 Schade, dass du nicht mehr da bist: die Schülerzeitung.
Nicht Spanner. Spinner!
Kurz nach der Wende kamen wir aufs Gymnasium. Damals mussten sich verschiedene Systeme neu erfinden. Unter anderem das Schulsystem. Statt „Staatsbürgerkunde“ sollte es nun Ethik geben, statt Zensuren Punkte und Fächer sollte man angeblich frei wählen können. Jede Menge Veränderungen also. Und vieles musste neu geschaffen werden. Dazu zählte auch eine Schulzeitung.
Die Großen (die aus der 8. und 9.) wollten ein solches Projekt starten. Also riefen sie alle Interessierten auf, sich in einer Freistunde zu einer ersten Redaktionskonferenz zusammenzufinden. Dummerweise hatten wir da Mathe, was uns natürlich nicht daran hinderte, trotzdem zu erscheinen und die Grundlagen der Stochastik zu verpassen, ein Wissensdefizit, welches ich bis heute nicht verwunden habe. Die Konferenz war das übliche Lümmeln in Sofas, Trinken von Automatenkaffee aus Plastikbechern und Schlechtreden von Vorschlägen anderer. Ergebnisse wurden nicht erzielt, allerdings kristallisierte sich eine kleine Gruppe heraus, die die zukünftige Schülerzeitschrift allein stemmen wollte. Alle Anderen würden sagen können: „Wir waren dabei.“ Und das wäre dann ihr einziger Beitrag dazu.
Wenige Monate später erschien: „DER SPANNER“. Die erste Ausgabe der ersten Schulzeitung am ersten Gymnasium unserer Heimatstadt im gerade wiedervereinten Deutschland. Und wir waren nicht dabei. An keiner Stelle wurden die Probleme der Siebentklässer erwähnt, ja, es fehlten jegliche Anzeichen, dass eine siebente Klasse hier überhaupt existierte. Wir fühlten uns übergangen, verraten, unsere Würde mit Füßen getreten. Doch unser Ehrgeiz war geweckt. Also erschufen wir eine eigene Schülerzeitschrift, exklusiv nur für unsere Klasse. Niemand sonst sollte mitmachen dürfen, wir wollten die absolute Kontrolle über Inhalt, Form und Vertrieb. Die bekamen wir. Über den Namen mussten wir nicht lange nachdenken. Wenn der Feind „DER SPANNER“ hieß, konnte die einzige Publikation von wirklicher Bedeutung an diesem Gymnasium nur „DER SPINNER“ heißen. Spanner. Spinner. Spinner. Spanner. Mit einem simplen Vokalwechsel war uns ein Riesencoup geglückt.
Unsere Zeitung setzte sich aus verschiedenen Rubriken zusammen: es gab den Steckbrief eines unbeliebten Schülers, ein paar aktuelle Neuigkeiten, eine Fortsetzungsgeschichte („Mord an einem Star“), ein wenig Gossip, den wir aus der BRAVO abschrieben und die erfolgreichen, mehrseitigen Rätsel. Am wichtigsten war uns jedoch die Hitparade. Jeder aus der Klasse konnte sich aus verschiedenen vorgegebenen Liedern für seine fünf Favoriten entscheiden. Schätzungsweise die Hälfte der potentiellen Wähler verzichtete auf sein Recht. Das war dann unsere Chance. Entweder überredeten wir die Nichtwähler, für unsere Favoriten zu stimmen oder die Redaktion füllte die Wahlzettel nach besten Gewissen eigenhändig aus. Jedenfalls entsprach die Hitparade im „SPINNER“ in allen Ausgaben unseren Erwartungen und es gab nie eine Nummer Eins, die uns enttäuschte.
Die Reaktion im Kollektiv war geteilt. In der siebenden Klasse haben die Grabenkämpfe der Pubertät längst begonnen. „Eine Zeitung zu machen“ ist in diesem Alter definitiv jenseits aller Coolnesserwartung. Das hielt uns nicht davon ab, trotz hochgezogener Jungenaugenbrauen und genervter Mädchenblicke immer weiter zu schreiben, kopieren und verteilen. Die Redaktion schrumpfte mit jeder Ausgabe, jede Ausgabe wurde dünner und wir machten uns nicht mal mehr die Mühe, die Chartmanipulationen zu verschleiern. Doch wir hielten durch, von einer selten Abart eines Kamikazeehrgeizes getrieben, die uns schließlich am Schuljahresende zu den uncoolsten Personen in unserer Klassenstufe werden ließ. Der Name des Mediums erwies sich als prophetisch.
Vom „SPANNER“ gab es nur eine Ausgabe. Erst viele Jahre später wurde er reaktiviert, dann mit neuer Redaktion und einigermaßen professionellem Umfeld. Der „SPINNER“ hingegen erschien mindestens fünf mal, eine beachtliche Leistung dafür, dass wir eigentlich Besseres zu tun gehabt hätten, als Hitparaden zu manipulieren. Später kamen wir in die achte Klasse. Und der „SPINNER“ erschien niemals wieder.
Stefan Petermann
Kommentare
| anonymes ehemaliges Redaktionsmitglied schrieb am 03.06.2007 um 20:26 Uhr: |
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Nein! Stefan! Das wußte doch NIEMAND mit der 'Chartsmanipulation'. Überhaupt wir waren doch nicht UNCOOL! Gab es wirklich 5 Ausgaben? Aber es gab keine 8. Klassen! Nur die 7. wurde im ersten jahr neu eingeführt. Insofern waren wir den anderen gegenüber nicht nur aus dem Schulgebäude ausgelagert, sondern auch noch kleiner, noch unbedeutender, noch spinnerter.
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