 Die Leichtigkeit des Scheins.
Bei Sonne nach draußen?
Pro
Die Sonne ist die wohl größte Energiequelle dieser Welt und sie zu nutzen ist gratis. Auch in Zeiten des Klimawandels und der damit verbundenen Medienberichterstattung, die bei jedem Griff zum Lichtschalter ein schlechtes Gewissen verursacht, bereitet sie sorgenfreien Genuss von Helligkeit und Wärme. Und das fühlt sich nie so gut an wie jetzt, wo der Sommer kommt und die letzten Picknicks und Badetage schon viel zu lange her sind. Endlich wieder draußen sitzen im Lieblingscafe und entspannt das Treiben der Straße beim ersten Eiskaffee vorbeiziehen lassen. Endlich wieder im T-Shirt auf der Wiese liegen und spüren, wie die Wärme jede Faser des Körpers erfüllt und sich alle Verspannungen lösen. Endlich wieder aufs Wasser rausfahren und über die glitzernden Wellen schauen, auf denen sich die Sonnenstrahlen wiederspiegeln, während der Wind die Haare zerzaust.
Die Verlockung, rauszugehen, bringt Motivation, wieder öfter Sport zu machen, die Mittagspause im Park zu verbringen, Frischluft zu tanken ohne dabei zu frieren, Kosten fürs Solarium zu sparen und trotzdem gesund auszusehen, und sogar dazu, morgens früher aufzustehen.
Dass es im Norden die meisten Alkoholiker und im Süden die größte Lebensfreude gibt, hängt direkt mit der Sonne zusammen und mit der Möglichkeit, diese im Freien zu genießen. Wir leben zwischen Süden und Norden. Wir haben die Wahl. Also, nichts wie raus jetzt!
Contra
Die Sonne ist der gelbste Diktator der Welt. Der Mensch begreift Sonnenschein als Befehl: Sofort nach draußen! Sonst schlechtes Gewissen. Also verlegt er seinen gesamten Tagesablauf an die frische Luft. Er isst auf der Terrasse, schwimmt im Freibad, erstellt seine Powerpoint-Präsentation im Park und besäuft sich zum Abschluss noch hübsch im Biergarten. Außerdem knutscht er an allen Orten, denn das macht schwer beleuchtet noch mehr Spaß. Die ganze Stadt ist deshalb an Sonnentagen vollgestopft mit Menschen und nackten Körperteilen und viel zu optimistisch geschnittenen Kleidungsstücken — und alle reden sich ein, dass es ihnen schon lange nicht mehr so gut ging. Glück ist unerträglich, wenn es von mehr als drei Menschen pro Quadratmeter gleichzeitig zur Schau getragen wird. Zumal die sich bei Sonnenschein wie Verliebte verhalten. Nur dass sie statt „Du brauchst eine Freundin“ das hier sagen: „Du brauchst unbedingt auch ein bisschen Sonne.“
Keiner begreift dabei den fundamentalen Irrtum, dass Sonne zu etwas verpflichtet. Sie scheint sicherlich noch mal, dafür haben wir mit unserem Klimawandel ja bereits gesorgt, und die Sonne nimmt uns den Aufenthalt im Haus auch nicht übel, sie verpulvert bei dichter Wolkendecke schließlich genauso viel Energie. Wofür hat sich der Mensch in Jahrhunderten von der Bevormundung durch Gott und die Kirche befreit, wenn er sein Leben dann einem Klumpen Energie unterstellt? Die Sonne ist Gott 2.0. Hören wir auf, an sie zu glauben.
Katharina Litschauer / Sebastian Dalkowski
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