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Rituale 2.0. Wiederholung

Rituale 2.0.

Moderne Bräuche auf dem Prüfstand.

Rituale bestehen, und das ist kein Geheimnis, zu großen Teilen aus Regeln. Diese Regeln sind nirgendwo niedergeschrieben. Man kann sie ignorieren, sie lächerlich machen, sie verdammen oder verteidigen. Egal wie, das Ritual passiert dennoch. JUSTmag nimmt einige der modernen Bräuche genauer unter Lupe.

9/11

Jahrestag der Paranoiker. Denn seltsamerweise mehren sich spätestens Ende August die Anzeichen für einen erneuten Anschlag. Verdächtige werden verhaftet, ein erhöhtes Funkaufkommen einschlägiger Kreise gemeldet. In obskuren Videos feiern Führungskräfte der unsympathischen Terroristenclique Al-Qaida ihren bisher einzigen Welthit vor dem Panorama karger Gebirgszügen ab und drohen mit weiteren Feuerstürmen, welche die Länder der Ungläubigen überziehen werden.

Der amerikanische Präsident / die amerikanische Präsidentin erinnert in einer Fernsehansprache die Nation an die Opfer, die gebracht wurden und die für eine terrorfreie Welt noch zu bringen sind. Eine Kamera fliegt um eine dreidimensionale Animation des noch zu bauenden Freedom Towers herum, während Daniel Libeskind erklärt, warum er mit dem veränderten Entwurf nicht zufrieden ist. Amerikakritische Medien rechnen die Toten des 11. Septembers mit den Toten des Irakkriegs auf.

Zeitgleich erinnern auch die deutschen Medien. Ein dritter öffentlich-rechtlicher Sender bringt eine Themennacht, in deren Mittelpunkt die Dokumentation der französischen Brüder Naudet steht. Auf RTL erinnert sich der grimmepreisgeehrte Peter Klöppel mit ernster Miene an seine grimmepreisgeehrte Moderation vom elften September zweitausendeins. Und die BILD findet auf Keksdosen Hinweise, dass das Attentat in Wahrheit von der deutschen Lebkuchenfirma Schmidt von langer Hand geplant war.

Weihnachtspredigt

Der Pfarrer versucht es schon wieder. Einerseits weiß er, dass die meisten, die er an diesem Weihnachtsnachmittag vor sich sieht, Glauben als altmodisches Accessoire betrachten. Gott hat für sie die gleiche Bedeutung im Alltag wie Dieter Bohlen oder Franz Müntefering. Davon lässt er sich nicht abschrecken. Denn er weiß auch, dass diese mit Menschen überfüllte Kirche eine einmalige Chance bietet. Natürlich muss er den Menschen geben, wonach sie verlangen: Hirten und die Jungfrau Maria, „Es ist ein Ros entsprungen“ und die kircheneigene Konfirmandengruppe, die viel zu leise im Chor singt. Aber an keinem Tag im Jahr kann er so viele Menschen erreichen. Irgendwie. Trotzdem.

Also versucht er sich in subtiler Provokation. Zu Beginn der Predigt geht er unter die Gottesdienstbesucher und beginnt ein Gespräch mit ihnen. Das Krippenspiel thematisiert aktuelle Probleme und scheut sich nicht, Weihnachten konsumkritisch zu beleuchten. Der Chor singt englischsprachige Gospelstandards und bewegt sinnlich die Körper dazu. In der Predigt wagt der Pfarrer eine Selbstreflexion, die den Besuchern unangenehm nah auf die Pelle rückt. Es ist ein ungleicher Kampf, zwischen dem unbedingten Willen der Gottesdienstbesucher, sich nur peripher einer moralischen Botschaft auszusetzen und dem Pfarrer, der mehr möchte als einen Euro für Brot für die Welt. Und er wird keinen Sieger kennen.

Killerspieldebatte

Ein liebgewonnenes Ritual, welches gerade in letzter Zeit verstärkt zelebriert wird. Weil nach Trauer erst Unverständnis und danach Wut kommt. Und Wut immer ein Opfer sucht. Und Opfer ist im günstigsten Fall, was man nicht kennt. Computerspiele zum Beispiel. Da reicht ein kurzer Blick auf die mit waffenstrotzenden Helden gespickte Verpackung und genügt ein dünnes Statement von selbsternannten Medienpädagogen und schon fügt sich das eine zur Schlagzeile. Die Vereinfachung ist sozusagen Grundvoraussetzung für eine kollektive Hysterie.

Ebenso Ritual: der Hut, den Verteidiger in den Ring werfen; Spielezeitschriften zum Beispiel oder überhaupt alle, die unter 30 sind und mit Computern umgehen können. Hingewiesen wird dabei selten auf das amerikanische Militär, welches Egoshooter auf die eigene, unnachahmliche Weise nutzt. Doch spätestes, wenn in den BILDSTERNSPIEGEL-Redaktionen in der Mehrheit Redakteure sitzen, welche in den frühen 90er Jahren Wolfenstein-3D gespielt haben, wird sich diese Diskussion erledigt haben.

Jahresrückblicke

Jeder will immer der Erste sein. Besonders wenn es darum geht, die MenschenTiereSensationen des vergangenen Jahres zu präsentieren. Deshalb wird schon Ende November, Anfang Dezember zurückgeschaut. Superlativjäger Kerner streichelt betroffen über die Arme der tragischsten Schicksale, bis das Wort „menscheln“ eine völlig neue Bedeutung erhält. Erinnerungsmanager Günter Jauch knittert sein Hundegesicht zusammen und lässt mit sanftironischem Blick die aberwitzigsten Absurditäten Revue passieren. Aus einem Nullabstand heraus wird ein Ereignis zum Ereignis erklärt. Gestern noch eine Meldung auf der „Vermischtes“-Seite der Lokalzeitung, heute schon Symbol eines kompletten Jahres. Das geht schnell und einfach. Man schreibt Geschichte, während Geschichte noch gemacht wird. Dies kann durchaus mächtig daneben gehen. Wenn Jahresrückblicke schon gesendet und gedruckt sind und für sich in Anspruch nehmen, alles Wichtige über ein Jahr zu erzählen und plötzlich am ersten Weihnachtsfeiertag eine Riesenwelle Asien trifft. Oder ein irakischer Diktator unmittelbar vor Silvester hingerichtet wird. Gehört irgendwie auch zum Jahr, steht aber nirgends.

Silvesterfeier

Jedes Jahr erneut der gute Vorsatz, sich diesmal schon im Oktober um eine unvergessliche Silvesterfeier zu kümmern. Plötzlich ist dann Ende Dezember und das Haus an der Nordsee und die Pension in Prag natürlich längst schon ausgebucht. In diesem Fall bleibt, wie immer, nichts anderes übrig, als Bekannte anzuklingeln und vorsichtig anzutesten, ob nicht eine Feier (muss gar nicht mal groß sein!) geplant wäre und falls ja, ob man da nicht mitkommen und vielleicht ein paar Freunde mitbringen könnte. Dies klappt meistens immer. Und klar ist auch, dass ein „paar Freunde“ grundsätzlich „zwanzig Freunde“ bedeutet. Trotzdem gelingt die Jahresendfeier jedes Mal wieder. Weil: Alkohol.

Stefan Petermann



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