 Teamartikel: Auf den 2. Blick ganz anders.
Das Team schaut nochmal hin.
My Best Friend (Sebastian)
Im Grunde ist es so, dass ich unsterblich in einen kanadischen Fußballspieler verliebt bin. War das vor wenigen Wochen noch rein platonisch, so würde ich jetzt sagen: Wenn er mich fragt, ob ich mit ihm ins Bett will, sage ich nicht nein. Auch wenn er nur auf ein schnelles Abenteuer aus ist. Ich habe Rob Friend nicht immer so vergöttert. Als mein Verein, die vor Jesu Geburt große Borussia aus Mönchengladbach, Rob Friend verpflichtete, um das Stürmerproblem zu lösen, fiel mir nichts mehr ein. Kanada hat in etwa so viele gute Fußballspieler wie Nachbarstaaten. Ich vermutete, dass er eine reiche Familie hatte und diese den guten Rob ins Team gekauft hatten so wie das bei den Japanern in der Formel 1 funktioniert. In den ersten Spielen trabte Rob Friend eher unauffällig über das Spielfeld, die wenigen Begegnungen mit dem Ball gewann eindeutig der Ball. So große Tore konnte man gar nicht bauen. Ich gebe zu, dass ich Rob Friend plötzlich mit anderen Augen sah, hatte auch damit zu tun, dass er plötzlich traf, als hätte seine Familie auch den gegnerischen Torwart bezahlt. Nun erkannte ich, dass er die Bälle abschirmte wie eine Entenmutter, dass er seine Gegner so böse ansah, dass sie den Beruf wechseln wollten und dass er ein echter Torjäger war. Immer wenn Rob Friend traf, gewann Mönchengladbach das Spiel. Ganz Fußballkanada hatte plötzlich einen Grund, stolz zu sein. Am letzten Spieltag der Hinrunde ist Rob Friend vom Platz geflogen. Es war ein normales Luftduell mit dem gegnerischen Torhüter, doch der beschloss nach der Landung, sich einfach fünf Minuten tot zu stellen. Als Rob Friend vom Platz ging, musste ich fast weinen.
Bevor ich das nächste Mal ins Stadion gehe, kaufe ich mir das Trikot eine Nummer kleiner.
Faulheit makes me love (Kerstin)
„Boah musste hören“, sagte mein Freund und hatte mich damit rumgekriegt. Ich gab viel auf sein Urteil und das sollte sich auch nur kurzzeitig ändern. Schuld daran waren Modest Mouse und ihr Album This Is A Long Drive For Someone With Nothing To Think About. Es ist eine Musik, die aus Fetzen besteht, die zerrissen ist und bei der die Melodie in Fragmente zerstückelt ist. Ich konnte die Stücke des Musikpuzzles nicht zusammensetzen. Ich stempelte es nach dem ersten Hören, Isaac Brock verzeih mir, als Gefrickel ab. Zum Glück bin ich aber faul, was dazu führt, dass eine CD mitunter wochenlang im CD-Spieler liegen bleibt, einfach weil ich keine Lust habe, sie zu wechseln. So kam es, dass ich über Wochen das „Gefrickel“ von Modest Mouse hörte. Wie es kam, dass sich die Puzzlestücke und Fetzen zusammenfügten und grandiose Lieder ergaben, weiß ich nicht. Es muss die Liebe auf den zweiten Blick gewesen sein und seit dem weiß ich, wie toll es ist, Alben zu entdecken und reifen zu lassen. Danke, meine Faulheit, aber vor allem: Danke Isaac Brock und danke, mein Freund.
Küsse in Fackeln im Sturm (Bert)
Was habe ich den Krieg geliebt. Kanonen knallten, Männer in eleganten Uniformen fielen von Pferden, erschossen sich gegenseitig mit Musketen, rammten sich Messer in die stolzgeschwellten Brüste und sprengten in ihrer Besessenheit für die gute Sache ganze Schiffe weg. Nie wurde der Sezessionskrieg effektvoller präsentiert als in Fackeln in Sturm. Patrick Swayze spielte in der 15teiligen Serie den heißblütigen Draufgänger Orry Main aus den Südstaaten, der leidenschaftlich für die Sklaverei eintrat und dabei das Herz von Madeline Maine gewann. Genau da lag das Problem. Ich war zehn Jahre oder elf und ich wollte Blut sehen, Pulverdampf, die schicken Hüte mit den gekreuzten Schwertern. Ich wollte Sklaven auf Baumwollfeldern schuften sehen und meinetwegen prachtvolle Landschaftsaufnahmen der amerikanischen Wüste. Aber unter keinen Umständen Küsse. Und davon gab es reichlich. Ständig küsste Patrick Swayze, meistens Lesley-Anne Down. Auf die Lippen! Offensichtlich mit Zunge! Das fand ich schlimm. Zum einen war Küssen eine sehr widerwärtige Sache und zum anderen sollte man das schon gar nicht in der Öffentlichkeit machen. Vor Millionen von Menschen. Jedesmal, wenn in Fackeln in Sturm geküsst wurde, hielt ich mir demonstrativ die Hand vors Gesicht. Ich schwor mir, niemals und unter keinen Umständen zu küssen. Und falls, aus welchen zweifelhaften Gründen auch immer, doch der Tag kommen sollte, dann würde ich es von allen Blicken verborgen tun.
Was soll ich schreiben? Mittlerweile sehe ich das entspannter.
Öfter mal was Neues (Linda Krull)
Diesen Sommer habe ich mein Abitur gemacht. Man hörte von allen Seiten, ein neues, aufregendes Leben würde auf uns warten. Ich hatte mir alles ganz genau zurechtgelegt: Ich hatte mich an 3 Universitäten (Münster, Bielefeld, Paderborn) beworben, für Germanistik, Philosophie, Politikwissenschaft, Sozialwissenschaft, Soziologie und Linguistik. Aber für mich stand fest, dass ich in Münster Germanistik und Philosophie studieren würde. Ich fand die Stadt super, die Uni und ich dachte, nirgendwo auf der Welt ist es so schön wie in Münster. Soweit so gut.
Im September dann die erste Absage aus Paderborn. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, angenommen zu werden, aber egal, Münster wartete schließlich auf mich. 2 Wochen später der Brief aus Münster. Kribbeln in der Magengegend. „Ablehnungsbescheid“. Ich war in Münster lediglich für Philosophie angenommen worden. Das saß. Dann kam Post aus Bielefeld. Zusagen für Philosophie und Soziologie. In den weiteren Wochen kamen noch Zusagen für alle anderen Fächer, außer für meinen Favoriten Germanistik. Auch in Linguistik wurde ich angenommen, obwohl ich mich nur dafür beworben hatte, weil noch ein weiteres Fach zur Bewerbung frei stand, und „Linguistik“ so gut klang.
Letztendlich bin ich also in Bielefeld gelandet und studiere Philosophie und Linguistik. Eigentlich wollte ich hier nicht hin. Aber je länger ich durch die riesige Uni spaziere, desto wohler fühle ich mich. Und ich glaube, es tat mir ganz gut, dass einmal nicht das eingetroffen ist, was ich mir ausgerechnet hatte. Als mich letztens jemand auf Münster ansprach, meinte ich bloß: „Ach, scheiß' doch was auf Münster.“ — Und das meine ich nicht nur, weil ich dort nicht angenommen wurde.
Die niedliche Plastikente (Kasanobu)
Es gibt Weihnachtsgeschenke, die sind auf den ersten Blick echt toll und praktisch. Auf den zweiten Blick allerdings sind sie nutzlos, dämlich, und in manchen Fällen sollte sich der Beschenkte sogar überlegen, ob bei der Auswahl des Präsents nicht etwa sadistische Tendenzen mit eingeflossen sind. Ein Beispiel: Diese niedlichen Plastikenten, die als Behältnis für Duschgel dienen. Die meisten besitzen hinten noch einen Saugnapf zur Wandbefestigung. Als sich letztes Jahr ein derartiges Produkt unter meinen Geschenken fand, dachte ich: „Ach, die ist ja niedlich!“ Und genau darin lag das Problem. Sie war zu niedlich zum wegwerfen! Ich konnte unmöglich das Duschgel aufbrauchen und dann die nutzlos gewordene Ente in die Tonne schmeißen! Das süße Ding schaute doch so niedlich… also nein, wegwerfen geht nicht. Aufbrauchen und dann die leere Ente an die Wand kleben? Nein, die würde sicher total zerknautscht aussehen… oder das Gel aufbrauchen und danach gleich auffüllen? Das erschien mir als die humanste Lösung, doch langfristig gesehen wäre das zu aufwendig und würde mit der Zeit möglicherweise enorme Hassgefühle sowohl gegenüber der Ente als auch dem Schenker hervorrufen… apropos Geschenke… es ist doch bald Weihnachten… ich glaube, ich weiß, was ich mit der Ente mache!
JUSTmag
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