 So vorbereitet war sie nie.
| Band |
Tomte |
| Album |
Buchstaben über der Stadt |
| Plattenfirma |
Grand Hotel van Cleef |
| Bewertung |
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Sie liegt im Bett, wacht gerade auf und ER liegt neben ihr. Sie wird dieses Gefühl nie vergessen, als sie erkennt, dass ER wirklich neben ihr liegt. Sie möchte stundenlang einfach nur aufwachen, um dieses Gefühl zu behalten. Ein Gefühl wie eine Brausetablette im Glas. Ein Gefühl wie das erste Mal Tomte hören — 1998 oder 2000 oder 2003. Man wusste vielleicht nicht einmal, dass man sich verlieben wollte und dann erwischt es einen völlig kalt. Dieses Lächeln. Diese sanfte Stimme. Diese Texte, die Worte für Gefühle finden, die genau das sagen, was man selber nicht so hätte sagen können. Diese nölige Art zu singen. Zielsicher an der glatten Produktion vorbei. Dieses Schlagzeug, das immer das Lied dominiert, zusammen mit dem Gesang. Und das so Tomte ist… Das ist der Moment, der einen so unvorbereitet erwischt und der deshalb so unwiederbringlich ist. So unvorbereitet wird man nie wieder sein.
Acht Jahre später: Sie wacht auf und denkt, noch bevor sie ganz bei Bewusstsein ist: Er ist ja auch wieder da. Die Brausetablette hat sich aufgelöst und die Blasen blubbern noch vereinzelt im Glas. Noch immer hat er dieses sanfte Lächeln im Gesicht wenn er schläft. Diese Strähne, die nie wie die anderen liegt. Noch immer singt Thees Uhlmann so, als gäbe es da kein Studio und kein Mastern. Noch immer singt er große Worte. Beschreibt er Gefühle mit Ausdrücken, die sie so noch nicht gehört hat. Aber sie stellen auch die Frage, ob das noch wirklich sincerely Thees Uhlmann ist oder kann Thees einfach nicht mehr anders, als jeden Satz größer als Marcus Wiebusch und das Herz des Dalai Lamas machen? Wahrscheinlich könnte Thees auch ins Mikro rülpsen und es würde bedeutungsschwanger klingen. Aber die Größe der Wörter steckt nicht in den Formulierungen sondern in den Szenen, die sie beschreiben. Gail, die mit Walter im Krankenhaus darüber lacht, dass zwei Katzen „Links“ und „Rex“ heißen. Oder das alte Paar, das im Park noch händchenhaltend spazieren geht.
Wahrscheinlich könnten auch sie dieses Paar sein. Denn sie liebt ihn ja noch immer. Noch immer ist es bezaubernd, wenn er New York singt und es sich anhört wie lluvia, was Regen heißt. Mit Sicherheit hat er nicht an Regen gedacht, als er das gesungen hat. Wahrscheinlich kennt er das spanische Wort nicht einmal. Aber für sie ist es ein Moment, in dem sie ihn wieder liebt. In dem die Brausetablette noch einmal aufsteigt, um brodelnd ihre Blasen im ganzen Glas zu verteilen. So wie am Anfang wird sie wahrscheinlich nie mehr schäumen und kribbeln, aber sie wird auch nie ganz aufhören. Da ist nur keine Überraschung mehr. Denn diesen Moment, in dem die Brausetablette das Wasser berührt, den gibt es eben nur einmal. Und dann blubbert sie unweigerlich und unaufhörlich.
Fazit: Man nimmt Buchstaben über der Stadt hin als ein Album von einer Band, die man liebt. Man wird ganz selbstverständlich große Momente darauf finden und Geschichten mit den Liedern erleben. Und dann wird man sich danach auch ganz selbstverständlich wieder anderen Dingen zuwenden.
Katja meint: Tomtes letztes Album war unter anderem deshalb so gut, weil niemand damit gerechnet hatte. Dass Buchstaben über der Stadt nicht immer ins Schwarze trifft, liegt mit Sicherheit aber auch an der hohen Erwartungshaltung des Rezipienten. Trotzdem können Tomte auch zu fünft nicht verhindern, dass sie hin und wieder wie ihre eigene Coverband auf dem neuen Album klingen. Standing on the shoulders of giants ist eben nicht einfach. Aber solange man noch ein Lied darüber singen kann. (7/9)
Stefan meint: Auch wenn diese Band weiterhin geliebt werden muß — mit ihrem 4. Album tun sich die Berliner keinen Gefallen. Textlich zu oft eine Nummer zu sicher, musikalisch im grenzwertigem Bereich zum Muckertum. Und während Ich sang die ganze Zeit von dir bleiben wird, ist New York einfach nur ärgerlich. (6/9)
Sebastian J. meint: Thees Uhlmann zelebriert immer noch jede einzelne Silbe. Der Zusammenhang, in dem diese stehen, berührt jedoch leider nicht mehr so oft und wirkt stellenweise gekünstelt. Trotzdem: gute Songs und denkwürdige Textstellen findet man hier und da allemal. (6/9)
Marius meint: Allein die Tatsache, dass hier jeder etwas „meint“, ist das erstaunliche an dieser Platte. Auch wenn sich Thees Uhlmanns Perspektive verschoben hat, gibt es noch etwas, dass auch weiterhin Bestand haben wird: Tomte muss man einfach lieben! (7/9)
Kerstin Petermann
Kommentare
| badBAT schrieb am 08.02.2006 um 15:49 Uhr: |
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Bisher lief Tomte für mich immer in der 2. Reihe, sie waren da und hatten auch ein paar tolle Lieder, aber so richtig beschäftigen wollte ich mich aus irgendeinem Grunde nicht mit ihnen. 2003 kam ich auch noch an all diesen Fenstern vorbei, erst durch diesen ganzen Medienrummel um das neue Album wurde ich neugierig und fing an mich etwas mehr mit Tomte zu beschäftigen. Jetzt wo ich das Album habe bin ich einfach begeistert, ein wundervolles Album ist es geworden mit wenig Schwachstellen und vielen großen Momenten. Die Medienaufmerksamkeit nehme ich deshalb gerne hin. Denn ich bin eh keiner der sagt das man nur Fan ist wenn man etwas von Anfang an mag, oder das Erfolg alles kaputt macht. Im Gegenteil ich denke gute Bands werden dadurch nur noch besser, aber eines geht wirklich nicht und zwar die heutige Erwähnung in der „In“ Rubrik der BILD-Zeitung. Denn da haben sie nun wirklich nix verloren.
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| alex schrieb am 02.02.2006 um 17:13 Uhr: |
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Ich „meine“, die fünf „Berliner“ (Hab ich da den Witz nicht verstanden?) haben schon wieder Alles gut gemacht. Ich finde da nichts banal. Zumal es vermutlich nicht das Ziel sein sollte möglichst komplexe Songs mit derbe schwierigen Texten zu schreiben. Und trotzdem hat mir TRL meine Band geklaut…
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| IOWA schrieb am 02.02.2006 um 04:32 Uhr: |
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Puh ja…also ich gehe mit der Rezension nicht konform. Ich finde nach ca 3-4 Wochen hören, dass diese Platte den Vorgängern in nichts nachsteht. Sie ist keine „Hinter all diesen Fenster“, schon klar, aber muss sie das? Ich finde nein. Nein des wegen, weil „Buchstaben über der Stadt“ auf seine Art und Weise wirkt. Und diese Wirkung ist für mich nicht minder gravierend wie bei den Alben davor, nur eben auf andere Art und Weisen. Danke schön. ;)
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