 Die Toilette und der Tee.
Zum ersten Mal die Nachbarin treffen.
Sie war dann einfach da mit ihren großen freundlichen Augen und hebelte mein Frühwarnsystem aus. Am Ende unseres ersten Gesprächs fragte sie: „Willst du gleich noch auf einen Tee vorbeikommen?“ „Hast du auch Saft da?“ „Klar.“ „Okay.“ „Dann klopf ich gleich an deine Tür.“
Seitdem ich vor zwei Jahren in ein winziges Zimmer neben andere winzige Zimmer mit gemeinsamer Dusche und gemeinsamem Klo gezogen war, hatte ich jeglichen Kontakt mit den Flurnachbarn vermieden. Wenn sich irgendwo die Tür öffnete, verschwand ich rasch in meinem Zimmer. Im Flur hielt ich mich nie lange auf und die Tür schloss ich ab, auch wenn ich zuhause war. Begegnete mir jemand im Treppenhaus, grüßte ich, aber nicht besonders laut. „Nein, wir werden uns so bald nicht wiedersehen“, dachte ich.
Dann aber verschwand unsere Putzfrau und meine Nachbarin lauerte mir auf. Als sie hörte, dass ich die Tür öffnete, stürzte sie aus ihrem Zimmer. Jetzt war es zu spät. Ob ich auch schon gemerkt hätte, dass die Putzfrau nicht mehr putzt, fragte sie. „Öh… ahem…“ „Ich hab dem Vermieter Bescheid gesagt, die Toiletten sind wirklich ekelhaft.“ Und so weiter. Am Ende eben: „Willst du gleich noch auf einen Tee vorbeikommen?“ Ich dachte: „GZSZ, Folge 8, 17, 143, 281…“ Ich dachte: „Immerhin hat sie nicht nach Salz/Kaffee/2 Scheiben Brot vergessen einzukaufen gefragt.“
Ihr Zimmer war ordentlich und gemütlich. Ein Bücherregal, Kühlschrank, Schreibtisch, Schlafcouch. „So sieht also mein Zimmer in schön aus“, witzelte ich und sie schüttete mir naturtrüben Apfelsaft ein. Ich setzte mich auf die Couch, sie auf einen Stuhl. „Du bist die erste, mit der ich aus diesem Haus spreche“, gestand ich und sie: „Echt? Du bist wohl nicht so kontaktfreudig, oder?“ „Geht so.“ Wir sprachen über Studienfächerkombinationen, Studiengebühren, die Vergangenheit, den bösen Vermieter, die lauten Handwerker, kaputte Kühlschränke. Manchmal lachte sie, manchmal ich und manchmal wir beide zusammen. Manchmal waren wir auch verlegen, als uns gerade nichts einfiel, was wir sagen konnten. Dann streifte mein Blick durch ihr Zimmer und ich sagte: „Also mein Wasserhahn funktioniert nicht mehr so richtig.“ Oder: „Hier drin war mal ein Rohrbruch, da wurde alles neu gemacht.“ Das fand sie vermutlich ungeheuer spannend.
Nach 20 Minuten musste ich weg, denn das hier war keine Seifenoper. Ich sagte „Danke und demnächst mal wieder“ und sie sagte „Klar.“ Ich ging in mein Zimmer und sah in den Spiegel. Ich grinste. Nach zwei Jahren hatte ich endlich eine Nachbarin. Mein Frühwarnsystem habe ich ausgestellt. Vielen Dank, Herr Flur.
Sebastian Dalkowski
Kommentare
| cas schrieb am 31.12.2005 um 17:21 Uhr: |
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hey sebastian, wieso hast du die kleine denn nicht geknallt?
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| Isabelle schrieb am 01.12.2005 um 21:59 Uhr: |
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Unglaublich! Ich habe gerade Justmag…naja, nur den Newsletter, aber immerhin, aboninert! Sebastian, noch unglaublicher, vorher habe ich diesen fast ebenso unglaublichen Artikel gelesen. Wenn du daraus keine Schlüsse ziehen kannst!
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