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Die heilige Gastfreundschaft.

Die heilige Gastfreundschaft.

Freunde kostenlos bei sich wohnen lassen?

Aus der Serie Pro und Contra:

Pro

Kostenlos und schnell den Charakter aufmotzen? Das ist möglich: Lass eine Woche lang einen Freund bei dir wohnen. Das heißt Gastfreundschaft. Ein Prinzip, besser als sein Ruf. Nicht nur dann, wenn man selbst davon profitiert und zum Beispiel unter einer Straßenlaterne in Neukölln steht, nachts und ohne einen Pfennig. In manchen Zeiten sind weniger Münzen da als Freunde.

Nur Freunde genießen Großzügigkeit in ihrer Reinform. Bei der buckligen Verwandtschaft ist die Verbindung zwanghaft, bei anspruchsvollen Partnern sexuell. Denen öffnet man die Tür zuweilen so wie der GEZ. Anders als die diese kündigt ein Freund seinen Besuch vorher an. Das gehört zum guten Ton und gibt einem die Chance, sich vorzubereiten. Höflich, aber in diesem Fall überflüssig. Freundschaft bedeutet Sympathie und Vertrauen. Kein Anlass also, seine sieben Sachen hin und her oder irgendwo drunter zu schieben. Die Bleibe für den Gast muss keinem Anspruch genügen. Höchstens dem der gemeinsamen Freundschaft.

Doch ist der Freund im innersten Kern, der Wohnung, streifen jetzt vier Augen über die Fleischwerdung seiner Existenz und man merkt: Das geht gar nicht. Das möchte man weder dem Freund, noch sich zumuten. Vorbei die Zeit der nicht-öffentlichen Müllhalden, der Dosen-Tortellini und der zwielichtigen Gestalten auf der Gästematratze — da lagert jetzt der Freund. Dafür Bahn frei für eine weitere Tugend: Einfühlungsvermögen. Sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen ist der beste Schritt zu echter Magie. Auch wenn der zunächst klein ist, zum Beispiel, die Flasche Wein nicht allein zu leeren.

Ein guter Mensch wird der, der sich mit einer zweiten schönen Sache umgibt. Die muss unbedingt ein echter Mensch sein — kein Wellensittich, Tamagotchi oder Avatar. Neumodische Personality-Coaches könnten einpacken, wenn sich das herumspräche. Einen anderen zu umsorgen macht adretter und schlauer. Im besten Fall auch reicher! Denn Gastfreundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Für den nächsten Berlin-Trip zahlt man nur den Billigflieger, nicht die Unterkunft.


Contra

Es fängt damit an, dass die immer irgendwann frühmorgens ankommen, wenn jeder normale Mensch noch im Bett liegt. „Natürlich hole ich euch vom Flughafen ab, ist doch klar“, höre ich mich am Telefon sagen, und verwünsche diese seltsame moralische Instanz, die mir immer wieder einredet, dass Gastfreundschaft heilig ist.

Die Tage vor der Ankunft des Besuches sind von putz- und aufräumbedingter Hektik gezeichnet, denn meine Wohnung sieht selten so aus, dass sich meine Gäste auf jeden Fall wohlfühlen. Und dass das die oberste Priorität ist, hat mir mein innerer Moralapostel auch erfolgreich eingebläut. Also sauge ich Staub und was sonst noch so hinter meiner Couch lebt, räume die obersten Stockwerke der Zettel- und Zeitungsstöße im Wohnzimmer weg, und drapiere einige imagegerechte CDs, Bücher und Zeitschriften auf dem Couchtisch. Gott sei Dank sind derer genug in Reichweite.

Dafür muss einiges schnell verschwinden: Ausgedruckte E-Mails von Menschen, von denen die Besucher nicht wussten, dass…, die Schale mit den Pralinen, die sonst sofort leergegessen ist, der rote Jogginganzug, den selbst mein eigenes Spiegelbild peinlich findet. Nach drei Tagen Schwerarbeit bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden, und denke, selbst meine Eltern hätten an der Wohnung nichts… nee, so weit geht's dann doch nicht. Aber es ist gemütlich, sauber, einladend.

Dann kommen die lieben Freunde an, stellen ihre Taschen und Rucksäcke ab, und binnen fünf Minuten sieht es aus wie Sau. Überall leere Wasserflaschen, zerknüllte Zettel, Pullis, Socken, Stadtpläne, Kopfhörer, und irgendwo drunter versteckt sich mein Wohnzimmer. In dem ich natürlich jetzt erst mal eine Woche nicht wohnen kann. Morgens muss man zusammen frühstücken, abends ab zehn Uhr leise sein, Fernseher und CD-Player sind plötzlich außer Reichweite, jegliche Privatsphäre auch. Der Komfort der eigenen Wohnung nimmt stündlich ab: Nackt aus der Dusche ins Bett geht nicht. Ungestört telefonieren erst recht nicht. Der PC braucht eine Viertelstunde zum Hochfahren, sobald man gesperrte Benutzerkonten angelegt hat. Meine Gäste brauchen nicht so lange, wie ich nächtens allzu deutlich aus dem Nebenzimmer hören kann.

„Fühlt euch wie zuhause“, habe ich zu meinen Gästen gesagt. Mit dem Ergebnis, dass die das jetzt tun, und ich nicht mehr. Ich verfluche meine Gastfreundschaft und schwöre mir: Das nächste Mal wohnt ihr im Hotel!

Franziska Schwarz / Christina Kauthaaler


Kommentare



Michael schrieb am 03.07.2007 um 12:30 Uhr:

Das kam vom Herzen und ich kanns nschempfinden
echt super
liebe Grüsse von einem Unbekannten der aus Zufall über diese Seite gestolpert ist.

lg. Mike

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