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Gezüchtete Bierbäuche im Sessel. Zuhause

Gezüchtete Bierbäuche im Sessel.

Fussball Zuhause gucken?

Aus der Serie Pro und Contra:

Pro

Wer sich bei Rock im Park in der letzten Reihen wohlfühlt und später glaubt, gerade deshalb wäre auch er dabei gewesen, der geht auch gerne zum Fußballgucken ins Stadion. Oder anders: Livefeeling ist ein Mythos. Er beschreibt einen Idealzustand, den es nicht geben kann. Ein Hexenkessel hat nie existiert. Er wird gemacht, später, von Moderatoren, von geschickten Schnitten in der Zusammenfassung, von den Werbebannern der Trikotsponsoren. Live-Sein heißt: Viel zahlen, wenig sehen. Sich über andere Menschen ärgern. Zeit bei der An- und Abreise verlieren. Das Gesamtkunstwerk „Fußballspiel“ nur ausschnittsweise mitbekommen. Fußball ist heute in erster Linie Unterhaltung. Auf dem Platz, auf den Rängen. So wird Fußball auch im TV und im Stadion inszeniert. Fußball wird genormt. Bundesliga oder Rot Weiß Erfurt — die Mechanismen sind die gleichen. Sie haben die Gänsehaut getötet. Einmal zu oft „Go West“ gesungen, einmal zu oft den akustischen Werbejingle des Hauptsponsoren über Stadionlautsprecher eingespielt. Der Zuschauer ist diesen Machenschaften ausgeliefert, ist nicht Fan, sondern in erster Linie Kunde. Und wird so behandelt. Jeder penetriert den Kunden mit seiner Botschaft. Und wenn das einzige Tor des Tages fällt, dreht man sich gerade um.

Warum also ins Stadion gehen? Wenn das Zuhause die eigentlichen Vorteile bietet? Eingeladen werden nur Menschen, die man auch wirklich um sich haben will. Bier und Essen sind kostengünstiger und in ausreichenden Mengen vorhanden. Die spektakulärsten Spielszenen werden wiederholt (mehrmals, mit Zeitlupe, mit Grafiken). Im günstigen Fall weiß ein kompetenter Moderator wichtige Informationen. Falls nicht, wird das Spiel stummgeschaltet. Machen die Freunde ihre eigene Kommentare, ihr eigenes „Go West“. Wer braucht schon Menschen, wenn er Freunde hat? Alle, die vom Dabeisein schwärmen: Diese Welt ist virtuell. Warum sollte das beim Fußball anders sein?


Contra

Bundesliga — Endrunde — Bayern gegen Leverkusen — 1:1 und noch eine Minute zu spielen. Mann, da möchte ich wirklich nicht zu Hause im Wohnzimmer sitzen. Wie soll ich im Wohnzimmer denn Roy Makaay anfeuern mit: „Hau rein, Mann. Der Butt trägt doch nicht umsonst nen Intimschutz“? Wenn ich das im Wohnzimmer schreie, hat Makaay nicht sehr viel davon. Da klopft maximal die Nachbarin gegen die Wand, weil es zu laut ist. Wie soll ich Josip Tadic denn im Wohnzimmer demotivieren mit: „Ey, Tadic, Deine Frau schießt härter als Du“? Da schlürft mein Kumpel auf der Couch nur zustimmend sein Bier oder mampft seine Chips. Im Stadion hätte ich wenigstens die Chance, dass Josip Tadic hört, was ich von ihm halte. Und wen bitte soll ich im Wohnzimmer mit den Chips beschmeißen, die ich eigentlich essen wollte? Meinen Kumpel? Ich versaue mir doch nicht mein Wohnzimmer. Im Stadion kann ich immerhin die Leverkusen-Fans damit ärgern, ohne dass ich hinterher sauber machen muss.

Im Stadion wird an der Front gekämpft. Da trifft man direkt auf den Gegner. Da holt man sich die Emotionen nicht nur aus der Konserve. Im Wohnzimmer bleiben nur die, die sich dort während der letzten Saisons einen Bierbauch gezüchtet haben und sich damit nicht ins Stadion trauen. Zurecht. Bleibt dort und nehmt den Second-Hand-Fußball. Und das ist Fußball im Wohnzimmer, weil das Mitfiebern, die Emotionen um ein vielfaches dezimiert werden. 66.000-Mann-Emotion in der Münchner Arena gegen sechs Mann im Wohnzimmer. Wie traurig ist denn eine Welle mit meinen fünf Stammtisch-Kumpels zu Hause im Wohnzimmer? Oder wie dünn klingt denn „Leverkusen — GO HOME!!!“ wenn wir das zu sechst grölen?

Stefan Petermann / Kerstin Petermann



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