 Home. Heart. Lebkuchenherz.
Zuhause ist nichts für einen alleine.
Es sind die kleinen, intensiven Momente, in denen man sich über manches bewusst wird. Als ich ungefähr einen Monat lang hier war, spielten in einem kleinen Club in der Nähe die Leaves aus Island. Keiner, den ich kannte, wollte mit mir hin, also bin ich alleine gegangen. Es war nicht so sonderlich voll, also stellte ich mich mit etwas Abstand gleich vor die Bühne. Als die Leaves dann so in rotes Scheinwerferlicht getaucht spielten, kam mir plötzlich eine Frage in den Kopf: Wie weit weg von zu Hause muss man sich wohl fühlen, wenn man in Island wohnt und in England in einem winzigen unterirdischen Club steht, um zehn Uhr abends und seine Lieder spielt. Als ich darüber nachdachte, kam mir die Antwort: Vielleicht so weit weg von zu Hause wie jemand, der eigentlich in Deutschland wohnt und in England alleine in einem winzigen unterirdischen Club steht, um zehn Uhr abends und den Leaves zuhört.
Es sind die kleinen Dinge, die ein acht Quadratmeter großes Zimmer mit graurotem Teppich und „Bitte nur an den Pinnwänden persönliche Dinge befestigen“-Warnungen zu einem Zuhause machen können: die liebe Abschiedspostkarte vom Bruder, die man aus lauter Sentimentalität gleich an die Pinnwand heftet, das T-Shirt vom letzten Besuch der Freundin, das immer noch in meinem Bett liegt. Zuhause, so scheint es mir hier manchmal, ist nichts für einen alleine, da braucht es schon mindestens zwei, oder zumindest manchmal jemand zweites, der einen Eindruck hinterlässt.
Es sind die kleinen Gewohnheiten und Dinge, die man zuerst gar nicht bemerkt, die wohl sonst eher merkwürdig wirken würden, wäre man Zuhause zuhause: Zu diesem Zeitpunkt 747 E-Mails in meinem Posteingang und keine möchte ich so recht wieder löschen. Zu schreiben, um zu wissen, was Zuhause los ist, ist auch schon ein bisschen Zuhause. Oder Nachrichtensendungen in mieser Qualität gehackstückelt über das Internet zu verfolgen, obwohl man die zu Hause eigentlich äußerst selten guckt. Nur um zu wissen, was passiert, um nichts zu verpassen, um denen zu Hause sagen zu können: „Mensch, was ist denn bei euch nur wieder los?“. Ein schuhkartongroßes Paket fast bis obenhin voll mit Schokolade am Donnerstag zu bekommen und am nächsten Montag ist schon nichts mehr davon übrig und das Gefühl dazwischen, wenn einem vor schokoummantelten Lebkuchenherzen schon schlecht wird, aber man trotzdem lieber noch einen nimmt.
Aber auch das gehört dazu: Als ich nach zwei Monaten für ein Wochenende nach Hause gefahren bin und dann wieder nach England kam und um Mitternacht mit dem Bus durch die leeren Straßen fuhr, es war die erste Nacht mit Frost, und ich die eisglitzernden Häuser so anguckte und dachte: Die guten, alten, kleinen englischen Häuschen. Da bin ich also wieder. Fürs erste zu Hause.
Pascal Schillings
Kommentare
| hans schrieb am 05.12.2005 um 19:44 Uhr: |
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extremst schön geschrieben. alleine in der fremde ausgehen kann manchmal hart sein. aber mit der zeit wird's schon (hoffentlich).
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| * schrieb am 01.12.2005 um 21:24 Uhr: |
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