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Leben nach dem Kapitalismus.

Leben nach dem Kapitalismus.

Parecon will die Wirtschaft gerecht machen.

Kritik an der Marktwirtschaft kommt nicht nur auf, wenn Nokia die Biege macht. Die Versprechen, die das System gemacht hat, haben sich für viele nicht erfüllt. Diesen Menschen bietet Parecon eine Alternative. JUSTmag beantwortet die wichtigsten fünf Fragen.

Was ist Parecon?

Parecon steht für Participatory Economics und ist ein utopisches Wirtschaftssystem, das ohne einen freien Markt funktioniert. Der Name deutet bereits an: Es geht um Wirtschaft zum Mitmachen und ohne Hierarchie. Dahinter steht das Prinzip, dass jeder in jenen wirtschaftlichen Angelegenheiten mitentscheiden soll, die ihn betreffen. Das schließt auch die Produktion von Waren ein, in denen jemand nicht als Konsument oder Produzent auftritt. Denn mit hohen Risiken verbundene Produkte wie Tabak oder Waffen gehen die ganze Gesellschaft etwas an, weil sie die Folgen tragen muss. Um die im Kapitalismus übliche Elitenbildung und Machtkonzentration zu verhindern, gibt es im Parecon keinen Privatbesitz an Produktionsmitteln und grundsätzlich keine Gehaltsunterschiede. Statt Wettbewerb setzt das System auf Kooperation und Gemeinschaft, ähnlich dem OpenSource-Gedanken. Das Gesundheits- und Bildungssystem sind kostenlos.


Wie funktioniert Parecon konkret?

Es gibt Konsumenten- und Produzentenversammlungen auf unterschiedlichen Ebenen, je nachdem, wen die Angelegenheiten betreffen. Es gibt Planperioden und jede Planperiode beginnt mit dem Iteration Facilitation Board (IFB), dort verhandeln die Konsumenten- und Produzenten solange über Produktionsmengen und Produktionspreise, bis jeder zufrieden ist und keine Überschüsse bleiben. Außerdem basiert Parecon auf dem Prinzip des ausgeglichenen Arbeitsfeldes. Das heißt: Eintönige und interessante Arbeit wechseln ab, niemand verrichtet jahrelang dieselbe Arbeit. Damit soll Eliten- und Machtbildung verhindert werden. Wer häufiger in angenehmeren Branchen arbeitet, muss dafür mehr unangenehme Arbeit für die Gemeinschaft leisten. Außerdem wird körperlich anstrengende und unattraktive Arbeit, zum Beispiel in Fabriken, besser bezahlt als leichte und interessante Arbeit, zum Beispiel in Kreativberufen.


Warum können wir denn nicht den Kapitalismus behalten?

Wenn es nach den Fürsprechern von Parecon geht, dann hat der Kapitalismus längst gezeigt, dass er als Wirtschaftssystem ungeeignet ist. Sie glauben, dass er nicht das Interesse der Allgemeinheit fördert, sondern einer Elite, die Macher der großen Aktiengesellschaften, die nicht der Gesellschaft verantwortlich sind, sondern nur ihren Anlegern, und außerdem auch Druck auf die Gesetzgebung des Staates ausüben können. Der Konkurrenzgedanke und die freie Marktwirtschaft verhindern mit geheimen Absprachen, Patenten, Urheberrechten wirklichen Fortschritt und das Wohl der Allgemeinheit. Ein anderer Kritikpunkt: Die so genannten Pigou-Steuern, also zum Beispiel Abgaben auf Zigaretten, Alkohol und Benzin, sollen in der Marktwirtschaft den entstandene Schaden für die Gesellschaft reduzieren, doch die Parecon-Anhänger halten diesen Weg für ungeeignet.


Ist Parecon nicht Kommunismus?

Ein bisschen schon. Ebenso wie der Kommunismus schließt auch Parecon Privatbesitz von Produktionsmitteln aus und strebt eine klassenlose Gesellschaft an. Allerdings möchten die Anhänger von Parecon keinen zentralistischen und autoritären Staat und keine Klasse von Bürokraten. Außerdem sieht Parecon keine zentralisierte Planwirtschaft vor, sondern eine, die auf den Entscheidungen von Individuen basiert. Parecon hat aber auch viel mit Anarchie zu tun, wobei einige Anarchisten die in ihren Augen straffe Ordnung kritisieren, die den libertären Prinzipien widerspreche. Anhänger der freien Markwirtschaft kritisieren hingegen an Parecon, dass durch Planwirtschaft, ungefähr gleiches Gehalt und Verbot des Privatbesitzes an Produktionsmitteln die Anreize fehlen.


Wer hat sich Parecon ausgedacht?

Die Idee haben Michael Albert und Robin Hahnel seit den 1980er Jahren entwickelt und ausgebaut. Michael Albert, Jahrgang 1947, ist ein amerikanischer Politaktivist, Redner und Autor, und einer der Begründer und Herausgeber des linksradikalen Z Magazine. Außerdem ist er einer der Gründer von South End Press, einem Verlag aus Boston, der unter anderem Bücher von Noam Chomsky, Arundhat Roy und Howard Zinn veröffentlicht.
Robin Hahnel, Jahrgang 1946, ist Professor für Ökonomie an der American University in Washington. Er gehört zu den Radikalen unter den Wirtschaftswissenschaftlern und ist zugleich ein politischer Aktivist, der sich selbst als Produkt der New Left aus den 1960er Jahren bezeichnet. Seine Arbeiten sind unter anderem von Karl Marx und John Maynard Keynes beeinflusst, die in unterschiedlichem Maße den Staat in die Pflicht nahmen. Hahnel war Gastprofessor in Kuba, Peru und England.


Weitere Informationen

Sebastian Dalkowski



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