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Orange Blossom Special (25.05.2007)

Für das beste Organ der Welt.

Festival Orange Blossom Special
Ort Beverungen
Datum 25.05.2007 - 27.05.2007

Ich möchte dir von einem Ort erzählen, an dem die Menschen gut sind und das Bier billig und die Musik vom besten Organ kommt, das es gibt. Dieser Ort heißt Orange Blossom Special und liegt einmal im Jahr in Beverungen, Weserbergland.

Ich möchte dir von einem Ort erzählen, an dem die Vergangenheit Konzerte gibt und die Zukunft und dazwischen die Gegenwart. Alle dürfen mindestens eine Stunde spielen und auf dem Festival-Plakat sind die Headliner am größten abgedruckt, stehen dafür aber unten.
Die Vergangenheit: wird weniger. Früher war das OBS ein Festival für Alternative-Country und Ü40-Musik, in den vergangenen Jahren jedoch sind die Bands jünger geworden, in diesem Jahr noch mehr. Country-Knödel wie Michael J. Sheehy sind die Ausnahme, genau wie Cracker, die vor 120 Jahren im Vorprogramm von den Ramones und Grateful Dead gespielt haben. Oder Al DeLoner, ehemals Gitarrist bei Midnight Choir, der davon überzeugt ist, dass Gitarrensoli auch den Zuschauern Spaß machen. Dafür spielt ein knapp 40-jähriger David Eugene Edwards als Woven Hand zum Abschluss des Festivals 90 Minuten mörderisch lauten großartigen Wüsten-Rock und macht — wie immer — geschätzte zwei Ansagen und einen halben Witz.

Die Gegenwart: macht meist Spaß. Olli Schulz macht 40 Minuten Musik und erzählt 40 Minuten Geschichten zum Totlachen. Über schwedische Metal-Gitarristen, die beim Soundcheck Plektrons in die Halle werfen, weil sie so betrunken sind, dass sie sich auf dem Konzert wähnen. Über Klaus-Lage-Konzerte, die er in Begleitung seiner Eltern besuchen muss und Hannes Wader, auf dessen Konzert er keinen Song spielen darf, um seine Freundin zurückzugewinnen. Lampshade treten mit zwei eiskalten Engeln an, der eine blond, der andere schwarzhaarig, und die beiden haben sich jede Geste genau überlegt und spielen Vamp und die eine wechselt alle zwei Sekunden ihren Gesichtsausdruck. Das verleiht dem Konzert eine Überheblichkeit, die nichts mit der zunächst getragenen und dann treibenden Musik zu tun hat. Missouri spielen abgründigen Soul, der aber bei einem tanzfreudigeren Publikum besser aufgehoben ist.

Die Zukunft: geht ab. Boy Omega klingt so schön hingebungsvoll wie Kristofer Åström und guckt so traurig, als wolle er adoptiert werden. Dafür trägt der Keyboarder eine Frisur wie zwei Wochen kein fließendes Wasser. Ben Weaver ist der uneheliche Sohn von Bud Spencer und Tom Waits. Er kann das Keyboard und die Gitarre und die Stimme so bedienen, dass alle die Augen schließen oder weit aufreißen. Andrew Bird stellt mit Geige, Geigenloops und Gepfeife Dinge an, die für das kleine Festival fast zu groß sind. In den USA bereits eine Riesennummer, bald hoffentlich auch hier. Und dann Get Well Soon. Eine deutsche Band, die schon jetzt mit Radiohead-Vergleichen Schloss Neuschwanstein tapezieren könnte. Aber wenn Radiohead nach OK Computer links abgebogen sind, sind Get Well Soon rechts ab. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Keyboard, Trompeten, Geige. Es ist die aufregendste deutsche Band der vergangenen Jahre und sie spielt in diesem Jahr auf dem Glastonbury Festival. Erst nach dem Konzert setzt der Regen ein. Es ist Mitternacht.

Ich möchte dir von einem Ort erzählen, an dem die Besucher für gewöhnlich schon Familien gegründet haben. Ein Ort, an dem es die schönsten ungeschminkten Frauen gibt und die am schlechtesten angezogenen Männer — bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sportsandalen, Jeans-Bermudas und beige Westen wieder angesagt sind. Menschen verwenden hier Kameras, die sie mit zwei Handgriffen zu einem Raketenwerfer umbauen können. Andere Menschen tragen Messer bei sich in Halftern und erzählen, wie sie früher einige Dinge eingeworfen haben, aber das einzige, was immer geht, sagen sie, sind Kiffen und Alkohol. Sie sagen auch, dass Istanbul… also „soll ja super sein, da geht jetzt einiges.“ Doch mit der jungen Musik kommen auch die jungen Leute. Die Trainingsjacken-Typen, die Songs-Kenner, die Hände-in-die-Hosentaschen-Stecker. Es sind aber gerade so viele, dass sie mit ihrer Coolness nicht durchkommen. Du könntest hier zwanzig Mal pro Tag deine Geldkarte verlieren und immer würde sie jemand ins Fundbüro bringen.
Sie alle wollen die Welt nicht verändern, aber sich für drei Tage vorstellen, dass die Welt sowieso schon ganz gut ist.

Sebastian Dalkowski





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Kommentare



Philipp schrieb am 10.06.2007 um 18:23 Uhr:

@Reinhard: Nur gute Menschen waren anscheinend doch nicht da, wie deine musikalische Intoleranz beweist.
Schöner Artikel, schönes Festival. Und die Männer sind wirklich hässlich angezogen.

eMail: canedimare@gmx.de

Mone schrieb am 31.05.2007 um 13:57 Uhr:

Frager: Nein, ich unterstelle gar nichts — ich greife nur (indirekte) Unterstellungen des Artikels auf, die mir nicht sonderlich behagen. Ich glaube nämlich nicht, dass die Menschen beim OBS besser sind als woanders (ich glaube auch nicht, dass sie sich das einbilden). Ich wollte (ein wenig ironisch eingefärbt) lediglich sagen, dass es die Unerfreulichkeiten, die zumindest auf großen Frstivals manchmal vorkommen, beim OBS wohl deswegen nicht gibt, weil ein so kleines, überschaubares Festival wenig Raum für unerfreuliche Aktionen bietet. Und Geldkarten werden hier auch weniger beim Fundbüro abgegeben als direkt bei der Veranstaltertruppe — einfach deshalb, weil man nicht erst drei Kilometer latschen muss, um irgendeinen Ansprechpartner zu finden.
Kurz und gut: Ich mag es nicht besonders, wenn Profanes zu etwas Besonderem aufgeblasen wird. Wäre das OBS zehnmal so groß, wäre es bestimmt nicht mehr so, wie es, Gott sei Dank, ist. Trotz der großartigen Bands.


Mone schrieb am 31.05.2007 um 01:01 Uhr:

Nun, vielleicht könnte man das mit dem „schön“ oder „gut bzw. schlecht angezogen“ oder das mit der Vorstellung einer guten Welt oder ähnlichen Quatsch auch einfach so sagen, wie´s ist: Dass nämlich Menschen zum OBS gehen, die vor allen Dingen an guter Musik interessiert sind. Und dass die schöne Atmosphäre ganz schlicht der Tatsache zu verdanken ist, dass Randalebrüder, Erlebniscamper, Schnapstrinker, Diebe und Messerstecher dieses Festival füt ihre Zwecke einfach zu klein, zu familiär und zu überschaubar finden.
So profan kann die Welt sein.

eMail: hartschnase@gmx.de
Antwort von Frager am 31.05.2007 um 09:17 Uhr:

Wobei Mone: Unterstellt dein Kommentar, dass bei anderen Festivals „Randalebrüder, Erlebniscamper, Schnapstrinker, Diebe und Messerstecher“ unterwegs sind. Falls ja, wäre dieses Aussage tatsächlich profan.


Reinhard schrieb am 30.05.2007 um 13:52 Uhr:

Es ist gut, das es nicht nur eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft gibt. Und es ist unschätzbar wertvoll, dass diese Verschiedenheiten an diesem Wochenende, an diesem Ort, so gut miteinander klar gekommen sind. Es wäre gut, wenn nicht alles im Comedy-Stil beurteilt wird, das wird schnell langweilig und beliebig. Wer allerdings Woven Hand als Vergangenheit abtut, hat entweder nicht zugehört oder sich noch nie richtig mit Musik beschäftigt oder… Vielleicht fehlt Dir auch das Organ, um die Spannung und Intensität dieses Konzertes zu erfassen und auszuhalten. Oder Deine Coolness ist so groß, dass Du schon gefroren bist. Dieses Konzert war nicht von dieser Welt und wird schwerlich zu toppen sein.

Antwort von Sebastian am 30.05.2007 um 14:01 Uhr:

Ähm… ich fand das Woven Hand-Konzert auch großartig oder habe ich das Gegenteil behauptet? „Vergangenheit“ bezog sich mehr auf die Tatsache, dass die Bands schon lange dabei sind.


Thorsten schrieb am 30.05.2007 um 12:54 Uhr:

Das nenne ich auf den Punkt gebracht.

:-))



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