 Rainbow Family — Kulturell kreativ.
Die Suche nach menschlicher Magie.
Stellt dir vor es ist nichts, und trotzdem geht jeder hin.
So ungefähr kann man das Prinzip der Rainbow Meetings beschreiben. Obwohl „Prinzip“ im Grunde schon die falsche Bezeichnung ist. Jeder Mensch kennt Woodstock, kennt die Pfadfinder, kennt Ferienlager und Zeltcamps. Wenn man diese Komponenten zusammenfasst, erhält man eine leise Ahnung, was Rainbow Meetings sind. Und wer die Rainbow Family ist, die diese Meetings veranstaltet.
Ihren Ursprung hat die Veranstaltung — wie so viele Bewegungen — in den USA. Im Jahr 1972 wurde in Colorado zum ersten Mal zu einem Gathering zusammengerufen. Damals ging es darum, gleichgesinnte Aussteiger zu versammeln und für den Frieden zu beten. Vietnam, wir erinnern uns. Im Gegensatz zu den bekannten Festivals ging es hierbei aber noch mehr um Inhalte. Abgeschaut hatte man sich dieses Gathering-Prinzip von Ratssitzungen amerikanischer Ureinwohner. Eine alternative Zukunft sollte her. Also musste man sich beraten. Beim Gathering trafen viele verschiedene Gruppen zusammen: Bürgerrechtler, Ökos, Frauenrechtler und Studenten. Eine Lösung fand man nicht, aber das Happening war geboren. Und es verbreitete sich über die ganze Welt.
Auch heute finden noch regelmäßig Treffen statt, und das in ganz unmittelbarer Nähe. Meist versammelt sich die Regenbogenfamilie zu Zeiten von Vollmond- oder Sonnenwendfeiern. Obwohl es keine festen Statuten gibt, verlaufen die Treffen nach einem Muster. Gatherings werden nicht öffentlich bekannt gegeben. Es findet sich keine Werbung in Szenemagazinen oder ähnlichem. Auch übers Internet lassen sich nur schwerlich feste Termine finden (Ausnahmen gibt es in der Linkliste). Und genau da liegt der Punkt: Den Regenboglern geht es eben darum, der modernen Vernetzung zu entgehen. Das hat nichts mit elitärem Gedankengut zu tun. Wert gelegt wird auf die Gemeinschaft, und auf Mündlichkeit. Es hält sich der Glaube, wem daran gelegen ist, der erfährt schon von den Treffen. Und erstaunlicherweise scheint es tatsächlich zu funktionieren, zumindest sprechen die steigenden Besucherzahlen dafür. Irgendwie gelingt es also doch, an Informationen zu kommen. Diese werden aber lediglich persönlich von sogenannten Foculizern weitergegeben — einer Art Rainbow-Family-Kontaktmenschen. Die Treffen finden schließlich an abgelegenen Orten statt, meist auf Waldlichtungen, die nur schwer zugänglich sind. Die Zahl der Teilnehmer ist groß, nicht selten übersteigt sie die 500. Es gibt für die Treffen zwar kaum Regeln, aber einige Richtlinien sind schon vorhanden: Geächtet wird das Mitbringen von Waffen, Drogen, Alkohol sowie elektrischer Gerätschaft. Auch kommerzieller Handel erfreut sich keiner großen Beliebtheit. Ein weiteres Merkmal der Gatherings: Alles ist kostenlos.
Während des Gatherings darf sich jeder, der durch Mundpropaganda erst einmal dorthin gefunden hat, als Teil der Familie verstehen. Ohne Aufnahmeprüfungen und andere Einschränkungen. Nun geht es darum, gemeinsam die Alternative zu leben. Es wird gebetet, gesungen, aber auch gelernt. Jeder, der sich dazu in der Lage fühlt, kann Kurse anbieten und Menschen unterrichten. Die Kurse reichen über handelsübliches Yoga bis hin zu erfahrenem Survivaltraining. Menschen, die an diesen Treffen teilnehmen, können entweder Hippies oder auch 'ganz normale Menschen' sein. Die Treffen werden als eine Art spirituelle Tanke verstanden. Ob sich einmal ein globaler Gesellschaftsentwurf daraus entwickelt, bleibt offen.
In jedem Fall geht es der Rainbow Family darum, sich auf das Menschsein zu besinnen. Es soll nicht alles bürokratisiert und organisiert werden. Man vertraut auf die „Magie“ menschlichen Zusammenseins. Bestes Beispiel hierfür ist die kulinarische Versorgung: Es gibt im Rainbow Camp keine Verantwortlichen, denen bestimmte Aufgaben zugeteilt sind. Jeder versucht dort zu helfen, wo Not am Mann ist. Und genau nach diesem Prinzip finden sich jeden Tag Menschen, die nicht nur reihum gehen und Essen für den nächsten Tag sammeln, sondern dieses auch zubereiten. Dass auf diese Weise eine Verköstigung von bis zu 1000 Mann stattfinden kann, ringt zumindest ein bisschen Bewunderung ab. Einen soziologischen Namen hat diese Form der Gegenbewegung auch schon: Die Kulturell Kreativen. Eine Studie zum erstaunlichen Zuwachs dieser Menschengruppe findet sich bei Paul H. Rays. Kulturell Kreative sind Menschen, die zwar einen festen Halt in der persönlichkeitsorientierten, westlichen Welt haben, sich jedoch einer „alternativen“ Lebenseinstellung nicht verwehren: Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Frieden werden für diese Menschen zu immer wichtigeren Größen.
Wer sich also selbst zu dieser Gruppe zählt, sollte einmal die Augen aufhalten. Gerade Großstädte wie München, Köln aber auch Berlin beherbergen Zufluchtsorte für Rainbow Mitglieder. Gerade jetzt, wo es fast schon wieder richtig Frühling wird, findet sich bestimmt das eine oder andere Happening in naher Umgebung.
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Jasamin Ulfat
Kommentare
| Daniel Link schrieb am 10.10.2006 um 02:32 Uhr: |
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Das will ich mal erleben. Aber ich habe etwas Angst vor zuviel Alternative. Denn zuviel Alternative scheint mir einen Schleier auf die Realitätswahrnehmung zu legen. Alles sieht hübsch bunt aus, ist kuschelig weich und riecht auch gut, aber es geht genauso leicht kaputt und ist eigentlich zu wirklich gar nichts zu gebrauchen. Ich spreche hier nicht von der absoluten Realität. Ich meine meine Realität. Die Realität, in der es Platz für Wunder und Geschichten gibt, aber auch für Skepsis. Ein Denkmodell, in dem die Balance gehalten wird. Träumen ist angenehm. Aber ich möchte mich nicht auf den Wogen eines Meeres aus Illusionen forttragen lassen. Da werde ich seekrank.
Aber als Normaler zwischen Normalen, die ein wenig menschlicher sind als die Grauen — so eine Reise in eine Welt, wie sie etwas anders besser ist, könnte ich genießen. Wenn es auch wieder aufhört. Denn eins hat mich die Beschäftigung mit den Hippies gelehrt: man kann Inspiration daraus schöpfen, aber dass sich die Schwingungen nicht von allein ausbreiten, merkt man spätestens dann, wenn man entweder als langhaariger Langzeitarbeitsloser oder aber als schmieriger Politiker in Armani nur noch gelegentlich daran denken kann, was mal war und hätte werden können. Und dann ist ja doch alles ganz anders gekommen.
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