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Platte des Monats in Ausgabe 05/2008
Portishead - Third

Antimaterie.

Band Portishead
Album Third
Plattenfirma Island / Universal
Bewertung 9 von 9 Punkten

Die letzte Szene aus dem ersten, dem einzig wirklich relevanten Terminatorfilm: Sarah Connor fährt in eine Zukunft, von der sie genau weiß, dass sie von Maschinen beherrscht sein wird. Bleigrau wölbt sich der Himmel über einer endlosen Wüste, eisig fegt der Wind durch ein dem Untergang geweihtes Land. Es wäre billig zu behaupten, Third wäre der Soundtrack zu einer apokalyptischen Endzeitvision. Denn Third ist soviel mehr: vertraut und gleichzeitig zukünftig, passgenau für die Gegenwart und klingt dabei wie nichts anderes in dieser Zeit. Ein fremdes Stück Musik, weit entfernt von vertrauten Konstellationen. In seiner Zerrissenheit gegen jegliche Erwartungshaltung gerichtet. Kalt und erloschen, unnahbar und geschunden und vor allem: unbarmherzig gegen sich und den Hörer. Eine Herausforderung, mehr noch: eine Prüfung.

Dummy, das war 1994. Die Bedeutung des Debüts ist nicht zu überschätzen. Die beiden Nachfolger, kurz darauf erschienen. Anfang der 00er Jahre eine komplett maschinenfreie Beth Gibbons auf Out Of Season. Ansonsten Schweigen aus Bristol. Dass Third (Alternativtitel: Alien) überhaupt existiert, ist unwahrscheinlich genug. An jedem Snaredrumschlag müssen Geoff Barrow und Adrien Utley jahrelang gefeilt haben, viele tausend Tage haben sie die Gitarren bis zur Unendlichkeit verstümmelt. Und dennoch sind es die Auslassungen, die Third so erschreckend machen. Die sparsam eingesetzte Instrumentierung schafft Luft, die ein Ertrinkender braucht, wenn er für Sekundenbruchteile durch die Wasseroberfläche bricht. Darunter ist alles Eis. Kopfkino könnte das sein, wenn der Hörer die fehlenden Töne in eigener Anstrengung vervollständigt. Der rote Faden ist die geschundene Stimme Beth Gibbons. Über die ist viel geschrieben wurden, alles davon stimmt. Hier macht sie längst gemeinsame Sache mit den Maschinen.

Selbst wenn für 1:39 Minuten nur eine Ukulele zu hören ist, wirkt dies nicht befreiend, sondern nimmt das schmerzhafte Ende vorweg. In diesem Fall: Machine Gun. Selten war ein Titel passender zu derart verstörender Musik. Minimale Beats, schwer und mitleidslos, minutenlang nur diese Beats, darüber „There is no other place“. Am Ende dann eine erlösende Fanfare, ein Signal, welches noch heimatloser klingt, noch verlorener. Das ist nicht weniger als DER Moment des Jahres, auch wenn er nur gefühlte zehn Sekunden währt. Glücklicherweise beliebig oft wiederholbar, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Die Nervosität von Nylon, das Flirren in Plastic. Die Gereiztheit im hektisch vorwärts stürmenden Carry On. Vergleichbares wird es in diesem Jahr nicht geben. Das ist die Zukunft. Und sie ist schon da.


Fazit: Das musikalische Äquivalent zur Antimaterie.

Stefan Petermann



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