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Als ich mal etwas total Verrücktes tat.

Als ich mal etwas total Verrücktes tat.

Die Redaktion packt aus.

Grasraucherbeobachter (Sebastian)

Im Grunde besteht mein Leben aus Abschnitten, die langweilig sind, und aus Abschnitten, die todlangweilig sind. Da fällt mir ein, einmal erlebte ich etwas Verrücktes. Etwas Illegales. Gut, ich sah Freunden zu, wie sie etwas Illegales machten. Den Ärger hatte trotzdem ich.
Folgendes: Ich kannte mal zwei Mädchen, die wollten mit 16 unbedingt vergessen, dass sie auf dem Land wohnten. Also fuhren sie über die Grenze nach Holland, deckten sich mit Gras ein und kamen dann zu mir. „Lass mal losziehen“, sagten sie und ihre Augen glänzten. Ich sagte meiner Mutter was von „Geh mal kurz Döner holen“, dann machten wir uns auf den Weg zum anderen Ende unseres Dorfes. Dort drehten die beiden sich Krümel in die Zigarette und rauchten los. Ich sah überaus aufgeregt zu. Das hier war illegal. Wow. Selbst rauchen wollte ich nicht. Kein Alkohol, keine Zigaretten, das war mein Vorsatz, seitdem ich wusste, was Drogen waren. Meine Freundinnen wurden high und redeten Blödsinn und ich bildete mir ein, vom Qualm ebenfalls high zu sein. Junge, Junge, war das hier abgefahren.

Als ich nach hause kam, eine halbe Stunde nach Mitternacht, saß meine Mutter im Nachthemd in der Küche und sah sehr ernst aus. Sie wusste genau, was passiert war. Sie wusste genau, dass ich dabei nur zugesehen hatte und sie wusste auch, dass ich nie mehr etwas tun würde, was illegaler war als Grasraucher beim Grasrauchen zu beobachten. Das war ihre einzige Chance, mir eine Standpauke wegen jugendlicher Fehlverhalten zu halten. Und das tat sie. Ich fand das verrückt.


Der Schauer im Notizbuch (Pascal)

Darf man so was überhaupt? Und wenn ja, hat das schon mal einer vor mir gemacht, von dem man das kennt? Ich war unsicher. Wo ich doch nun wirklich von mir sagen kann, dass ich der friedlebendste und besonnenste Mensch bin, den ich kenne. Überhaupt. Okay, als ich meinen älteren Bruder mal vom Kindergarten abgeholt habe, habe ich einem Eine reingehauen, weil der meinen Anorak angefasst hat, erzählt man so, denn ich weiß das gar nicht mehr. Aber das müssen dann auch die letzten Anwandlungen von irgendwie gearteter Gewalttätigkeit in meinem Leben gewesen sein. Aber da ist dieser Eintrag in meinem Notizbuch, vor dem mich so schauert. Um die Spuren zu verwischen, hab ich den Titel gleich wieder weggestrichen, aber auch der Rest — ist das erlaubt? Nach unerwartet schneller Versöhnung hab ich die Seite vergessen, aber da ist sie noch: „Wo blüht der Zitronenpfeffer/ Aus Farnen alter Haare/ Tückischer als bei dir/ Kolosskotzende Widerlichkeit/ Deiner weltschreienden Niederträchtigkeit/ Ohne Zweifel/ Sollst du nur einmal/ Die gurgelwürgenden/ Verzweiflungszerfletzungen/ Ausstehn/ Die ich/ Fühle.“


Keine Strickjacken in Prag (Stefan)

Keine Ahnung, ob man das verrückt nennen sollte: jedenfalls war es ein spontaner und in allen Instanzen ungeplanter Entschluss, nach Prag zu einem Konzert der Cardigans zu fahren. Damals war gerade ihr bestes Album Gran Turismo erschienen, ein kleines Meisterwerk, weshalb und wegen Nina wir Tschechien besuchen wollten. Mittags setzen wir uns ins Auto und fuhren los. Weil wir die Mautgebühr auf den tschechischen Autobahnen vermeiden wollten, schlugen wir uns auf Nebenstraßen nach Prag durch. Das und ein Autoatlas mit den Grenzen von vor 89 kostete etwa drei Stunden Zeit, weshalb es schon dunkel war, als wir endlich ankamen. Wir hatten: keine Eintrittskarte, keinen Stadtplan, zu wenig Geld, kaum Fremdsprachenkenntnisse und kannten nur den Namen des Clubs, in dem die Schweden angeblich spielten sollten. Unser Plan war nun, sich zum Konzert durchzufragen.

Allerdings, und das war der Haken, kannte niemand den Club, den wir nannten und wusste niemand, dass die Cardigans heute hier überhaupt spielen sollten. Bis kurz vor Mitternacht versuchten wir unser Glück. Schließlich gaben wir auf. In einem Umkreis von wenigen Kilometern hatten fünf Schweden an diesem Abend wunderbare Musik gespielt, doch wir waren nicht dabei gewesen. Natürlich hatten wir keinerlei Gedanken an potentielle Übernachtungsmöglichkeiten verschwendet. Es war April, es war kalt und als Schlafplatz entschieden wir uns für einen Zaun nahe eines Parks. Am nächsten Morgen wurden wir vom Knurren zweier Kampfhunde geweckt, die zähnefletschend versuchten, ihre speicheltriefenden Mäuler durch den Zaun zu stecken. Es fiel nicht schwer, Prag darauf hin zu verlassen und von da an niemals wieder etwas Unüberlegtes zu tun.


Wenn Mutti auf die Pauke haut (Bert)

Normalerweise bin ich die Bandmutti. Ich ermahne meine Jungs streng, sich vor Auftritten nicht dem übermäßigen Genuss von Rauschmitteln hinzugeben. Weil dann der Schlagzeuger neben dem Takt schlägt, der Bassist von der Bühne fällt und der Keyboarder vergisst, das Stromkabel ins Instrument zu stecken. Ich selbst schätze auf der Bühne einen klaren Kopf, der mit hilft, sauber zu spielen und die Reaktionen des Publikums richtig einordnen zu können.

Einmal trank Mutti eine nicht unerhebliche Menge mit Whisky versetztem Orangensaft. VOR einem Auftritt. Es machte sehr viel Spaß. Die Zuschauer tobten, die Musik war einfach nur genial, ich schrubbte ein Solo nach dem anderen zur Freude meiner begeisterten Bandmitglieder auf meiner Gitarre und machte supercoole Ansagen. Ein klasse Gig, an dessen Ende ich ins Schlagzeug sprang, so wie Kurt Cobain im Video zu Lithium. Schlagzeuger, Keyboarder und Bassist kamen später zu mir. Sie drucksten ein wenig herum und meinten dann, sie hätten sich noch nie so sehr geschämt wie an diesem Abend. Ob ich nicht gemerkt hätte, dass meine Akkorde ebenso falsch wie meine Stimme schief geklungen hätten? Ob ich nicht gesehen hätte, wie sich der kleine Klub nach zwei Liedern schlagartig geleert hätte und selbst treue Anhänger lieber draußen Zigaretten rauchten?

Hatte ich natürlich nicht. Und um ehrlich zu sein: Es war mir vollkommen egal. Nach wie vor ist dieser Abend in meinem Kopf als bester Gig aller Zeiten abgespeichert.

Die Redaktion


Kommentare



anonymer planloser sponti-cardigansfan schrieb am 03.06.2007 um 21:01 Uhr:

@Stefan: Niemals wieder etwas Unüberlegtes? Noch am selben Tag an der Grenze zurück nach Deutschland, berauscht von einer durchwachten Nacht und einem schlaftrunkenen Morgenspaziergang durch Prag, hatten wir die Lässigkeit vor den Zöllnern so zu tun, als hätten wir was zu verbergen. So dass das ganze Auto durchsucht wurde. Wir konnten das natürlich nur, weil wir zu illegalem Besitz garnicht in der Lage waren und weil die Grenzer unser Schlafdefizit für 'bekifft sein' hielten. Ich weiß garnicht mehr wie ich mit dem Auto noch bis nach Hause gekommen bin. Und übrigens, Du hast im Auto übernachtet, ich im Gras neben den Hunden. :)

Antwort von Antwort am 03.06.2007 um 21:10 Uhr:

@ geheimnisvoller anonymer planloser sponti-cardigansfan: Das Ende der Geschichte, das am Zoll spielte, sollte eines Tages Teil eines anderen Textes werden „Als ich mal bei jemanden mitfuhr, der etwas total Unerwartetes tat, was sich später als total cool entpuppte“


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