 Gestrichene Geniestreiche.
Eine tolle Idee… doch nicht.
Kampf den Kiffern (Sebastian)
Ich bin ein unerträglicher Kotzbrocken. Einmal war ich auf einer Mission. Die Mission lautete: den Konsum von Marihuana anprangern. Und zwar direkt dort, wo die Zielgruppe der Mission hockte — auf einem Rockfestival mit 30000 Besuchern. Deshalb ging ich in einen T-Shirt-Bedrucker-Laden und formulierte der Mitarbeiterin einen Spruch in den Kugelschreiber, der jeden Kiffer provozieren und dann zur Einsicht treiben würde. Auf dem T-Shirt stand: Gras ist auch nicht besser als Hitler. Mir war das nicht peinlich, ich fühlte mich im Recht. Drogen machten einen Menschen so willenlos wie Hitler. So einfach war das. Voller Entschlossenheit stapfte ich aufs Gelände, die Brust sehr breit. Zwei Stunden später war ich voller Entschlossenheit, das T-Shirt nie wieder anzuziehen, die Brust war sehr klein. Ich hatte das Konzert meiner Lieblings-Band sehen wollen, doch ständig starrten Leute auf mein T-Shirt, dann stupsten sie ihren Nachbarn an und zeigten auf mein T-Shirt. Dann hatte ich das Gefühl, dass alle auf mein T-Shirt starrten, ihren Nachbarn anstupsten und auf mein T-Shirt zeigten. 29999 Leute sahen mich an und ich sah die Band an.
Heute denke ich: Jeder soll mit der Droge glücklich werden, die ihm gefällt.
Kampf der Rehabilitation (Kerstin)
Ich kam vom Einkaufen. Im Treppenhaus kamen mir schon zwei Jungs entgegen. Um mir meine Beutel hochzutragen, wie ich hoffte. Sie hatten andere Pläne: Wegen jugendlichen Leichtsinns im Gefängnis gelandet und eben wieder raus und auf der Suche nach dem Platz im Leben waren sie. Den sollte ihnen der Zenit-Verlag beschaffen. Eine Resolzialisierungsmaßnahme und ein Ärgernis für die Betroffenen. Nicht, dass ich daran gezweifelt hatte, dass sie bessere Chancen auf eine Arbeit hätten, wenn sie sich beim Zeitungsverkauf für Zenit bewähren würden… Hätte ich mal gezweifelt. So aber unterschrieb ich ein Abo für den Focus. Ich könnte es ja innerhalb von zwei Wochen problemlos kündigen. Diese zwei Wochen verbrachte ich dann damit, zu versuchen bei der Hotline (14c pro Minute) durchzukommen und Briefe zu schreiben, die das Abo kündigen sollten, und Briefe zu bekommen, die mich zur Zahlung von 150 Euro aufforderten, und wieder Briefe zu schreiben, die dies abwenden sollten und sagten: NEIN. Irgendwann ein paar Monate später wurde stillschweigend die Lieferung des Focus eingestellt, den ich bisher immer noch bekommen hatte, ohne bezahlt zu haben. So kam es also, dass ich ein paar Monate lang den Focus las, jetzt wieder den Spiegel und nichts wohltätiges mehr tue.
Zum Geburtstag kein Glück (Katharina)
Das würde die Überaschungsparty des Jahres werden, ein Knaller, eine einmalige Sache, er würde noch Jahre später daran denken, dachten wir. Mein bester Freund denkt mit Sicherheit noch manchmal an diesen Geburtstag damals. An diesen Geburtstag, den wir ihm so richtig versaut hatten. Wir hatten uns alles so schön ausgemalt! Das Mädchen, in das er verliebt war, war von der Idee begeistert gewesen: Wir wollten ihn an einen abgelegenen Ort locken, ihm einen kleinen Streich spielen, dann alle hinter der Mauer hervor springen, „Überraschung“ schreien und mit ihm feiern. Die Planung war ein Riesenspaß. Da die meisten von uns an dem Tag arbeiten mussten, konnten wir die Aktion erst abends starten und die Angebetete des Opfers erfand Ausrede um Ausrede, warum sie erst später Zeit hätte, warum sie nochmal weg müsse und warum er sie doch bitte abholen sollte von dieser Fabrik beim Stadtrand. Er hätte alles für sie getan, also ließ er sich belügen und fuhr in die Pampa, dorthin, wo wir auf der Lauer lagen und uns freuten. Wir waren mit unserer Freude alleine. Er sah uns schon aus dem Auto. Ihm war sofort klar, warum er den ganzen Geburtstag mit Warten verbracht hatte anstatt mit seinem Mädchen, und auch, dass er sich den Ärger darüber jetzt nicht anmerken lassen durfte. Es gelang ihm gottseidank nicht, und so habe ich an diesem Abend eine wichtige Lektion gelernt: Überraschungen sollten vorallem dem Freude machen, der sie bekommt, und nicht denen, die sie planen.
Und danke für den Fisch (Bert)
Ich habe eine Fischallergie. Zumindestens heute. Früher wurde mir von Fisch nur schlecht. Früher, das war vor einigen Jahren. Ich hatte eine Freundin. Ihre Eltern luden uns ein. Ich kaufte Blumen für die Mutter und lobte die Arbeit ihres Vaters im Garten. Dann gab es Mittag. Die potentiellen Schwiegereltern hatten etwas ganz besonderes vorbereitet: Karpfen. Stundenlang mussten sie in der Küche gestanden haben. Auf dem Tisch das gute Geschirr. Und Fischbesteck. Ich wusste, Fisch bekommt mir nicht. Ich würde nur ein kleines Stück probieren und die Übelkeitsphase überstehen. Ich aß ein Stück Karpfen. Das schmeckte.
Kurz darauf wusste ich: Fehler. Mit zitternden Händen öffnete ich meine zweitobersten Hemdknopf. Meine Kehle schwoll trotzdem an. Der Schweißfilm auf meiner hochroten Stirn ein Wasserfall. Ich bekam keine Luft. Ich kippte vom Stuhl. Ich hielt meinen Bauch, hechelte, spürte meinen Puls rasen, mein Herz schlagen. Natürlich übergab ich mich. Im Haus meiner potentiellen Schwiegereltern. Sie riefen den Notdienst. Der brachte mich in die Notaufnahme. Von diesem Tag war mir endgültig klar: Fisch und ich, das wird in diesem Leben nichts mehr.
Vorweihnachtlicher Prinzipienbruch. (Sina)
Damit eins mal klar ist: Ich bin kein Mädchen, das einen Mann beim ersten Date gleich mit nach Hause nimmt. Zu leicht wird die Stimmung merkwürdig oder irgendwas wird missverstanden und überhaupt… Einmal machte ich eine Ausnahme. Es genügten ein paar Tassen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, eisige Außentemperaturen und das Wissen um meine nicht vorhandene Sexyness. „Da passiert doch sowieso nichts. Nicht in meiner Welt.“ , dachte ich. Falsch gedacht. Kaum in meiner Wohnung angekommen, begannen wir das, was wohl „heftiges Herumknutschen“ genannt werden kann. Ich genoss es, aber irgendwann dachte ich: „Moment mal, was machst du hier eigentlich?“ Verlegen brach ich ab, was mein neuer Bekannter anscheinend niedlich fand und ihn sogar noch mehr anspornte, mich immer weiter und weiter zu küssen…und ich machte mit nach dem Motto: Jetzt ist eh egal. Nach ein paar Stunden ging er und ich fühlte mich, als hätte er die alte Sina mitgenommen. Die Sina, die gewisse Grundsätze hatte. Keine Küsse ohne Verliebtsein. Daran hatte ich mich mein ganzes Leben lang gehalten. Ich blieb verwirrt zurück mit meinem schlechten Gewissen und der Erfahrung, dass mit Fremden zu knutschen zwar aufregend ist, sich verliebte Küsse aber sehr viel besser anfühlen. Vor allem hinterher.
Der Wasserspender (Johanna)
Blumen. Ich liebe Blumen. Meine ganze Wohnung ist voll von diesen Licht und Wasser fressenden grünen Ungeheuern. Meine Lieblinge. Doch wie so oft stand ich kurz vor meinem wohlverdienten Urlaub vor einem Problem: Wie gieße ich die Blumen, wenn ich nicht da bin? Ich dachte mir einen Plan aus. In Gartencentern gibt es immer so neumodische Blumengießer, die der Pflanze, zumindest laut Anleitung, genau die benötigte Wassermenge geben. Doch die kluge Johanna sagte zu sich: Warum soviel Geld ausgeben? Wozu studiere ich? Ich kann doch einfach eine leere Plastikflasche mit Wasser füllen, Löcher in den Deckel machen und sie auf dem Kopf in die Erde stecken. Durch den Druck fließt dann nur solange Wasser aus der Flasche, bis die Erde ausreichend feucht ist. Das war die Lösung meines Problems. Simpel und günstig, genau das Richtige für mich und meine Lieblinge. Also nahm ich alle leeren Plastikflaschen, die ich fand, füllte sie mit Wasser und steckte sie in die Erde. Das Ergebnis stellte mich zufrieden. So konnte einem erholsamen Urlaub nichts mehr im Wege… Gleich, nachdem ich aus dem Urlaub zurückgekehrt war, stürmte ich ins Wohnzimmer. Was ich fühlte: Ach du Schreck. Was ich sah: ein einziges Meer voll kaputter Pflanzen. Alle ertrunken. Hätte ich die Löcher doch nicht so groß gemacht. Hätte ich doch besser so einen neumodischen Blumengießer gekauft. Dafür kann ich jetzt beruhigt die nächste Reise antreten. Pflanzen, die gegossen werden müssen, habe ich ja keine mehr.
Die Redaktion
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