sich am 5. Oktober ereignet hatte, reichlich spät.
Doch weil sich der Verlust eines Toten an seiner Stellung im Regime bemaß, verunglückte die NS-Prominenz nicht als Randerscheinung. Dann erkannte auch Joseph Goebbels, dass ein Toter bereits zuviel war. Am 8. Februar 1942 verunglückte Fritz Todt, Reichsminister für Bewaffnung und Munition, in der Nähe der Wolfsschanze mit dem Flugzeug. Goebbels notiert: „Das Flugzeug ist aus 400 m Höhe abgestürzt, am Boden explodiert, und die Insassen sind dabei derartig verbrannt, daß man kaum noch etwas von den Leichen zusammenlesen konnte (…) Der Führer ist durch diesen Verlust aufs tiefste betroffen (…) Ich bin den ganzen Tag über diesen Verlust wie benommen.“ Im typischen NS-Pathos schwadronierte er: „So viele gibt es im öffentlichen Leben, die so überflüssig sind wie ein Kropf; an die wagt der Tod sich nicht heran. Ist aber einmal einer dazwischen, der die Fähigkeit besitzt, mit Geschichte zu machen, dann holt ihn ein rohes und sinnloses Schicksal aus unseren Reihen heraus, und er hinterläßt eine Lücke, die gar nicht mehr geschlossen werden kann.“ Am 1. Mai 1943 war die Familie des SA-Chefs Viktor Lutze mit dem Auto unterwegs. Sein Sohn fuhr zu schnell in eine Kurve, der Wagen geriet von der Straße. Eine Tochter Lutzes starb sofort, Viktor Lutze kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Doch am 3. Mai notierte Goebbels in seinem Tagebuch: „Abend gegen 9 Uhr ruft mich der Führer an, um mir Mitteilung davon zu machen, daß Lutze um 1/2 9 Uhr im Städtischen Krankenhaus in Potsdam gestorben ist.“ Dann aber dachte Goebbels sofort an seine Pflichten und fährt zu Lutzes Sohn: „Ich spreche ihm Mut zu; vor allem fasse ich ihn beim Portepee und teile ihm im Auftrag des Führers mit, daß er sich jetzt wie ein Mann zu benehmen habe, daß auf ihm eine große Familientradition ruhe und seine Pflicht jetzt darin bestehe, als einziger männlicher Überlebender der Familie ihre Führung zu übernehmen.“
Es sollten nicht die einzigen schweren Unfälle führender Persönlichkeiten des Regimes bleiben. Wichtige Amtsträger des Landes, das die ganze Welt erobern wollte, kamen nicht mal unfallfrei durchs eigene Land. Irgendwann wurde es Hitler zuviel. Am 27. Oktober 1944 verkündete er in einem Erlass, der den Betreff „Vermeidung von Auto- und Flugzeugunfällen führender Persönlichkeiten“ trug: „1. Das Leben und die Gesundheit des einzelnen gehören nicht ihm, sondern allein dem Vaterland. 2. Es ist daher ein Zeichen von Verantwortungslosigkeit gegenüber Volk und Vaterland, wenn jemand seine Dienst- und Arbeitsfähigkeit leichtfertig aufs Spiel setzt.“ Leicht genervt fügte er hinzu: „Ich kann nicht über die ergangenen Befehle hinaus noch bis ins einzelne gehende Vorschriften über Höchstgeschwindigkeiten, Sicherheitswagen, Wahl der Tageszeiten usw. erlassen.“ Dann sagte er einen Satz, der unfreiwillig das Ende des Dritten Reiches vorwegnahm: „Sie müssen sich stets vor Augen halten, daß es besser ist, das Ziel etwas später zu erreichen, als überhaupt nicht anzukommen.“
Sebastian Dalkowski
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