 Nikotin statt Sauerstoff.
| Band |
Tocotronic |
| Ort |
Kassablanca (Jena) |
| Datum |
23.04.2008 |
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Das ist möglicherweise ein letztes Konzert im Zigarettenqualm. In Thüringen werden die Nichtrauchergesetze erst ab Sommer greifen. Bis dahin riecht es in den Veranstaltungsorten anstatt nach Schweiß nach Nikotin. Veranstaltungsort ist das Kassablanca in Jena. Später wird Dirk von Lowtzow behaupten: „ganz ohne Schleimerei, Jena ist eine der schönsten Städte“, worauf ihm aus der Zuschauermitte minutenlang „Jena, Jena“-Sprechchöre entgegenschallen und er dann barmend die Hände über den Kopf zusammenschlägt und ruft: „Bitte keinen blinden Regionaleifer“. Denn nichts läge Tocotronic ferner als Eifer. Sie sind der Gegenentwurf zu Thomas Stein. Nicht weil dieser Majorplattenfirmenpromotor war und regelmäßig in Castingshowjurys oder auf der Couch bei Oliver Geißen sitzt, sondern weil Stein ein typischer Vertreter der Leistungsgesellschaft (Lieblingswörter: Globalisierung, flexibel, amerikanische Verhältnisse) ist. Tocotronic sind gegen Leistung, gegen Gesellschaft sowieso.
Im Prinzip lässt sich die Dynamik des Konzerts am Beamer festmachen: Je mehr Bewegung auf der Projektion über der Bühne, desto mehr Möglichkeit für die Besucher sich zu bewegen. Beginnt eher stürmisch mit „Mein Ruin“, verebbt bis zum grandiosen „Aber hier leben, nein danke“ und verkommt in der Mitte des Abends zu einem erstaunlich ruhigen Konzert. Vor allem die Stücke von Pure Vernunft darf niemals siegen mäandern durch Jena, Refrain reiht sich an Refrain, gegen den „Stri hi hi hi ich“ wird mit geschlossenen Augen und bebenden Lippen kaum hörbar mitgesungen, während Finger geschickt Tabak in Zigarettenblättchen rollen. Die Rollen auf der Bühne sind klar verteilt: Nach jedem Stück verbeugen sich die Urtocotronicmitglieder galant, ein Zeichen ausgesuchter Höflichkeit wenn ihre Hände dabei den Bühnenboden berühren. Rick McPhail hingegen schraubt währenddessen an seinen Gitarren. Dirk von Lowtzows Ansagen stolpern knietief im Pathos, Arne Zank verschwindet hinter seinem Instrument und Jan Müller ist eben Jan Müller und deutet manchmal an, den Bass in den Luft zu werfen. Macht er dann aber doch nicht, sondern schickt ein zufriedenes Lächeln hinab zu seinen Bewunderern.
Aufgebrochen wird bei „Sag alles ab“. Der Beamer bebt, der Titel, in Kreideschrift auf die Bühne geworfen, zittert. Fast schon erschrocken wälzen sich Crowdsurfer über ausgestreckte Hände. Die Security, die bis dahin teilnahmslos am Bühnenrand hockte, ist plötzlich hellwach und wieselt zwischen den Beinen der Band umher, damit nicht urtümlich ein Jenaer vor den Füßen von Jan Müller landet. So kann es auch gehen. „Explosionen“ schließlich, der letzte Titel vor den Zugaben wächst fünf Minuten lang und sackt dann in sich zusammen. Danach kann nichts mehr kommen. Nur der obligatorische AlteStückeBlock. Alles Bekannte und gut wären dort auch „Die Sache mit der Teamdreschplatte“ oder „Auf den Hund gekommen“ aufgehoben. Stattdessen kein „Freiburg“, vielleicht das erste Konzert überhaupt ohne. Der Vorhang senkt sich nach „Ich habe Stimmen gehört“. Buchstäblich. Die Projektionen verschwinden, ein altes Seemannslied entlässt die Zuschauer, sie greifen nach ihren Zigaretten, die sie auf Vorrat gedreht haben und Nikotin vermischt sich mit Sauerstoff.
Stefan Petermann
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