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Orange Blossom Special (25.05.2006)

Der Wahnsinn des Grundsoliden.

Festival Orange Blossom Special
Ort Beverungen
Datum 25.05.2006 - 28.05.2006

Manche Menschen können im Regen stehen, ohne nass zu werden. Die Tropfen weichen ihnen aus. Aus Respekt. Am Freitagnachmittag steht Robert Fisher, Kopf von Willard Grant Conspiracy, auf dem Orange Blossom Special mit einer Flasche Cola im Dauerregen. Es ist ihm so egal, wie die Band, die er sich ansieht. Mit gequältem Gesichtsausdruck nimmt er die Ansagen zur Kenntnis, ganz so, als wolle er sagen: „Kinder, lasst doch den Unsinn.“ Als er am Samstag um zwölf Uhr auftritt, ist der Platz vor der Bühne voll. Jemand sagt später: „Vor Sarah Hepburn stehe ich stramm, vor Robert Fisher gehe ich in die Knie.“

Vergangenheit und Zukunft

Jedes Festival behauptet, etwas Besonderes zu haben. Die meisten lügen, weil viele Festivals sich nur in ihrer Größe unterscheiden. Wer das Besondere des Orange Blossom Special in Beverungen begreifen will, muss mit den Schuhen der Zuschauer beginnen. Die Schuhe sind solide, mit ihnen können sie durch den Matsch laufen und den Mount Everest besteigen. Und die Jacke lässt kein Wasser durch und kommt von Jack Wolfskin. Das hier ist das Festival für Familienväter, die früher immer in die Grugahalle gefahren sind, um sich Rockkonzerte anzusehen. Es gibt Frauen, sehr viele sogar, aber die meisten von ihnen sind mit ihren Männern da. Diese Familienväter also können sich Kameras mit gigantischen Objektiven leisten, sie sind auf schlechtes Wetter eingestellt, das zwei Tage anhält. Diese Menschen sind auf nette Weise grundsolide. Sie machen nachts nicht so viel Krach und sie sagen Dinge wie: „Dauerregen dauert seine Zeit, aber dann hört er auch wieder auf.“ Wenn niemand zuhört, stellen sie Ranglisten für die schönsten Frauen des Festivals auf und bemerken, dass die und die Schlagzeugerin keinen BH trägt. Der Sänger von Broken Social Scene nennt sie liebevoll „you fuckin' old people.“

Es gibt auch junge Menschen, aber nicht so viele. Das Festival ist verschrien als Mekka des Alternative-Country. In diesem Jahr trifft das nicht zu, immerhin vier Acts treten am selben Wochenende auch auf dem Immergut auf, aber die 1450 Karten waren lange ausverkauft, bevor die erste Band feststand. Die Bands sind häufig sehr jung, nur kennt sie hier wirklich noch keiner: Goldrush spielen fröhlichen Gitarrenrock, Joycehotel gelten als die dänischen Radiohead, der Sänger von Broken Social Scene verschüttet betrunken Whiskey, Sarah Hepburn öffnet Freitagnacht Herzen. Die Menschen sehen sich die Künstler an und trinken Bier dabei. Sie feiern sie selten ab, sie schreien nicht „Yeah“, wenn sie einen Song erkennen (sie kennen eben auch nicht so viele), aber sie hören ihnen zu. Manchmal klatschen sie frenetisch. Am Samstagabend beispielsweise, der zeigt, wohin das Orange Blossom Special geht. Erst spielen die Walkabouts, seit 1983 eine Band, seit 18 Jahren mit dem Label Glitterhouse verbunden, dem Veranstalter des Festivals. Eine Band, die für die Vergangenheit steht. Um halb elf stehen Washington auf der Bühne, ein junges Quartett aus Norwegen, die Zukunft. 90 Minuten später weiß jeder, welche Platte er jetzt noch unbedingt kaufen muss. Die jungen Menschen sagen „Britpop in erwachsen“. Die älteren Menschen sagen „Klingen wie Midnight Choir“. Alle wollen eine Zugabe.

Am Sonntag hauen Okkervil River alle um. Der Sänger und Gitarrist sieht so aus wie einer, der immer geheult hat, wenn ihm jemand früher sein Mathebuch geklaut hat. Aber er hat das Publikum im Griff, er singt wie der helle Wahnsinn, an dieser Stelle muss der Name Conor Oberst fallen. Der Keyboarder lächelt derweil still in sich hinein. Das ist die Zukunft II.

Wer das Besondere des Festivals begreifen will, muss mit dem ungewöhnlichen Verhalten der Bands fortfahren. Viele Künstler bleiben, sie ziehen nicht sofort weiter. Robert Fisher bleibt drei Tage, die Walkabouts ebenfalls. Nils Koppruch, Sänger von Fink, läuft den ganzen Freitag strahlend durchs Publikum und irgendjemand von Broken Social Scene ist auch immer da. Wer das Besondere des Festivals begreifen will, muss einsehen, dass alles auch ohne Abzocke und Generve funktioniert. Die Brötchen macht eine Bäckerei aus Beverungen, der Preis ist normal, genau wie bei Döner und Bier. Kein Promotioneam verschenkt Tabak, keine Security stört die Sicht auf die Bühne. Der WDR ist da, aber er darf nur mit Handkameras filmen.

Helga hat nur einen Kurzauftritt

Natürlich muss der junge Journalist ein bisschen meckern. Einige Bands machen nicht das, was er unter Musik versteht, also sieht er sich die gar nicht an. Downpilot sieht er und fragt sich, warum Songs so klingen müssen, wie Baumwollhemden aussehen. Das geht in der Stereoanlage, aber nicht auf einem Festival. Natürlich gibt es auch Chaoten auf dem Campingplatz, die Pavillons aus weißem Plastik aufgebaut haben und einen Generator besitzen, den sie nur für wenige Stunden abschalten. Spät in der Nacht singen sie Countrysongs. Natürlich ruft auch jemand nach Helga. Aber nur zweimal.

Sebastian Dalkowski





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Kommentare



sonja schrieb am 19.06.2006 um 17:17 Uhr:

Ich sag nur eins: Großartig!
Ich war in diesem Jahr das erste Mal im Grünen Weg im Glitterhouse-Garten und hab mich sofort pudelwohl gefühlt.
Es war nass, es war kalt, aber so viele nette, warmherzige Menschen und so viel schöne Musik, von der man selbst das im persönlichen Vergleich schlechteste noch ganz angenehm hören kann, hebeln selbst die naturbedingten Strapazen aus.
Also im nächsten Jahr noch mehr warme Decken und trockene Sachen einpacken und ab nach Beverungen.
(Auch ruhig ein paar „junge Leute“… denn von „uns“ (ich oute mich hier mal) gibts da -noch- nicht so viele. -Oder ist das vlt der Grund für die schöne Atmosphäre?)

eMail: zicke_01@web.de

bjoern schrieb am 29.05.2006 um 22:47 Uhr:

Das scheint ein wirklich schoenes Festival zu sein, Tolle Photos im Uebrigen. Tolles Lineup hatte das Festival dieses Jahr. Ich war wieder auf dem Immergut, aber das scheint ja eine sehr nette Alternative zu sein.



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