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Tom Liwa (20.02.2006)

Herein in die gute Stube.

Band Tom Liwa
Ort Luna-Bar (Münster)
Datum 20.02.2006

Wenn der Frühling im ewig verregneten Münster auf sich warten lässt, ist ein Abend mit Tom Liwa das Beste, was einem passieren kann. Nur eine Handvoll völlig durchnässter Leute haben sich vor der Luna-Bar getroffen, um sich hier ein bisschen aufzuwärmen. Als sie hereingelassen werden, steht Tom schon mitten in der Bar und verbreitet mit einem Topf Weihrauch eine Stimmung, wie man sie sonst nur aus Weihnachts-Gottesdiensten kennt. Die Kräuter dafür hat er selbst angebaut, niemand weiß, was das für Kräuter sind. Er geht von Tisch zu Tisch, begrüßt seine Bekannten (das sind die meisten), plaudert fröhlich auf sie ein und hüpft von einem Thema zum nächsten. Kunst, Geburtstage, die neue Freundin seines Freundes. Dann endlich steigt er auf die Bühne, hinter ihm leuchtet ein riesiges, rotglühendes Herz. Vielleicht noch ein Restbestand aus alten Bordell-Zeiten der Luna-Bar, in der eine Freundlichkeit herrscht, von der sich so mancher Szene-Club in Münster eine Scheibe abschneiden kann.

Er verspricht einen Abend zum Erinnern. Was dann folgte, sind Klassiker aus seiner Zeit mit den Flowerpornoes (Einsam, Lieber als hier) und neueren Sachen von seinen Soloalben Dudajim und St Amour (Für die linke Spur zu langsam, Traumdeuter) In der Mitte des Sets legt er die Gitarre an die Seite, setzt sich an die Harfe und erzählt eine Geschichte. Natürlich könnten all diese Esoterik-Dinger belächelt werden. Der Weihrauch, die Harfe, die Geschichte vom planetarischen Rat, der eine neue Welt erschaffen möchte und dafür nur noch ein G-Dur von Tom Liwa benötigt. Aber das Leben ist nun mal kein Karnevalsumzug und so lehnen sich alle in ihren Sofas zurück und lassen sich das Herz massieren. Es wirkt, so mancher Knoten löst sich und die Versuchung ist groß, die Schuhe auszuziehen, lächelnd die Augen zu schließen und sich an seine Begleitung zu schmiegen. Und warum sollte man sich nicht mal der Versuchung hingeben?

Lediglich gestört wird die Harmonie durch die unglaublich laut knarrende Tür, die einen unangenehm daran erinnert, dass es auch noch ein kaltes Draußen gibt. Als es Tom Liwa ein bisschen zu andächtig wird („Langsam wird's langweilig hier. Immer das selbe Lied, immer der selbe Typ.“) zieht er den Verstärker raus und läuft mit seiner Gitarre singend durch den Raum. Dies scheint ihm besser zu gefallen, ist ja eh wie ein Wohnzimmer hier, doch auf Bitten einer Dame im Publikum („Man versteht die Texte nicht.“) benutzt er mürrisch wieder das Mikrofon („Bin ich froh, wenn es endlich keinen Strom mehr gibt.“)

Überhaupt geht es hier sehr gesittet zu. Es wird kaum Alkohol getrunken und geraucht erst recht nicht (man ist ja froh, dass der Weihrauch gerade abgezogen ist). Außerdem kommt niemand auf die Idee, mit Blitzlicht zu fotografieren oder sein Foto-Handy rauszuholen. Das wäre doch wirklich zu profan und unpassend. Nach dem offiziell letzten Lied traut sich niemand, die Stille zu durchbrechen und „Zugabe!“ zu brüllen. Also bleiben alle einfach sitzen und warten auf den Nachschlag, der natürlich sofort geliefert wird. Als dann das endgültig letzte Lied ausklingt, wird noch mal jeder einzelne gründlich und eindringlich vom Meister anfixiert. Die daraus entstehende Verlegenheit im Publikum entlädt sich in einem gelösten Lachen. „Ein schöner Schluss für das letzte Mal in der Luna-Bar.“, sagt er. Warum denn das letzte Mal? „Och, weiß nicht. Ich hab so das Gefühl, das war jetzt das letzte Mal.“ Hoffentlich nicht, Tom Liwa. Wir bringen auch das nächste Mal Öl mit, für die knarrende Tür. Versprochen.

Linda Wilken


Kommentare



Markus schrieb am 02.03.2006 um 20:58 Uhr:

Sehr schön geschrieben. Macht Lust auf mehr. Ich werde Tom Liwa Ende März in Osnabrück sehen. Vielen Dank!

Homepage: www.lama-musik.de

dietine schrieb am 21.02.2006 um 22:45 Uhr:

Oh, war das schöööööööön…
Der Artikel spiegelt den Abend genau so wieder, wie ich ihn für mich erlebt habe.
Und danach war der Regen auch gar nicht mehr so nass!



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