 Die Macht der Gitarre.
| Festival |
Rock im Saal |
| Ort |
Saal Tepferdt (Rees-Haldern) |
| Datum |
04.02.2006 |
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Er weiß, dass er zuhause ist. Die Menschen sagen hier noch „Mahlzeit!“ und auf Landstraßen stehen Schilder mit der Aufschrift „Trecker dürfen überholt werden“. Er müsste nicht hier sein, denn er wohnt jetzt in der Stadt und da ist viel los. Auch nach 19 Uhr. Aber darum geht es nicht. Auf dem Weg zum Konzert kauft er noch eine Flasche Pfirsicheistee, damit er später die Getränke nicht mit Biermarken kaufen muss, von denen er wegen des Pfands immer eine übrig behält.
Rock im Saal findet an einem Ort statt, der hier noch nicht Club heißt, sondern Saal Tepferdt. Blumengestecke sind noch Teil der Dekoration und sicher war das früher mal eine Scheune. Er sieht die selben Gesichter wie in jedem Jahr und die selben semi-legalen Frisuren und T-Shirts (Jugenzentrum X, Abi 2003), aber die Frauen sind hier wirklich schöner. Er ist nicht überrascht, dass das Publikum gemischt ist, wie es in der Stadt nicht möglich wäre. Was andere als Toleranz deuten würden, ist einfach nur der Mangel an Möglichkeiten. Wohin sonst? Auf dem Land gibt es nur zwei Arten von Menschen: Die, die ein Auto haben und die, die kein Auto haben. Aber er möchte nicht jammern. Er findet das gut, dass engagierte Menschen dafür sorgen, dass hier statt Acid Brain oder Massive Beat oder wie diese talentresistenten Combos alle heißen, Bands spielen, die Platten verkaufen, die sie nicht selbst gebrannt haben.
Die ersten zwei Bands ignoriert er. Stuurbaard Bakkebaard sind in den Niederlanden schon eine große Nummer, aber hier geht der ziemlich schwerfällige Rock unter. Blackbud aus England spielen zum ersten Mal in Deutschland und sobald sicher auch nicht wieder. Das können andere Briten nun wahrlich besser. Das einzige, was hängenbleibt, ist der Sänger, weil er mit seiner Mütze ein bisschen aussieht wie Klaus Meine von den Scorpions. Das findet hier keiner schlimm.
Er weiß, dass es besser wird, denn gegen elf stehen Ghinzu auf der Bühne, vier junge Männer in schwarzen Anzügen, die lauteste Rockband der Welt in der Kategorie „An den Oberarmen nicht tätowiert“. Nur der Sänger und Keyboarder zeigt überhaupt Regungen, die anderen sind cool genug, um gerade Mal ihre Instrumente zu bedienen. Junge, Junge, Junge, denkt er, geht ganz schön zur Sache und nach vorne und sowieso: Richtig gut, weil Ghinzu gigantische Soundungeheuer aufziehen. Das Publikum kurz vorm Ausrasten und er macht etwas, das ihm eigentlich peinlich geworden ist. Er klatscht an einer Stelle mit. Er weiß, dass das okay ist.
Höhepunkt des Abends sollen Kashmir werden. Die Menschen erzählen sich noch immer mit aufgeregter Stimme vom legendären ersten Konzert der Band auf dem Haldern Pop Festival (Pipi in den Augen und so). Und deshalb gibt es am Niederrhein auch die höchste Dichte an Kashmir-Fans außerhalb Dänemarks. Er schließt bei den ersten Songs die Augen und sieht eine Person, die er mag. Es fühlt sich gut an. Aber irgendwas kriegen Kashmir heute nicht so ganz hin. Vielleicht bin ich zu müde, denkt er. Vielleicht setzen sie zu sehr auf Rocksongs, obwohl sie doch so melancholische Popsongs drauf haben. Vielleicht spielen sie zu viele neue Songs. Magische Momente wiederholen sich nicht. Natürlich dürfen sie trotzdem eine Zugabe spielen, auch wenn die niemand so wirklich lautstark fordert, es sind sogar vier. Und weil der halbe Saal nach Miss You verlangt, ihrem größten Hit, spielen sie den Song nicht. Nach anderthalb Stunden verlassen sie die Bühne. Es ist viertel nach zwei. Auch er geht. Beim Rausgehen sieht er ein Plakat: „Möhneball 2006, 23. Februar, Saal Tepferdt“. Er weiß, dass dann die selben Leute da sein werden. Nur er kommt nicht. Aber das war schon früher so.
Sebastian Dalkowski
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Kommentare
| Frank schrieb am 05.07.2006 um 18:48 Uhr: |
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Leider lehnt sich der Basti gegen die ganze Welt auf. Dabei wäre es doch soooo schön einfach mal zu leben und gleichzeitig zu erkennen, dass schon milliarden von „Revoluzern“ vor ihm letztendlich doch in den Rhein gesprungen sind. Haben sie es nicht getan, dann waren es die Ersten, die als „gereifte Personen“ nichts mehr von dem wissen wollten, was sie mal der Menschheit verzapften. Schade Bastilein, Deine Mama hat es wohl nicht so gewollt. Angenehmen Tunnelbrand!
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| Er schrieb am 06.02.2006 um 19:12 Uhr: |
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Er war jung! Er schreibt für eine Internet-Zeitung! Deshalb besucht er ein Konzert, für das er einen Bericht schreiben will. Scheinbar ist er sehr alternativ, zähl sich zu denen, die richtig was von Musik verstehen. Er möchte aber nichts neben seinem Musikhorinzont dulden, denn das wäre ja uncool. Sich mit dem Dorfleben zu arrangieren passt ihm ebenfalls nicht ins Konzept, schon garnicht irgendwelche Werbung für kommerzielle Massenveranstaltungen wie Karneval oder so. Nein, dass passt nicht in seinen Horinzont, denn er nennt sich ja „alternativ“ und da geht das schon garnicht. Und so schreibt und schreibt er, am besten in der Form eines neutralen Besuchers! Dieser scheint vor lauter Sachen, die ihm im Leben nicht passen schon depressiv geworden zu sein. Und er schreibt über ein schlechtes Festival einen richtig schlechten Bericht, wahrscheinlich war es der schlechteste, den er je geschrieben hat. Ob es ihm danach besser ging? — Und wenn sie nicht gestorben sind…
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