 Kleines Mädchen, große Stimme.
| Band |
Soap and Skin |
| Ort |
Radiokulturhaus (Wien) |
| Datum |
19.05.2008 |
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Das Konzert ist vorbei. Alle bleiben sitzen. Alle bleiben still. Der eben gehörte erschreckende Schrei hallt in uns nach, das Bild des zu Boden stürzenden Mädchens, die trommelnden Schritte bei seiner Flucht nach draußen, das müssen wir erst einmal verdauen.
Wäre sie älter, so müssten wir uns vielleicht keine Sorgen machen. Kunst als Ventil für Ängste, Wut und Schmerz ist ja nichts Neues. Aber das Mädchen ist erst 16. Wird es nachher mit Freunden ausgehen, zuhause ein Buch lesen, oder schlitzt es sich vielleicht jetzt gerade die Pulsadern auf? Wir haben Angst.
Das Mädchen ist Anja Plaschg, nennt sich Soap and Skin und hat gerade im ausverkauften Radiokulturhaus ein Konzert gespielt. Vielleicht ist sie es leid, solche Psycho-Assoziationen zu wecken, doch die Art ihrer Selbstpräsentation zieht dies unweigerlich nach sich.
Das Konzert beginnt mit einer Videoprojektion: Ein Mädchen, eingehüllt in beengende Nylonstreifen in einer eisigen Winterlandschaft. Dann ein Portraitfoto von Anja Plaschg. Pete Doherty sieht im Vergleich dazu richtig gesund aus. Ihre Augen sind geweitet wie vor Schreck oder Schmerzen, im Mundwinkel hängt eine Zigarette, ihre Haut ist blass. Man möchte sie in den Arm nehmen und sagen, alles wird gut, und ihr am liebsten noch einen heißen Kakao machen.
Dann entschwebt die Leinwand und die echte Anja Plaschg läuft im Dunklen barfuß auf die Bühne. Ihr Laptop surrt ins Mikrofon und liefert das erste Stück im Alleingang ab. Dann beginnt das Mädchen zu spielen und sieht plötzlich nicht mehr so zerbrechlich aus. Wenn Anja singt, hat sie Kraft. Ihr Instrument packt sie mit Elan an, und entlockt ihm ganz schön laute Töne. Dazwischen aber auch fragil schwebendes. Ihr Klavierspiel kombiniert Chopin mit den Dresden Dolls und Maximilian Hecker, ihre Kompositionen erinnern an Yann Tiersen, Cat Power und ein bisschen an Björk, von der sie auch optisch inspiriert worden sein dürfte. Plaschgs Stimme ist sehr wandlungsfähig: gehaucht, geheult, geschrieen, klar gesungen, verschleiert, das ist nur ein kleiner Auszug aus der Palette der Klangfarben, die sie gekonnt einsetzt. Live sind ihre Lieder um einiges intensiver als auf Platte, sie verstören und berauschen und wirken so viel größer als das junge Mädchen, das sie singt. Vom Laptop, größtenteils perfekt getimet, kommt dazu mal ein großes Orchester, mal elektronisches Gefrickel, und auch mal großer Krach.
Zwischen den Liedern verwandelt sich die starke Sängerin wieder in das verschreckte Kind. Ihre Ansagen beschränken sich auf ein kaum hörbar geflüstertes „Hallo“ und „Danke“ und ein unverständliches Gehauche, das wahrscheinlich die Erwähnung ihres Bassisten für das letzte Stück sein könnte. Ein bisschen manieriert wirkt das schon, da wäre es vielleicht besser, gar nichts zu sagen. Manch einer im Publikum fängt an zu lachen, als sie das erste Mal flüstert. Im Lauf des Konzertes wird der Jubel nach den Stücken größer aber auch die Stille während ihrer Darbietungen intensiver.
Ganz zum Schluss verlässt sie den geschützten Platz hinter dem Flügel und tastet sich in die Bühnenmitte vor. Es wird zum ersten mal eine kleine Spur heller, die schwarzgekleidete Gestalt mit den zerrissenen Strümpfen im weißlichen Scheinwerferlicht wirkt verloren und klein. Ihr Gesang ist jedoch ein großes Crescendo: Immer lauter schreit sie ihre Gefühle aus sich heraus, bis sie sich schließlich nach dem finalen Ausbruch auf den Boden fallen lässt und dann im Dunklen hinausläuft.
Das Konzert ist vorbei. Alle bleiben sitzen. Alle bleiben still. Der eben gehörte erschreckende Schrei hallt in uns nach, das Bild des zu Boden stürzenden Mädchens, die trommelnden Schritte bei seiner Flucht nach draußen, das müssen wir erst einmal verdauen.
Katharina Litschauer
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