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Platte des Monats in Ausgabe 06/2006
Sonic Youth - Rather Ripped

Das Leben ist ein langer Fluss.

Band Sonic Youth
Album Rather Ripped
Plattenfirma Geffen / Universal
Bewertung 7 von 9 Punkten

Sonic Youth sind ein Fluss. Einer, der seit vielen Jahren vorwärts strömt. Erweitert sein Bett nur marginal, weil er mittlerweile schon so breit und tief wie kaum ein anderer ist. Schmiegt sich manchmal an ein sanft abfallendes Ufer, von dem aus Menschen bereitwillig ins Wasser gleiten. Verirrt sich im tiefsten Dschungel, durch dessen wüstes Gestrüpp kaum einer hindurchdringen kann. Stürzt einen viele hundert Meter tiefen Wasserfall hinab und reißt alles hinfort, was war. Man könnte sagen: Goo, Goodbye 20th Century und Daydream Nation

Warum also jetzt Sonic Youth als Platte des Monats? Warum nicht die lärmende Washing Machine, das schwebende Dirty oder die elegante Murray Street? Warum ausgerechnet Rather Ripped? Um es vorweg zu schicken: Dies ist keine elementare Platte. Keine, ohne die das Gesamtwerk der Band unvollständig wäre. Auch wenn sie dem Fluss neues Wasser hinzufügt, geht sie letztlich doch widerstandslos in ihm auf. Musikalische Motive werden hier nur angedeutet, nicht ausformuliert, ähnlich wie Mogwais Mr. Beast setzt meist das Lied die Grenze, nicht das Geräusch.

Gleichzeitig verströmt Rather Ripped eine ungeheuere Leichtigkeit. Nicht im Sinne der Musik (die zwar getragener, aber noch immer ungestüm das Dissonante im Poppigen sucht), sondern vielmehr eine Leichtigkeit als Zeugnis einer Band, die lässig und ohne jede spürbare Anstrengung auf einem Niveau operiert, das man selbst nach all der Zeit nicht selbstverständlich nennen kann. Kein zwanghaftes Ausbrechen aus erprobtem Schemen, kein peinliches Muckertum, keine alten Tage, in denen plötzlich mit falschen Sonnenbrillen gepost wird. Sonnenbrillen haben Sonic Youth immer getragen und keine anderen Musiker haben es mit größerer Berechtigung getan, abgesehen von Udo Lindenberg vielleicht.

25 Jahre Musik bieten genügend Möglichkeiten für musikalische Belanglosigkeiten, oder, um in der Metapher zu bleiben, für den falschen Stromlauf. Sonic Youth haben niemals einen solchen gewählt. Sie fließen weiterhin in ihrer eigenen Geschwindigkeit, mal aufwühlend, (Pink Steam), mal zwingender (What A Waste), mal verzichtbarer (Rats), aber stets mit einem Drift, der kein Plätschern verursacht, sondern eine fruchtbare Flut.

Fazit: Die Platte des Monats feiert diesmal kein Album, sondern eine Band, deren größte Leistung es ist, die eigene Implosion so unangestrengt wie fordernd zu gestalten. Weniger Schweifen, mehr Lied, ein lässiges Fingerschnipsen von Feedbackspitzen.


Katja meint: Sonic Youth machen noch immer unpeinliche Rockmusik, ohne sich an Trends anzubiedern. Nicht zwingend, aber gut. (6/9)

Marius meint: Sonic Youth, diese nicht totzukriegende Indie-Nationalelf, sind auch ohne Jim O'Rourke noch absolute Weltspitze. (7/9)

Stefan Petermann



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