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Interview mit Sabine Wienholz Die Alternative

„Das eine Kind mehr schaffen wir auch noch.“

7595 Kinder wurden im Jahr 2002 von minderjährigen Frauen zur Welt gebracht. Das ist ungefähr ein Prozent aller Neugeborenen in diesem Jahr. Die Zahlen haben sich 2006 kaum verändert. Aber jetzt ist Patricia ein Teil des einen Prozents. Mit zwölf Jahren ist sie die jüngste Mutter Deutschlands und hat für heiße Diskussionen gesorgt. Offensichtlich werden immer mehr Minderjährige schwanger? Oder die Schwangeren immer jünger? Sabine Wienholz ist Soziologin an der Universität Leipzig und hat sich mit Teenager-Schwangerschaften beschäftigt.

Dabei hat sie etwas Interessanteres herausgefunden, als dass die Zahl der minderjährigen Mütter sich bei 7500 eingepegelt hat: Die jungen Mütter sehen die Schwangerschaft als eine alternative Form der Selbstverwirklichung. Eine Selbstverwirklichung, die sie im Job wahrscheinlich nicht fänden — weil sie wahrscheinlich keinen Job finden.

Inwieweit kann denn eine Schwangerschaft eine wirkliche Alternative sein?

Für die jungen Frauen in ihrem Glauben auf jeden Fall. Sie haben bisher schon recht gescheiterte Karrieren hinter sich, um das einmal so zu nennen. Sie stammen oft aus unvollständigen Elternhäusern, haben Suchtproblematik erlebt — vielleicht schon eigene oder bei den Eltern — Alkoholismus spielt eine große Rolle. Scheidungskinder, demzufolge Stieffamilien und Patchworkfamilien. Und die Folgen sind dann auch wirklich emotionale Defizite, die versucht werden, mit Hilfe des Kindes auszugleichen.
Ein anderer Aspekt ist die Bildungskarriere, die auch nicht wirklich erfolgversprechend ist. Viele sind Schulabbrecher, haben Erfahrung im Schuleschwänzen und dann auch „keinen Bock mehr auf Schule“ — so wurde das mehrfach formuliert. Deshalb bietet das Kind eine ideale Möglichkeit von der Schule fernzubleiben. Und das zumindest über einen Zeitraum von drei Jahren, was für einen Jugendlichen ja ein ziemlich langer Zeitraum ist. Auf lange Sicht ist das natürlich in keinster Weise eine Alternative zum Job, weil man es dann eben nicht vermag, selbstständig für den Unterhalt zu sorgen.

Inwieweit ist das denn dann eine bewusste Entscheidung, zu sagen: Ich werde jetzt schwanger, weil das meine einzige Möglichkeit ist?

Die Entscheidung wird einfach mal dadurch zustande kommen, dass man das im Freundeskreis schon gesehen hat. Dass eine Freundin oder Bekannte auch schon ein Kind bekommen hat und das alle ganz toll und ganz niedlich fanden und dann meinten: Och, das möchte ich auch. Das ist so klein. Das möchte ich den ganzen Tag knuddeln und ihm all meine Liebe geben. Hinzu kommt ja auch, dass gerade in den Medien das Kinderkriegen so absolut mystifiziert oder … so …

… Jenny Elvers lässt die Ultraschall-Untersuchung live auf Pro Sieben übertragen…

… genau. Es gab ja relativ viele Sendungen, die in diese Richtung zielten, zum Kinderkriegen zu animieren. Und da sind die Mädchen natürlich nicht davon ausgenommen.

Ist das dann jetzt aber wirklich so eine bewusste Entscheidung: Ich werde schwanger?

Nein. Das würde ich den jungen Frauen auch nicht unterstellen, dass sie das jetzt direkt drauf anlegen. Solche gibt es natürlich auch. Ich hatte das erst von einem Professor der Hochschule Merseburg FH gelesen, dass Frauen zu ihm in die Beratungsstelle kamen, die sagen: Ich werde nicht schwanger. Was kann ich tun? Und die waren 14, 15 Jahre alt. Aber das sind wirklich die Ausnahmen. Die meisten gehen so mit ihrer Sexualität um, dass sie mit dem Kalkül spielen, dass sie eventuell schwanger werden können …

… also bewusst unvorsichtig sind …

… also nicht verhüten, um explizit eine Schwangerschaft zu vermeiden, sondern es drauf anlegen. Nach dem Motto: Wenn es passiert, ist es gut. Das zeigt sich auch bei der Entscheidung, ob sie das Kind dann austragen oder nicht. Eben besonders die, die besonders schlechte Chancen oder aus besonders schwierigen Verhältnissen kommen, werden sich auf jeden Fall für das Kind entscheiden.

Wenn man vor einer Alternative steht, muss man ja auch oft abwägen. Wägen auch die Mädchen bei einer Schwangerschaft ab oder denken sie gar nicht so darüber nach?

Also zum Abwägen werden sie regelrecht gezwungen. Sie müssen ja zu einer Beratungsstelle gehen und da werden ihnen natürlich die verschiedenen Alternativen aufgezeigt. Damit ermöglicht man ihnen auch das Darüber-Nachdenken. Aber was die emotionale Entscheidung anbelangt, das ist auch von Moralvorstellungen begleitet und da ist es, dass gerade bei diesen ganz Jungen dieses polarisierte Denken herrscht: Abtreibung ist Mord und das kann ich nicht und das kommt für mich nicht in Frage. Und damit hat man sich ja per se schon für das Kind entschieden. Da steht ja die Alternative dann nicht.

Es gibt ja sicher noch andere Alternative. Welche bekommen die Mädchen denn in einer Beratungsstelle aufgezeigt?

Es gibt ja bloß die zwei Dinge: Austragen oder abbrechen. Wenn sie sich dann für das Austragen entscheiden, gibt es noch die Möglichkeit der Adoption. Aber so entscheidet sich nur ein winziger Prozentsatz. Kinder zur Adoption frei zu geben, ist sowieso eine Entscheidung, die relativ wenige Frauen treffen. Und da sind dann auch die jungen Frauen nicht davon ausgeschlossen. Dann werden ihnen natürlich die Alternativen aufgezeigt, dass sie bei ihren Eltern wohnen können und Unterstützung bekommen. Also auch finanzielle Hilfe. Da gibt es die Stiftung Hilfe für Mutter und Kind. Dann haben sie die Möglichkeit einer Wohnung. Gerade wenn es 17-jährige Minderjährige sind, haben sie oft die Chance, aus dem Elternhaus auszuziehen. Dann gibt es die betreuten Wohnformen, die Erziehungs-Beratung anbieten.

Desweiteren gibt es in Bremen und Hamburg Projekte, die sich darauf konzentrieren, dass die Mädchen ihre Ausbildung beenden können. Das sind zum Beispiel Konzepte der Teilzeitausbildung mit besonders angepassten und kürzeren Unterrichtszeiten. All diese Formen der Unterstützung werden auch gut angenommen. Eine Studie der Universität Leipzig, im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in Sachsen hat gezeigt, dass die Beratung von vielen jungen Müttern genutzt wird und dass auch ein Großteil der schwangeren Jugendlichen erreicht wird.

Es gibt ja aber auch sehr extreme Alternativen und Beispiele, wo Mütter ihre Kinder gleich nach der Geburt töten …

Das sind eher nicht die Minderjährigen. Das sind dann ältere Frauen und da wiederum spielen andere psycho-soziale Faktoren mit rein. Das sind wirklich eher nicht die Minderjährigen. Der Fall ist wirklich sehr sehr selten.

Sie haben schon kurz die Bildungsstruktur der minderjährigen Mütter angesprochen. Kann man denn so verallgemeinern, dass der Großteil der Mädchen, die so früh schwanger werden, wirklich aus der Förder- oder Hauptschule kommt, während Gymnasiastinnen weniger betroffen sind?

Ja. Ich würde das schon in die Richtung deuten wollen. Der Großteil kommt wirklich aus Förder- oder Hauptschulen oder befindet sich im berufsvorbereitenden Jahr. Also alles, was eher niedrige Abschlüsse oder geförderte Maßnahmen sind. Und wo dann die Aussichten auf einen qualifizierten Abschluss, eine qualifizierte Ausbildung eher gering sind. Und deswegen die Alternative Mutterschaft. Also man kann das tatsächlich feststellen. Das soll natürlich nicht heißen, dass es keine Gymnasiastinnen gibt, die davon betroffen sind. Wir sagen aber, dass der Fokus eher auf den sozial Benachteiligten liegt, weil das die diejenigen sind, die die Hilfe brauchen. Die Gymnasiastinnen sind natürlich viel eher in das Netzwerk ihrer Familie eingebunden. Da besteht auch keine Gefahr, dass die ihr Abitur nicht schaffen.

Diese Gymnasiastinnen tragen dann ihr Kind auch fast immer aus?

Es gibt ja die These, dass eher die abbrechen, die aus den Bildungsschichten kommen, weil die ein Kind nicht als Alternative sehen. Sie wollen ihren Bildungsweg weiter verfolgen. Und, das ist jetzt bloß eine Vermutung, da auch eher der Einfluss der Eltern eine Rolle spielt. Bei den sozial schwächeren ist es so, dass viele Abbruchserfahrungen haben und dann trotzdem minderjährig ein Kind bekommen.

…Abbruchserfahrungen in der Familie. Nicht selber…?

Nein. Auch selber.

Obwohl sie selber erst 14, 15 Jahre sind?

Es gibt auch durchaus den Fall und das ist sicher gar nicht so selten, dass eine Minderjährige abbricht. Aber weil das auf Druck von Dritten geschehen ist, das nicht selber verarbeiten kann und dann damit reagiert, dass sie erneut schwanger wird und das Kind diesmal behält. Das ist nicht selten. Es gibt da keine Zahlen, aber es berichten Berater, dass 16-, 17-Jährige da sitzen und zum zweiten Mal schwanger sind und diesmal das Kind definitiv behalten möchten.

Dann scheint das ja ein Teufelskreis zu sein. Die Mädchen, die ohnehin schon eine eher nicht so aussichtsreiche Basis für eine Familie haben, bekommen Kinder, eben weil sie keine Perspektive sehen. Das ist sicher auch keine gute Basis für das Kind?

Ja. Genau deswegen überstürzen sich alle so. Hier handelt es sich ja nicht nur um eine Person, die Hilfe braucht und deren Zukunftschancen eher schlecht sind, sondern da geht es ja auch um das Kind, das in diese Verhältnisse hineinwächst und hineingeboren wird und eigentlich viel zu wenig Förderung erhält. Wenn man sich die Studien anschaut, wie der Gesundheitszustand oder überhaupt der Entwicklungsstand der Vorschulkinder ist, dann zeigt sich schon, dass es da extreme Defizite gibt. Da ist der Impfschutz nicht da oder die Zahngesundheit ist katastrophal. Übergewicht — da spielt Bewegungsmangel natürlich ein ganz große Rolle. Und was Entwicklungsverzögerung anbelangt im Sinne von sprachlicher Entwicklung, ist verzögert. Oder allein Farberkennung. Also alles kognitive Fähigkeiten, die ein Kind eigentlich haben müsste. Das zeigt sich bei sozial schwachen Familien jetzt eben immer deutlicher.

Leider gibt es keine genauen Studien darüber, was für Auswirkungen eine solche Entwicklung auf die Gesellschaft hat und ob die Schulen irgendwann auch die motorische und kognitive Schulung der Kinder übernehmen müssen. Fakt ist allerdings, dass die Mädchen mitunter nicht nur damit zu kämpfen haben, dass die Familie die junge Mutter nicht unterstützen kann, sondern manchmal auch gar nicht will. Im Gegenteil, ihr sogar noch Vorwürfe macht und sie verstößt. Dann ziehen die Mädchen oftmals aus dem Elternhaus aus und in ein Mutter-Kindheim bzw. eine Einrichtung mit betreutem Wohnen. In mindestens genauso vielen Fällen, hat die Schwangerschaft aber auch zur Annäherung der jungen Mutter mit ihren Eltern geführt.

Was auffällt, ist, dass die jungen Frauen, die minderjährig Mutter werden, oftmals selbst aus kinderreichen Familien kommen und ihre Mütter selber schon sehr jung Kinder bekommen haben. Eine Art Familientradition also, die sich fortsetzt. Wenn die Mutter selber schon sehr jung Kinder bekommen hat, sagt sie entweder: Um Himmels Willen. Mach das ja nicht. Aber eigentlich sagen sie eher: Wir haben es doch immer irgendwie geschafft. Das eine Kind mehr, das schaffen wir jetzt auch noch. Sie freuen sich dann eher noch und nehmen die Großmutterrolle an. Wenn die Familien der minderjährigen Mütter auch eher sozial schwach sind, von Arbeitslosigkeit betroffen sind, dann ist ein Kind ja für die Großmutter auch eine neue Aufgabe, die sie gerne annimmt.

Sehen eigentlich auch die betroffenen Väter ein Kind als alternative Selbstverwirklichung?

Das ist die Frage. Und das weiß man auch nicht. Das Klischee ist das: Kaum haben sie von der Schwangerschaft erfahren, schon sind sie über alle Berge. Es ist schon oft so, dass die Partnerschaften nicht bestehen bleiben. Aber da weiß ich nicht, inwieweit das an der Schwangerschaft liegt oder daran, dass Partnerschaften in dem Alter im Allgemeinen eher instabil sind. Es gibt Interviews, in denen die Sicht des Mannes rauskommt. Und es war da sehr interessant, dass sich der Mann nie explizit für eine Abtreibung ausgesprochen hat.

Dabei steigt die Zahl der Abtreibungen bei minderjährigen Müttern. Mittlerweile lassen knapp die Hälfte der minderjährigen Schwangeren das Kind abtreiben. Die andere Hälfte trägt es aus.

Kerstin Petermann


Kommentare



H Schneidet schrieb am 12.03.2008 um 16:39 Uhr:

Liebe Freunde;
Ihr habt da eine sehr gute Seite im Netz.
Der Besuch bei Euch war sehr unterhaltsam und informativ.
Ich bin Vater eines Sohnes und kaempfe um seine und meine Rechte.
Aus diesem Anlass habe ich eine HP auf die Beine gestellt.
http://www.vaeterrechte.de

Herzliche Gruesse von Vater zu Vater
H Schneider
vaeterrechte(de)

eMail: vater@vaeterrechte.de | Homepage: www.vaeterrechte.de

Kerstin schrieb am 15.12.2006 um 21:51 Uhr:

Hallo !

Ich bin auch sehr jung schwanger geworden mit 19. Ich war gerade mitten in der Ausbildung und ein Kind passte da wirklich nicht rein. Mir wurde vom Frauenarzt gesagt ich kann nicht schwanger werden, ich hatte nie meine Tage und meine Hormone taten oft was sie wollten. Als ich mit meinem neuem Partner zusammenkam dauerte es ungefähr zwei Jahre die wir ungeschützt Geschlechtsverkehr hatten bis ich schwanger war. Es war ein Schock ich hatte doch noch alles vor mir habe mich nicht genügend ausgetobt wollte das Leben noch genießen. Ich wollte nie Kinder haben und schon gar nicht in diesem alter und da ich selber noch kleine Geschwister habe weiß ich wie anstrengend das ist. Trotzdem habe ich mich für den kleinen endschieden einfach, weil ich weiß eine Abtreibung hätte ich nicht verkraftet. Zur adoption freigeben nachdem man den kleinen 9 Monate im Bauch getragen hat? Ich denke jetzt noch manchmal an die schöne zeit zurück trotzdem dieses Kind gibt mir so viel liebe und so viel kaft und ich habe einen tollen Partner der mich super unterstützt wir sind noch jung aber wir schaffen das dann muß ich halt etwas zurückstecken beruflich, aber ich lebe doch nicht um zu arbeiten ich arbeite um zu leben. Kinder sind das größte Glück. Und auch wenn es am anfang schwer war jetzt weiß ich was ich habe und ich kann meine ausbildung jederzeit beenden. mein kind kann ich mir nicht jederzeit wiederholen ist es einmal weg kommt es nie wieder


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