 Einmal Maximum. Kein Zurück.
Schade, dass du nicht mehr da bist: Das erste Mal.
Hast du schon mal am Meer gestanden, nachdem du Drogen genommen hast? Wie war es, als du zum ersten Mal Geld mit einer Sache verdient hast, die dir wirklich am Herzen lag? Wie hast du dich am ersten Abend in deinem ersten eigenen Zimmer weit weg von Zuhause gefühlt? Das Konzert, bei dem du zum ersten Mal Ort und Zeit vergessen hast und unmittelbar vor der Bühne in den Armen von wildfremden Menschen alle Lieder Wort für Wort mitgebrüllt hast? Das erste Mal in einem Land, in dem alles so vollkommen fremd war, dass selbst die Luft außergewöhnlich schmeckte? Und diese erste Nacht am Lagerfeuer, neben dir der Mensch, für den du alles aufgeben wolltest, wie war das, als er deine Hand genommen hat?
Ich, du, wir lagen am Boden, überwältigt von der Stärke dieses Gefühls. Alle Synapsen waren sperrangelweit geöffnet, jeder Reiz potenzierte sich in jeder Sekunde mit der unglaublichsten Erinnerung, von der ich, du, wir bis dahin glaubten, dass sie das Maximum unseres Lebens darstellte. Mit der Wucht eines gesprengten Staudamms voll von schimmernden Lichtern brach der Moment über uns herein, stand gleichzeitig still und raste an uns vorbei. Unsere Augen sahen mehr als sonst und unsere Köpfe wurden fast weggesprengt von soviel Wahrnehmung. Ganz ehrlich: Ich habe nie geglaubt, dass irgendetwas so gewaltig sein konnte. In Hollywoodfilmen würden die Helden sagen: „Ich fühle mich lebendig“. Doch es ist viel mehr. Der Augenblick ist und ich bin alles, und wenn ich noch die Kraft dazu hätte, dann würde ich unergründlich lächeln, während unter meiner Haut ein Orkan tobte.
Ein paar Jahre später habe ich erst den Studiengang und später die Arbeitsstelle gewechselt und bin in verschiedene mittelgroße Städte mit mittelmäßigen Wohngemeinschaften gezogen, die alle gleich anders waren. Drogen hatte ich genug, vom Meer auch, Geld verdiene ich mit einer Sache, mit der ich mich manchmal sogar selbst verwirklichen kann. Wenn ich zu Konzerten gehe, stelle ich mich ins hintere Drittel und wenn ich mitsinge, dann brülle ich nicht. Fremde Länder bereise ich jetzt jährlich, Fotos von ihnen füllen mehrere Gigabyte meiner Festplatte.
Und mittlerweile flippe ich nicht mehr aus. Mittlerweile kenne ich meinen Körper und weiß genau, wie er in Situationen reagiert. Ich habe mich unter Kontrolle. Sehr hilfreich, weil mich ständig zu verausgaben, was wäre das für ein Leben? Was würde dann früh morgens von mir übrigbleiben, wenn ich ständig geplättet wäre von neuen, von ersten Erfahrungen? Ich bin sicher kein emotionaler Krüppel, auch nicht innerlich verkrustet, ganz im Gegenteil. Ich suche mir genau die Art von Erfüllung, von der ich weiß, dass sie mich zufrieden stellt. Sie wirft mich nicht um oder stellt alles, was ich bisher getan habe, in Frage und doch zaubert sie ein Lächeln in mein skeptisches Gesicht. Nur unter meiner Haut. Dort bleibt es still.
Stille ist nicht schlimm. Viel besser noch: Ich weiß, was in Anderen vorgeht. Ich sehe ein Leuchten in fremden Augen, wenn dort Nervenenden explodieren und tonnenweise Endorphine in den Kreislauf schütten. Ich gönne den Erstsemestern das aufregende Gefühl von Freiheit, wenn sie zum ersten Mal, zögernd noch, den Professor als „Prof“ bezeichnen. Die kleinen Emomädchen in den ersten Reihen beim Konzert bezeichne ich als „kleine Emomädchen“ und meine das nicht abwertend, sondern hoffe, dass sie in ihrem Taumel nicht ohnmächtig werden und damit einen so wichtigen Moment ihres Lebens verpassen. Meinem Neffen reiche ich eine Aspirin, während er stolz von seinem ersten Vollrausch berichtet. Nicht mit den Kindergartenalkopops, sondern mit Wodka. Gemeinsam im familiären Freundeskreis. Bis sie kotzten, haben sie getanzt und mein Neffe sagt, er hat sich nie zuvor so bewegt wie in dieser Nacht. Ich möchte ihm gerne sagen, dass er nie wieder so tanzen wird, weil er beim nächsten Vorsatztrinken den Kater mitdenken wird und viel schlimmer noch: den Rausch.
Ich möchte ihm sagen: Nur wenn der Rausch unerwartet kommt, ist der Rausch ein Rausch. Alles andere nur ein Abklatsch, ein müdes Zerrspiel alter Euphorie, das Redesign einer Begeisterung, die man maximal restaurieren kann. Dann steht sie vor mir und staunend stehe ich vor ihr und wir beide haben uns nichts zu sagen, weil uns nichts verbindet als der kurze Augenblick, in dem wir eins waren. Vergessen haben wir uns und was wir hören, ist das Echo einer fremden Empfindung. Ich kann meinen Lieblingsfilm nur einmal zum ersten Mal sehen und das fühlen, was er damals in mir ausgelöst hat. Von Liebe und Leidenschaft ganz zu schweigen. Und während sich die Aspirin im Wasserglas auflöst, überkommt mich ein widerwärtiges Gefühl. Altväterlich und weise streiche ich über den Kopf meines Neffen, finde mich in ihm wieder, verstehe seine Verzückung, kann nachvollziehen, wie schwer es ihm fällt, dieses außergewöhnliche weil nie zuvor gemachte Ereignis in Worte zu fassen. Ich kann es. Und genau das ist mein Problem.
Das waren die guten Nachrichten. Die Schlechten sind: Schlimme Erfahrungen verlieren nichts von ihrer Intensität. Gebrochene Herzen, Ablehnungsbescheide, der Tod — jedes Mal geht die Welt wieder unter. Wie in jedem Remake sind die Effekte dann noch spektakulärer, die Explosionen reißen noch mehr Straßenzüge und Sicherheiten weg, die Flutwellen verschlingen zweimal so viele Millionenstädte und das gesamte Selbstbewusstsein von dem ich glaubte, es wäre nach all der Zeit nicht mehr zu erschüttern, wird einfach so mitgerissen. In solchen Momenten geht alles auf Anfang zurück und bleibt eine ganze Weile dort. Aber vielleicht ist das ja richtig so. Vielleicht soll ich mich so daran erinnern, dass nichts als sicher gelten kann. Dass die guten Sachen nicht mehr einfach so passieren. Die Schlimmen schon. Vielleicht also sollte ich rausgehen und irgendetwas zum ersten Mal tun und hoffen, dass davon meine Synapsen explodieren werden. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür gering ist.
Bert Lüders
Kommentare
| Daps schrieb am 04.02.2010 um 10:55 Uhr: |
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danke für diesen schönen text
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| Mani schrieb am 02.08.2008 um 14:24 Uhr: |
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wunderhübscher text…und so wahr..
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| David schrieb am 21.05.2008 um 18:12 Uhr: |
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Genau! Schade das der Text beim zweiten Lesen nicht mehr soo bewegend ist…
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| Michael Frey schrieb am 16.01.2008 um 22:56 Uhr: |
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Oooooohhhhh, was für ein sensationell guter Text! Ich hatte gerade viel Spaß.
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