 Dauerhaft ehrliche Musik.
Noch bevor ihr zweites, nicht unumstrittenes Album 2 erscheint, spielen Spillsbury schon die ersten Konzerte ihrer Tour. Trotzdem finden Tobias Asche und Zoe Meißner Zeit, JUSTmag einige Fragen per Mail zu beantworten.
Um ehrlich zu sein, hatte ich ziemlich viel Furcht vor eurem neuen Album. Bei RAUS dachte ich noch, wie wahnsinnig es sei, die kompletten 50 Minuten auf 180 zu fahren. Und genau das ist der bezeichnende Charakter damals gewesen, den ich sehr zu schätzen gelernt habe. 2 ist vielfältiger. War das wichtig, euch für die Musik neue Ziele zu setzen?
Während auf RAUS tatsächlich nur schnelle Songs enthalten sind und dadurch jeder Song vom Stil her eher ähnlich war, haben wir uns bei 2 etwas mehr ausgelebt. Wir hatten viel mehr Rhythmen und Tempi als bei RAUS im Kopf und speziell beim Gesang haben wir uns viel mehr Zeit zum entwickeln gelassen. Der Gesang ist denke ich auch der Hauptunterschied in der Produktion im Gegensatz zu RAUS.
Anfangs empfand ich den Albumtitel als eine zu einfache Wahl. Erst beim genaueren Nachdenken kamen dann die Assoziationen zu weiteren Bildern. Gab es in einer früheren Phase Alternativtitel für das Album?
2 war die erste Wahl und auch ziemlich schnell entschieden und eigentlich auch schon direkt nach RAUS angedacht.
Inhaltlich beschäftigt ihr euch meiner Meinung nach viel mit den Blicken von außen auf das eigene Ich und die direkte Reaktion darauf. Ist das den letzten zwei, drei Jahren und den Erfahrungen, die ihr mit Spillsbury gemacht habt, geschuldet?
Nach dem ersten Album bekommt man als Musiker das erste Mal schriftlich zurück, was andere von der eigenen Arbeit und Kunst halten. Da ist natürlich erst mal einiges zu verdauen, sowohl positiv als auch negativ. Das fließt dann automatisch in die Texte ein.
Ihr habt ja eine eigene Herangehensweise, Themen auf eine bestimmte Weise umzusetzen. Hattet ihr irgendwann mal das Gefühl, dass ihr euch als Imageträger neu erfinden müßtet? Wie groß war dahingehend der Druck für euch vor und während der Aufnahmen zu 2?
Wir haben uns außer mit unserer Musik eigentlich nirgendwo bewusst positioniert. Das passiert auch wieder automatisch, wenn versucht wird, Bands und Musik zusammenzufassen und zu kategorisieren. Von daher haben wir nix anders zu machen, oder im Nachhinein zu beklagen. Für Spillsbury stehen die Musik und die Texte, alles andere hat erst mal nichts mit der Band zu tun und kommt von außen.
Mit Zwei Von Vielen habt ihr einen der ruhigeren Songs als erste Single ausgewählt. Wolltet ihr damit ein bestimmtes Zeichen setzen?
Wir wollten etwas machen, was nicht von uns erwartet wird, sowohl mit dem Album, als auch mit der Single. Außerdem hat Zwei Von Vielen auch spontan allen Beteiligten gefallen.
Diesen DIY Aspekt der ersten Platte weicht auf 2 ein, ich möchte fast sagen, erwachsener Umgang mit Klängen. Es wirkt weniger zufällig. Ist das einfach einer gewissen Routine im Umgang mit der Technik geschuldet?
Bei RAUS waren wir beide Anfänger, was das Produzieren mit Software und Synths und so angeht. Unsere technische Weiterentwicklung fließt entsprechend stark in die Produktion und den Umfang der neuen Songs ein.
Für mich artikuliert ihr ein Gefühl, auf beiden Alben jeweils, das für mich bisher nur traditionelle Gitarrenbands ausdrücken konnten. Auch wenn ihr über Musik sprecht, die euch begeistert, fallen nicht unbedingt Namen, die man erwarten würde. Ist dieses Zwischen-den-Stühlen-sitzen etwas, das ihr mögt, dass ihr ganz bewusst sucht? Gibt es einen musikalischen Ort, an dem ihr euch heimisch fühlt?
Platt gesagt sitz ich gerne vor dem Rechner und schreibe neue Songs mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Da sind wir weder auf Stile noch Lautstärken festgelegt, wie das vielleicht mit einer Band im Proberaum wäre.
Glaubt ihr, dass sich der Charakter eurer Musik entscheidend verändern würde, wenn die Lieder mit Gitarre eingespielt wären?
RAUS ja, 2 nein, manchmal auch andersrum…
Ich muss gestehen, dass ich Schwierigkeiten mit Nein habe, was vor allem an Denyos gerappter Strophe liegt. Da wird für mich ein Fenster aufgemacht, nicht unbedingt textlich, eher so als Gestus, welches überhaupt nicht meinem bisherigen Verständnis von Spillsbury entspricht. Warum war es wichtig, dass gerade Denyo diese Strophe rappt?
Wichtig war der Rapteil überhaupt. Am Ende haben wir uns dann für Denyo entschieden und finden seinen Part auch sehr passend, sowohl von der Art als auch vom Text.
Die Texte stammen ja, bis auf Zwei Von Vielen, von Tobias. Musst du dich in bestimmte Stimmungen versetzen, um sie zu schreiben? Oder sind es Textfragmente, die du sammelst und erst im Studio zu einem kompletten Song zusammensetzt?
Im Studio wäre zu spät, meistens sind komplette Texte fertig, bevor ein konkreter Song fertig ist. Zoe entwickelt dann die Gesangsmelodien und wir passen die Texte entsprechend an.
Könnten Spillsbury auch in Englisch funktionieren?
Bestimmt.
Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich ein Interview mit Tele gemacht. Die hatten in der damaligen Intro, genau wie ihr, bei den „Platten vor Gericht“ den letzten Platz belegt. Tele waren sehr erstaunt darüber, weniger über die Platzierung. Sie meinten sinngemäß: „Da machst du dir schon Gedanken, wie die da drauf kommen. Man liest ja die eigene Musik ganz anders, als die das tun.“ Geht euch das ähnlich? Oder anders gefragt: Was entgegnet ihr Menschen, die mit eurer Musik nichts anfangen können?
Dasselbe wie Menschen, die mit unserer Musik etwas anfangen können. Wir freuen uns über jede Meinung, wissen aber auch, dass diese niemals unsere Art von Musik beeinflussen werden.
Wie wichtig ist euch der visuelle Aspekt euer Musik? Gerade RAUS folgte ja einem, wenn man das so sagen darf, Gesamtkonzept, der euer Image mitgeprägt hat.
Wir überlassen dies meist den Grafikern und reden höchstens am Ende des Prozesses bei den Feinheiten mit. Die grundsätzliche Idee muss natürlich gefallen
Gibt es Pläne, die Zweierstruktur auf der Bühne aufzubrechen und zusätzliche Musiker einzuladen?
Bereits passiert, auf der 2 Tour haben wir Nico am Schlagzeug für die neuen Songs dabei.
Ihr studiert und arbeitet ja neben der Musik. Ist das ein Ziel, von der Musik dauerhaft leben zu wollen? Und wie weit würdet ihr für den Erfolg gehen?
Ich denke es ist schwierig, dauerhaft ehrliche Musik zu machen, wenn der nächste Erste kommt und die Miete fällig wird. „Wir werden sehen“ muss reichen.
Stefan Petermann
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