 I'm A Winner, Baby!
The Church of Scientology verlässt den Mainstream.
Verkehrte Welt
Plötzlich ist sie in aller Munde und stellt unser Weltbild komplett auf den Kopf. Damals, als die Welt noch in Ordnung war, fiel die Unterscheidung zwischen Gut und Böse leicht. Grauzonen existierten im Mainstream nicht und am Stammtisch schon gar nicht. Und zugegebenermaßen leichte Gegner lieferten im Wochentakt ausreichend Munition, um weiterhin im Fadenkreuz der Öffentlichkeit unter Beschuss zu stehen (Georg. W. Bush). Es bedurfte nicht viel, um uns von ihr fernzuhalten — die Rede ist von Scientology. Glücklicherweise stellten sich die Protagonisten bisher selbst ein Bein, wie der unselige Propaganda-Streifen Battlefield Earth, dieser gefloppte Science-Fiction Blockbuster, auf einer Novelle von Scientology-Gründer L. Ron. Hubbard basierend, der bei der Verleihung der Goldenen Himbeere 2001 mit sieben (!) 'Auszeichnungen' Showgirls den Rang ablief. Auch die bisherigen Vertreter wie John Travolta (der übrigens mit Frau Kelly Preston, ebenfalls Mitglied, die Hauptrolle in dem Film übernahm) oder Kirstie Alley, Lisa Marie Presley, Brandy und aktuell ganz penetrant Tom Cruise und Katie Holmes sorgten bisher nicht gerade für magnetische Anziehungskraft auf der Scientology-Beliebtheitsskala. Und dann das: Beck outete sich parallel zu seinem letzten Album-Release als frischgebackenes Mitglied der dubiosen Glaubensgemeinschaft mit fatalen Folgen: Sein Album Guero fiel bei vielen Kritikern und Fans durch. Während die Musik nur am Rande gewürdigt wurde, sorgte der Musiker mit seinem missionarischen Eifer für Aufsehen, als er seinen Freund und Musikerkollegen Adam Green ebenfalls zu Scientology zu bekehren versuchte — ohne Erfolg wohlbemerkt (Green: „Dort [Scientology-Messe, Anm. d. V.] habe ich gemerkt, dass ich wohl wirklich nicht religiös bin“). Zuletzt überraschte Schauspielerin und Sängerin Juliette Lewis mit ihrem Scientology-Bekenntnis und sprach im Gegensatz zu Beck recht offen über die kontroverse Organisation und ihre Mitgliedschaft. Was daran letztendlich so schockierend sein soll? Erstens, weil Leute wie Beck und Juliette Lewis alles andere als auf den Kopf gefallene Prominente sind und zweitens folgt die ernüchternde Erkenntnis, dass Scientology es jetzt endlich geschafft hat, jenseits des (Hollywood)Mainstreams Fuß zu fassen, bei glaubwürdigen und respektierten Künstlern, dessen CDs und Filme bei dir und deinen Freunden in den Regalen stehen.
Wahrheit und Mythos
Doch was genau ist Scientology überhaupt? Mit Scientology verhält es sich ähnlich wie mit dem amerikanischen Präsidenten, jeder ist dagegen, aber niemand weiß genau warum: „Äh… Gehirnwäsche… ist 'ne Sekte oder? Klar, dass die Amis da wieder drauf reinfallen.“ Ein paar wichtige Fakten in Kürze: Scientology wurde am 18. Februar 1950 in Los Angeles von dem Science-Fiction-Autoren Lafayette Ronald Hubbard gegründet, wo sie auch — im Gegensatz zu Deutschland — als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Er ist der Verfasser des Bestsellers Dianetics: The Modern Science of Mental Health (Dianetik: Der Leitfaden für den menschlichen Verstand), der sozusagen als 'Bibel' unter den Scientologen gilt. Der Terminus selbst leitet sich aus dem Lateinischen (scire) und Griechischem (logos) ab und bedeutet soviel wie „Die Lehre vom Wissen“. Der Kern der Lehre in Kürze: Das Ziel ist es, im Laufe eines komplexen und langwierigen Prozesses vom Preclear zum Clear aufzusteigen, um sich von Matter, Energy, Space und Time (MEST) zu befreien, der den Menschen in seiner Entfaltung bremst und vom ewigen Leben abhält.
Kirche, Sekte oder Wirtschaftsunternehmen?
- Der Begriff 'Kirche' ist nicht geschützt. Insofern kann sich jeder lose Verbund so nennen. Insofern darf sich die Scientology mit diesem Begriff schmücken. Ganz anders hingegen sieht es mit dem Terminus 'Religionsgemeinschaft' aus. Obwohl die Scientologen seit Jahrzehnten darum können als 'richtige' Religion anerkennt zu werden, fehlt ihnen doch das sprichwörtliche Salz in der Suppe: GOTT! Jede Religion begründet sich darauf von einer höheren spirituellen Kraft, berufen worden zu sein was bei den Scientologen nicht der Fall zu seien scheint.
- Ausnahmslos alle christlichen Kirchen lehnen die Scientology als Sekte ab. Ein berechtigter Vorwurf. Extrem zeitraubende Kurse binden die Mitglieder an die Organisation und isolieren sie aus ihrer sozialen Umgebung. Ebenfalls bedenklich: der Persönlichkeitstest (OCA-Test), dem sich jeder Anwärter unterziehen muss und in dem schonungslos alles über das bisher geführte Leben der betreffenden Person offengelegt werden muss. Geistige Manipulation wird damit zwar nicht bewiesen ist zumindest aber auch nicht ausgeschlossen. Das Prinzip des Abhängigmachens ist das bekannteste und gefährlichste Modell von Sekten und davon kann sich die Gruppierung definitiv nicht freimachen. Darüberhinaus ist deren missionarischer Eifer nicht zu unterschätzen, kritische Stimmen sind unerwünscht. Es wird erwartet, dass Mitglieder versuchen ihr Umfeld zu bekehren (siehe Tom Cruise und Katie Holmes) oder im Extremfall den Kontakt abzubrechen bzw. zu vermeiden. Geistliche Aktivitäten jeglicher anderer Art (sei es nur Yoga oder Meditation) sind untersagt. Ehemalige Mitglieder kritisieren nach wie vor den fast unmöglichen Ausstieg aus der Bewegung und sollten durch kostspielige Gerichtsprozesse entweder mürbe gemacht werden oder durch Androhung der Veröffentlichung ihrer Personalakte emotional erpresst worden sein.
- Den Vorwurf der Kommerzialisierung und finanzieller Ausbeutung ihrer Mitglieder lässt sich selbst bei oberflächlicher Recherche nicht von der Hand weisen. Geschenkt bekommt man hier nichts. Die Kurse bauen alle aufeinander auf, verlangen ein hohes Maß an zeitlicher Intensität und kosten in der Regel ein kleines Vermögen womit die Zielgruppe der Scientology somit auch geklärt wäre. Ein Einsteigerkurs kostet um die 2200€. Die Grenze ist nach oben hin offen. Weiterführende Kurse können bis weit über den sechsstelligen Bereich gehen (Kurs der Stufe kostet OT III 300.000 US-$).
Scientology und Deutschland
Anfang der 70er Jahre schwappte die Scientology-Welle nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz über. Die Mitgliederzahl lässt sich nur schwer einschätzen, zumal die Glaubensgemeinschaft auch keinen besonders guten Ruf genießt und sich viele nicht zu ihr bekennen. Es sollen jedoch insgesamt acht 'Kirchen', zwei 'Celebrity-Center' und acht 'Missionen' in allen größeren Städten in Deutschland existieren, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen, der den Antrag auf Anerkennung der Scientologen als Religionsgemeinschaft und Weltanschauung 1990 ablehnte. In Deutschland haben es Scientologen — gerechtfertigt oder nicht — schwer. In Bayern zum Beispiel müssen Bewerber für den öffentlichen Dienst erklären, dass sie keine Scientologen sind, um eine Stelle zu erhalten. Mitglieder fühlen sich vom Staat diskriminiert. Weltweit. Das gipfelte 1997 (die taz berichtete) in einem offenen Brief an Helmut Kohl in der International Herald Tribune, in dem sich „(…) 34 Prominente der Künstler- und Intellektuellenszene (…)“ (u.a. Dustin Hoffman, Goldie Hawn, Larry King, Gore Vidal, Oliver Stone ,…) über die Diskriminierung und Brandmarkung von Scientologen in Deutschland beschwerten: Die Boykottaktionen gegen Filme mit Scientologen wie Tom Cruise und John Travolta werden in dem Brief mit den Bücherverbrennungen des Dritten Reichs verglichen: „In den 30er Jahren waren es die Juden, heute sind es die Scientologen“ lautet der haarsträubende Vergleich, der von der 'Künstler- und Intellektuellenszene' damals gezogen wurde — die Juden werden sich für diese Verharmlosung bedankt haben… Fest steht jedoch, dass sich sechs Jahre danach nichts Grundlegendes daran geändert hat, wie Juliette Lewis im SPEX-Interview (05/2005) anmerkte: „Es ist fast sinnlos, über Scientology zu reden, denn deine komische Regierung vermittelt ein Zerrbild dessen, was Scientology ist. Meine Regierung ist auch seltsam, ich verlasse mich nicht auf sie.“
Weiterführende Links
Katja Peglow
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