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Interview mit Christoph Wegner (Paul Dimmer Band)

„Wir haben Telefonkonferenzen gehalten.“

Gut Ding will Weile haben, das zumindest beweist die Paul Dimmer Band. Knapp fünf Jahre mussten ins Land gehen, bevor wir ihr zweites Album Wenn alle Stricke reißen in den Händen halten durften.

Du kommst gerade von der Tour mit Norman Blake und den Pearlfishers zurück. Waren das deine ersten Konzerte seit eurer letzten Platte?

Nee, wir haben zwischendurch relativ viele Konzerte gespielt, allerdings nur als Support, unter anderem mit Jens Friebe und Azure Ray. Wir waren nach unserer ersten Platte solo unterwegs, haben dann zwei Jahre gar nicht gespielt und jetzt ist es das erste Mal seitdem, dass wir wieder im Vordergrund stehen.

Eure Konzerte standen unter einem bestimmten Motto: Sit down and sing. Euer Label Tapete hat schon öfter solche Konzerte veranstaltet. Was muss man sich überhaupt darunter vorstellen?

Das ist die purste Form des unplugged Spielens. Meistens treten die Sänger einer Band allein mit Gitarre, Klavier oder in Begleitung einer zweiten Person auf. Alles ist wirklich sehr reduziert. Das Wichtigste ist die Darbietung der Songs, die wirklich bis aufs Letzte runtergefahren wird. Das ist glaube ich die Kernaussage.

Ihr habt schon in Münsters Luna Bar gespielt, was eine sehr kleine, gemütliche Location ist und auch zu der ruhigen Paul Dimmer Band passt. Ist es ungewohnt oder schwieriger für euch, in etwas größeren Clubs wie dem Gleis 22 aufzutreten?

Naja, die Leute wissen ja grob, was sie von einem Sit Down and Sing-Abend erwarten können. Vorgestern war ich bei The National und da spielte Hayden im Vorprogramm einige akustische Stücke. Die Leute waren auf eine Band eingestellt und nicht auf Akustikmusik, was dann schon etwas schwieriger ist. Aber wenn man wie wir mit Azure Ray zusammen auftritt, sind die Leute schon von vorneherein auf ruhigere Musik eingestellt und dann hat man auch keinen so schweren Stand, wenn man eine ruhige Band ist. So richtig schwer hatten wir es nie, ich kann mich nicht beklagen.

Warum habt ihr euch mit der neuen Platte soviel Zeit gelassen?

Wir wohnen in Frankfurt, Berlin und Hamburg und das ist sehr kompliziert. Es geht so lange gut, so lange man sich Songideen und Texte hin- und herschickt. Aber wenn es konkret ans Aufnehmen gehen soll, macht man Wochenenden aus, dann kann wieder der oder der nicht, dann muss man alles wieder zwei Monate verschieben… So schleppte es sich dahin und dann gab es auch noch private Dinge, die das Proben für einige Monate unmöglich machten. Wir hatten die Songs eigentlich schon zwei Jahre nach dem ersten Album fertig, aber das Aufnehmen und Zusammenkommen hat sich sehr lange hingezogen, so dass es für uns schwer zu ertragen war. Aber wir haben es ja noch hinbekommen.

Es gibt ja noch andere Bands, die sich über große Distanzen austauschen. Die Kings of Convenience schicken sich angeblich gegenseitig Mixtapes mit ihren Ideen.

Echt? Das ist ja viel romantischer als per Mail.

Naja, es sind ja auch die Kings of Convenience, wahrscheinlich müssen die ihrem Image gerecht werden. Hattet ihr auch spezielle Methoden, um die Entfernung zu überbrücken?

Wir schicken uns ständig Sachen hin- und her, aber nicht so romantisch wie die Kings of Convenience. Das läuft alles über PC, aber fürs endgültige Arrangieren und Zusammenbasteln ist es wirklich besser, wenn man sich sieht. Wenn man einen ganzen Tag oder ein ganzes Wochenende daran arbeitet, kommt einfach mehr dabei heraus. Wir haben einmal pro Woche Telefonkonferenzen geführt, das war unsere Bandprobe. Da redet man eine halbe Stunde lang Quatsch und eine halbe Stunde dann über die Songs. Es war nicht so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, weil wir alle Fulltime-Jobs haben und uns nicht einfach mal so unter der Woche treffen können.

Markus Wiebusch hat mal gesagt, dass er selbst in fröhlichen Momenten eine melancholische Grundstimmung in sich trägt und das auch fürs Songwriting braucht. Kennst du das oder trennst du diese Stimmungen voneinander?

Da müsste ich länger drüber nachdenken, aber das kann natürlich sein. Ich bin oft sehr fröhlich und lebe gern. Aber ich mag auch diese Hoch und Tiefs, die einen überkommen. Und ehrlich gesagt fällt mir zu den Dingen, die im Schatten liegen, einfach auch mehr ein. Diese Momente, in denen man gemütlich zusammensitzt und isst oder sich über irgendeinen Quatsch totlacht, haben für mich eine geringere Halbwertszeit. Damit schlage ich mich weniger herum. Wobei ich den Zustand der Melancholie aber nicht besonders unangenehm finde.

Welche Grundvoraussetzungen brauchst du, um zu schreiben? Irgendwelche Orte oder Zeitpunkte?

Oft kann man einfach rumdaddeln und es sich schön machen und es fällt einem trotzdem nichts ein. Meistens erwischt es einen in irgendeinem Moment und dann kann man auch nichts anderes machen. In dem Moment würde ich auch alles andere wie zum Beispiel eine Kinoverabredung absagen. Das muss man einfach auskosten. Textlich ist es oft auch so, dass man irgendwas vor sich hin denkt und dann ist da diese eine Zeile, die man weiter verfolgen muss. Meistens ist es dann leider so, dass ich mich nicht einfach so hinsetzen und es aufschreiben kann. Dann gehe ich manchmal wirklich nach Hause und halte es fest. Das ist ein absolutes Hochgefühl, weswegen man wahrscheinlich auch Musik macht. Das ist eine sehr euphorische Angelegenheit, die es natürlich schwer macht, wenn man einige Wochen nichts geschrieben hat. Aber da muss man einfach abwarten.

Und darauf vertrauen, dass es irgendwann wiederkommt.

Ja, es gibt da schon gewisse Anschübe, wenn man viel Musik hört und liest.

Was hörst oder liest du dann?

Viele Songtexte, wie zum Beispiel von Tom Waits, Wilco oder Blur. Ansonsten klaue ich ab und zu kleine Zwischensätze aus Romanen, wo die Situation sehr gut getroffen ist. Die nimmt einen mit und auf einmal hat man seine eigenen Gedanken, die man dann fertig denken kann. Das sind nur Anstöße, die einen auf den halben Weg bringen und dafür sogen, dass man das Ganze emotional weiter verarbeiten kann. Musikalisch passiert sowas, wenn man gerade am Instrument sitzt und eine zündende Idee hat oder eine Idee, die man zündend findet.

Ich finde, deine Stimme fügt sich auf dem neuen Album ein wie ein zusätzliches Instrument. Es gibt nichts rampensaumäßiges in deinem Gesang. Würdest du das unterschreiben?

Das haben wir zumindest probiert. Auf dem neueren Album noch stärker als zuvor. Ich versuche, etwas höher zu singen als ich spreche, was sehr angenehm zu singen ist und das Ganze nicht mehr so gepresst wirken lässt. Live singe ich noch etwas höher und das Publikum reagiert sehr intensiv darauf. Dann muss man schon ein wenig mehr nach vorne gehen, um die Leute anzusprechen.

Ihr singt deutsch und trotzdem finde ich, dass eure Musik sehr international klingt. Fühlt ihr euch überhaupt mit der deutschen Musikszene verbunden oder mit bestimmten Bands?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich finde viele Bands toll, aber ich empfinde das auch nicht unbedingt als Szene. Ich kenne ein paar Leute persönlich aber kann nicht sagen, dass sich das gegenseitig befruchtet. Es gibt ein paar Speerspitzen wie Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic, vielleicht war das früher eher eine Musikszene und heute nicht mehr.

Kommt es oft vor, dass man dich für Paul Dimmer hält?

Ja, schon. In der Schweiz sollte ich mal CDs signieren und habe natürlich mit „Christoph Wegner“ unterschrieben. Und die so (spricht mit schweizer Dialekt): „Sind Sie nicht der Bandleader?“ Dann musste ich die leidige Geschichte erzählen, wie aus einem Witz Ernst wurde und wir die Band nach einer Person benannt haben, die es nicht gibt. Ich spiele mit dem Gedanken, mir den Namen in den Pass eintragen zu lassen. Da es außer mir aber noch andere in der Band gibt, lasse ich es wohl lieber bleiben.

Linda Wilken



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