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Pro und Contra: FC St. Pauli.

Pro und Contra: FC St. Pauli.

Weltpokalsiegerbesieger auf dem Prüfstand.

Aus der Serie Pro und Contra:

Pro

Es ist natürlich wesentlich einfacher, sich den Vereinen hinzugeben, die mit konstanter Gewissheit die Mehrzahl ihrer Spiele gewinnen und oder stets im grauen Mittelmaß ohne Fallhöhe operieren. Wobei Hingabe möglicherweise das falsche Wort für solches Fantum ist. Routine trifft es besser. Und das Gegenteil von Routine heißt „St. Pauli“. Weil die einzige Konstante hier Ungewissheit heißt. Nach fulminanten Höchstleistungen und nicht erwartbaren Heldentaten folgt unmittelbar die Katastrophe. Die tragische Niederlage steht als Happy End schon fest.

St. Pauli ist Mythos gleichermaßen wie Symbol für alle, die im Alltag gerne Piratenaugenklappen tragen und Molotovcocktails in staatstragende Einrichtungen schleudern würden, wenn dies nicht rechtliche Konsequenzen zur Folge hätte. Mythen leben davon, dass profane Sachen überhöht werden. Bayern München zu besiegen zum Beispiel. Aus so einem Erfolg muss man nicht zwangläufig eine komplette Merchandisingserie basteln. Doch man kann den Chupze respektieren, genau dies mit einer fast schon religiösen Ernsthaftigkeit zu machen und vorallem aus diesem einmaligen Sieg eine Daseinsberechtigung als kauziger Individualist abzuleiten.

Symbole hingegen müssen allgemeingültig für etwas stehen. Klein sein kann jeder, schon klar, die Kunst der Hamburger besteht jedoch darin, sich für elf Millionen Sympathisanten als ewigen (und einzig legitimen) Underdog gegen das Establishment zu inszenieren. Dazu gehören subtile Aktionen wie „Saufen für St. Pauli“ ebenso wie Tomtes zweischlechtestes Lied Das hier ist Fußball. Wenn Fußball mindestens eine Lebenseinstellung ist, die über sportliche Belange hinausgeht, dann am Millerntor. Das kann man gut finden oder nicht; jedenfalls wird nirgendwo gesellschaftspolitisch relevanter verloren als hier.


Contra

Das Prinzip von Fußball ist: gewinnen. Das Prinzip von Fußball ist nicht: St. Pauli. Das Prinzip St. Pauli geht so: Nur gegen die Großen gewinnen. Nach Niederlagen erst recht feiern. Auf keinen Fall auftreten, wie ein professioneller Fußballverein. Dass das Stadion gerade modernisiert wird, muss ein Versehen sein.

Natürlich, es gibt andere Underdog-Vereine, Mainz 05 zum Beispiel oder Alemannia Aachen, aber die würden im Gegensatz zu St. Pauli gerne mehr Geld haben und mehr Erfolg. Während deren Fans trotz Niederlage zum Verein stehen, stehen die St. Pauli-Fans wegen Niederlagen zum Verein das heißt auch, dass Pauli-Fans gar kein Leid ertragen müssen, weil sie gar keines empfinden. St. Pauli ist die Sammelstelle für die Verlierer dieser Welt, die genau wie ihr Verein aber einfach nur zu bequem sind, um nach oben zu kommen. Der Verein macht sich mit dieser Underdog-Masche kräftig Freunde in ganz Deutschland, die dann mit Totenkopf-Kapuzenpullis rumlaufen und Totenkopf-Shirts. St. Pauli ist die einzige Mannschaft neben Bayern, für die Leute halten, die sich nicht für Fußball interessieren.

Die Jahre in der Regionalliga müssen für St. Pauli deshalb die Hölle gewesen sein, so als Favorit und Gar-Nicht-Mehr-Underdog. Das war in ungefähr so, als würde Kuba plötzlich nicht mehr von den USA boykottiert werden sondern von den Fidschi-Inseln. Aber jetzt geht es bald immerhin wieder gegen die Halb-Großen, gegen Mönchengladbach, 1860 München, Kaiserslautern, Köln. Dann darf der Verein endlich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: klein sein.

Stefan Petermann / Sebastian Dalkowski



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