 Das Fräulein Kindersoldatin.
Lügen für den guten Zweck?
Senait Mehari aus Eritrea war Kindersoldatin. Das schrieb sie in ihrem Buch Feuerherz. Das Medienmagazin Zapp zweifelte an der Geschichte und behauptete sehr überzeugend, dass Senait Mehari gelogen habe und nie Kindersoldatin gewesen sei. Gehen wir mal davon aus, dass Zapp Recht hat: War die Lüge trotzdem in Ordnung, weil Senait Mehari sie nutzte, um auf das Schicksal von Kindersoldaten aufmerksam zu machen?
Pro Da hat also eine junge Frau gelogen und sehr viele Menschen regen sich darüber auf. Warum eigentlich? Es ist ja nicht so, als habe Senait Mehari Massenvernichtungswaffen erfunden, wo keine sind. Niemand bestreitet schließlich, dass es Kindersoldaten gibt. Nur war eben Mehari keiner. Es ist schließlich eine Lüge, die nicht nur niemandem schadet, sondern auch vielen hilft. Senait Mehari hat ihre Geschichte nicht genutzt, um 2003 den Grand Prix-Vorentscheid zu gewinnen, bei dem sie als Kandidatin der taz angetreten war. Jan Feddersen, Redakteur der taz, sagte selbst, dass das damals kein Thema gewesen sei. Nein, sie hat ihre (falsche) Geschichte genutzt, um auf das Schicksal von Kindersoldaten aufmerksam zu machen, um ihnen zu helfen. Im Gegensatz dazu: Wie viele Musiker pflegen ihren Ruf, um das Konto aufzufüllen, und keiner beklagt sich? Wie viele äthiopische Wunderläufer sind früher tatsächlich zehn Kilometer ohne Schuhe zur Schule gelaufen? Die Wut, die Mehari jetzt entgegenbraust, ist bloß der verzweifelte Versuch, nicht anzuerkennen, dass Menschen nur so ihre Geldbeutel öffnen. Sie brauchen ein Gesicht, am besten ein hübsches, das ein Spendenthema greifbar macht. Wenn es kein authentisches Gesicht gibt, dann muss es eben ein falsches sein. Das ist nicht verwerflich. Was hilft den Kindersoldaten das reine Gewissen von Senait Mehari? Wenn die Mensa brennt, sagt die Feuerwehr schließlich auch nicht: „Sorry, da können wir nichts machen, Zugang nur für Studenten.“
Contra Der Lüge ist es egal, wer sie benutzt. Ob klein oder groß, aus unlauteren Motiven oder um die Welt zu retten, Lüge bleibt Lüge. Und auch für einen guten Zweck bleibt sie moralisches Doping. Auch wenn es ein Kampf mit ungleichen Mitteln ist. Republikanische Regierungen und globalisierte Konzerne verdrehen ungeniert Tatsachen, während diejenigen, die sowieso eine schlechte Lobby haben, sich nicht mal einen kleinen Vorteil verschaffen dürfen. Und das ist gut so. Weil die gute Sache meist nur zwei Pfeile im Köcher hat: das Wissen um die gute Sache und Glaubwürdigkeit. Mit einer Lüge (und wir reden nicht von einer kleinen Notlüge, einer winzigen Unachtsamkeit, sondern von einer bewussten Täuschung) verliert sich diese Glaubwürdigkeit. Und viel schlimmer noch, die Lüge wird als Argument gegen die Sache selbst benutzt.
In Senait Meharis Fall wird die Autobiographie von der falschen Seite als „ Propaganda gegen Afrika“ angegangen. Dabei ist die Existenz von Kindersoldaten eine Tatsache; unklar ist eben, ob Mehari einer war. So beginnt eine absurde Schlammschlacht um angeblich Gesagtes und vermeintlich Gelogenes, um Verleumdung und die Definition, was denn nun ein „Kindersoldat“ sei. Im Gedächtnis bleiben am Ende nur Fetzen hängen. Die Begriffe „Lügen“ und „Kindersoldaten“ verknüpfen sich. Ein unnötiger Vorgang, welcher der guten Sache längerfristig mehr schadet als er durch Meharis öffentliche Aufmerksamkeit kurzfristig genutzt hat.
Sebastian Dalkowski / Stefan Petermann
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