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Leben nach der Band. Allein (Foto: Christian Meesters)

Leben nach der Band.

Solosänger und der Robbie-Williams-Faktor.

Plötzlich ist alles anders. Ist die Bühne leer, wird riesengroß, blendet Licht, sind hundert Objektive, tausend Augenpaare auf den Sänger gerichtet. Greift er zur Gitarre, setzt sich auf einen Barhocker, umklammert das Mikrophon. Singt den ersten Ton zum ersten Song vom ersten Album, auf dessen Cover zum ersten Mal nur sein Name steht, sein Gesicht prangt. Das ist sein neues Leben. Allein im Scheinwerferlicht, weil er es sein Wunsch war. Keine bandinternen Diskussionen über die Setlist. Kein Gitarrist, der ihn für ein Gitarrensolo zur Seite schiebt. Nie mehr Streit über Arrangements, über die Sitzplätze im Tourbus.

Es ist sein Kopf, auf den Plakaten, sein Kopf, den er hinhält. Der Solosänger. Ohne Netz, doppelten Boden. Nur Manager und Stylisten und Songschreiber und Anwälte und Tänzer und Produzenten. Doch niemand mehr auf gleicher Augenhöhe. Und all die Augenpaare fragen: „Wird er es bringen?“ Sie kennen die Band, aus der er kommt, die er mit seinem Alleingang zerstört hat. Die Augenpaare hassen ihn dafür. Sie kennen, lieben die alten Songs, misstrauen den neuen. Sie wollen nicht überzeugt werden. Sie wissen: Er ist nur Teil. Ein Ganzes kann er niemals werden.

Ein Sänger wird solo. Jeder Solosänger ein anderer Grund. Alle erwarten ein Scheitern nach der Band. Denken den Robbie Williams jedes Mal wieder mit. Nach dem Ende von Take That würde ein Anfang stehen. Das war allen klar. Alle setzten auf Gary Barlow. Oder mindestens auf Mark Owen. Robbie ist es geworden. Nahm eine schlechte Coverversion von George Michaels Freedom auf, zuviel Drogen und brauchte letztlich Jahre, um zur Tina Turner seiner Generation zu werden. Jahre brauchen. Denn da sind immer Schatten, aus denen getreten werden muss. Da ist die Bandgeschichte, sind all die Codes, die Erinnerungen, gegen die der Solosänger ansingen muss. Er muss in seinem zukünftigen Bild das alte Bild zitieren, muss andere Bilder finden, sich ändern, ohne zu verleugnen. Das ist schwierig. Jeder Text über Lou Reed beinhaltet auch nach dreißig Jahren noch immer Verweise auf The Velvet Underground, Phil Collins wird, bei aller Wertschätzung für sein Solowerk, immer der „ehemalige Schlagzeuger von Genesis“ bleiben.

Der Sänger heißt: Dave Gahan. Neil Young. Gwen Stefani. Farin Urlaub. Ihm ist die eigene Band zu klein, er möchte mehr sagen, mehr von sich geben. Auf dem gewohnten Weg, mit den üblichen Mitteln ist das nicht möglich. Also nimmt er Musik auf, während seine Band in Villen wohnt. Die Musik klingt nicht anders. Geht auf Tour, gibt Interviews und kehrt dann, kreativ besänftigt, zu seiner Band zurück.

Der Sänger heißt: Paul McCartney. Johnny Rotten. Ice Cube. Pras Michel. Er kam aus der größten Band der Welt, hatte die Garantie, eine Solokarriere in Würde starten. Dann schrieb er Ebony And Ivory. Ging für Ich bin ein Star, holt mich hier raus in den australischen Dschungel. Verwandelte sich für viele Millionen Dollar in ein Imitat von Vin Diesel. Mit Musik hatte das nicht etwas zu tun. Mit Würde niemals.

Der Sänger heißt: Michael Jackson. George Michael. Robbie Williams. Adam Green. Er kam aus der größten Band der Welt. Und niemand konnte damit rechnen, dass er noch größer werden würde. Dass man die größte Band der Welt vergessen konnte, wenn er nur einen Ton sang. Dieser Sänger ist das Vorbild aller Sänger. Er ist nicht planbar.

Die Sängerin heißt: Björk. Peter Gabriel. In einer kleinen Band, auf Island beispielsweise, hat sie sich in aller Ruhe getestet. Hat an der eigenen Persönlichkeit zu feilen, sie gedehnt, bis zur Decke gestreckt. Und als die Zeit reif war, eine neue Musik erfunden. Der Sänger ist den umgekehrten Weg gegangen. Hat eine neue Musik geschaffen, seine Band erst dem Schlagzeuger, dann dem Mainstream übergeben und ist danach auf eine kleine Insel gegangen, werkelt dort an sich und seinem Ich als Gesamtkunstwerk.

Der Sänger heißt: Billy Corgan. Stephen Malkus. Richard Ashroft. Er weiß nicht, dass seine Band längst nicht mehr existiert. Doch er weiß, dass die Band für ihn niemals wichtig war. Dass es ihn auch ohne Band geben würde. Denn es ist seine Stimme, seine Attitüde, seine Lieder. Und wundert sich später, dass obwohl er nichts geändert hat, doch alles anders ist. Weniger Augenpaare, weniger Objektive. Kein Band, dafür weniger Licht. Dieser Sänger lebt im Gestern.

Der Sänger heißt: Gary Balow. Mark Owen. Lucy Licious. Marc Terenzi. Doreen. Joey McIntyre. Er ist ein tragischer Held in einer grandiosen Komödie. Wo alle hämisch grinsen, wenn er plötzlich Wörter wie Selbstverwirklichung in den Mund nimmt. Wenn Videoclips plötzlich schwarz/weiß werden. Wenn der tragische Held tragischerweise Texte, Melodien selbst zu schreiben beginnt. Wenn er meint, damit durchkommen zu können.

Andrew Fletcher, der ewige Dritte von Depeche Mode sagt: „Mir haben Solokünstler immer leid getan. Man muss alle Entscheidungen treffen, und man ist umgeben von Leuten, die für einen arbeiten. Wir sind aber in einer Gruppe, wir können diskutieren.“ Im gleichen Interview erzählt Martin Gore, dass Gwen Stefani sich als „Songwriterhure“ bezeichnet. „Sie habe das Stadium der Peinlichkeiten schon lange hinter sich gelassen.“ Er sagt es nicht als Vorwurf.

Und dann verlässt der Sänger die Bühne. Die Augenpaare schließen sich, rufen seinen Namen. Der Sänger lächelt. Seinen Namen. Allein seinen Namen. Erst dann ist er zufrieden.

Stefan Petermann



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