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Turbostaat - Das Island Manøver.

Aufgelöst in der ganzen Welt.

Band Turbostaat
Album Das Island Manøver.
Plattenfirma Same Same But Different / Warner
Bewertung 8 von 9 Punkten

Wir waren auf Island und erwägten, die Welt zu verändern. Wir brachten das Finanzwesen zum Einsturz und wir legten Feuer unter einem Vulkan. Doch das genügte uns nicht. Es war uns zu wenig. Wir wollten etwas, das alle Sicherheit verschwinden ließ, etwas, das uns zwang, innezuhalten und gleichzeitig vorwärtszustürmen. Wir wollten Sätze, die wir nicht beim ersten Hören entschlüsseln konnten, deren Sinn wir aber dennoch instinktiv erfassten, so verstanden, dass wir sie in die Aschewolken schrieben, die von nun an monatelang über Europa zogen. Wir wollten, dass jeder hören und sich fragen würde: Wer ist Glufke? Also hörten wir Turbostaat.

Wir hörten „Das Island Manøver“. Wir kannten schon „Schwan“ und verehrten „Vorman Leiss.“ Wir wussten längst, dass die Band ein eigenes Genre geschaffen hatte, welches mit Punk nur unzureichend umschrieben war. Wir kannten Jens Rachut und ahnten, dass es ohne ihn die Band in dieser Form nicht geben würde. Und wir waren dankbar dafür, dass es zuviel unvorstellbar grässliche und, schlimmer noch, mittelmäßige Musik gab, die nichts wagte, die sich niemals zwischen die Zeilen wagen würde, welche niemals den Gesang als Instrument einsetzen würde, um Unbehagen auszudrücken, die niemals Gitarren nutzen würde, um zu zeigen, wieviel Schönheit in offen gespielten Saiten stecken konnte. Denn dank dieser scheußlichen Musik konnte diese Band nur um so heller strahlen.

Wir lernten Texte, die uns rätselhaft waren. Was sollte „Sind das etwas Eulen / man hofft sie fliegen / irgendwann davon“ bedeuten? Oder „Wenn sie wieder ernten wollen / lieg ich im maisfeld“? Wir ahnten, was die Band meinen könnte: „Geboren als ein König / gestorben als Tourist“ und besonders bei „Und die Menschen staunen staunen / und sie essen Eis / machen Fotos / von der Pracht / von dem unbedingten Willen alles umzuhaun / und sie lächeln / in sich rein / Tja“. Wir zitierten, bis wir die Worte mitsingen konnten und je öfter wir wiederholten, desto sicherer schien uns, dass das Rätselhafte rätselhaft bleiben musste.

Wir lernten Glufke kennen. Weil wir bei ihm pennten. Die Band kannte ihn von Facebook. Dort schrieb er: „Studenten — Der Rost am Schwert der Revolution.“ Die Band schrieb daraufhin ein Lied über ihn, für alle, die jemanden wie Glufke kannten. Ein Lied, vielmehr eine Hymne, zu dem alle verloschenen Vulkane wieder aktiv werden sollten, ein uneitles Lied, welches das eitle Spiel mit Metaphern ein für alle Mal überflüssig machen würde. Weil es diesen Satz enthielt: „Eingesperrt sind wir immer noch / es beruhigt uns sogar, dass es so ist“. Diesen Satz vor zwanzig Jahren gesagt, hätte uns alle politischen und Talkshows erspart und 95% der Ressorts aller großen Wochenzeitschriften. Wir würden alles tun, dass jeder „Pennen bei Glufke“ hören würde.

Und dann hassten wir das Wir, weil es wir niemals geben konnte. Vielleicht war es ja das, was „Das Island Manöver“ mir sagen wollte.

Fazit: Eigentlich will diese Rezension nur eines sagen: Geh raus und höre Turbostaat.

Stefan Petermann



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