Einsam vorm Gemüsestand.
Der Schlagerstar im Supermarkt.
Bisher dachte man immer, Auftritte in der CD-Abteilung eines Kaufhauses seien der absolute Tiefpunkt im Leben eines Künstlers. Ausgestiegene Mitglieder einer Boygroup, die Solo noch was reißen wollen, Casting-Stars von Vorgestern, altgewordene Möchtegern-Rocker. Hier allerdings besteht noch eine kleine Chance, dass man auf Menschen trifft, die sich vielleicht ansatzweise für Musik interessieren könnten.
Es ist ein heißer und ruhiger Mittwochnachmittag. Träge schieben sich die Kunden durch die Gänge des MiniMal- Supermarktes. Sie sind müde, das Abendessen muss bald auf dem Tisch stehen. Und was soll diese seltsame Dauerbeschallung, die sich einem aufdringlich ins Ohr bohrt? Diese Schlagermusik, die nicht hierher passte, in diesen Moment, an diesen Ort? Hatte da etwa ein übereifriger Azubi ein „Gute-Laune-Tape“ für den ausklingenden Sommer zusammengestellt?
Dabei hatten es die großen Plakate am Eingang doch angekündigt: Olaf Henning, Schlagerstar und gelernter Versicherungskaufmann, sollte heute kommen und seine neue CD Total verboten der MiniMal-Markt-Kundschaft präsentieren. Der Filialleiter stellt sich vor den Gemüsestand und kündigt den Auftritt an. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal endlich haben sich sieben Kundinnen vor der improvisierten Bühne eingefunden. Nicht viel, aber es hilft ja alles nichts. Der Leiter bittet um „einen ganz großen Applaus für Olaf Henning, falls man den verlangen kann.“
Nichts klingt so traurig wie ein gut gemeinter Applaus von sieben Kunden und zwei MiniMal-Mitarbeitern. Das Klatschen bricht sich an der Frischetheke und erreicht noch nicht mal das Feinkostregal in der hintersten Ecke des Marktes. Und Olaf Henning kommt. Mitte Dreißig, orangefarbenes Shirt, braun gebrannt. Er ist sich der Tragik des Augenblicks bewusst. „Ich dachte, ich spiel heut in der Fußgängerzone, aber so inner Gemüseabteilung ist ja auch nicht schlecht.“ Didi, ein Tontechniker mit langen Haaren und hagerer Figur, legt Olaf Hennings neues Album ein. Cowboy und Indianer, heißt der erste Song. „Das ist DER Sommerhit! Überall, wo man auf Mallorca hinkommt, wird man mit dem Lassotanz begrüßt.“ Die Kundinnen kennen den Lassotanz nicht und stehen da mit ihren vollen Tüten und roten Gesichtern. Vermutlich waren sie dieses Jahr noch nicht auf Mallorca.
Geht man auf Olaf Hennings Homepage, kann man andere Bilder sehen. Bilder von seinem Auftritt auf Schalke, zusammen mit den Randfichten. Bilder mit hübschen Frauen im Arm, auf seiner Harley Davidson und mit Sonnenbrille. Auf ähnliche Motive wartet der Fotograf, der ein wenig verloren neben den Kundinnen steht, aber noch ist es nicht soweit. Noch hat Henning die Herzen der Hausfrauen nicht gewonnen. Vielleicht denken sie auch einfach nur darüber nach, ob sie nicht doch lieber das vierlagige Toilettenpapier gekauft hätten, oder die Halbfett- Margharine, wegen Vatis Cholesterinwerten. Das muss sich ändern. Henning beginnt sein zweites Lied, das Titelstück Total verboten. Und es passiert die Panne, die Milli Vanilli das Genick gebrochen hat: Die CD springt.
Mit einer Mischung aus Panik und aufgesetzter Lässigkeit wird die Situation entschärft: „Mach aus, Didi, mach aus!“ Ein Riesenapplaus für Didi noch, eine Entschuldigung, dann geht Henning souverän zum dritten Lied über. „Das nächste Lied mag ich, weil es anders ist.“ Die ersten Takte dröhnen aus den Boxen, die Kunden schweigen und warten darauf, dass es anders wird. Irgendeine griechische Schönheit wird besungen, es klingt nach Ballermann, nach Sangria aus Eimern, nach schlechten Anmachen von Animateuren, nach Schweiß und Sonnenmilch. Es versetzt keinen in Urlaubsstimmung. Es erinnert nur umso stärker daran, dass man nicht im Urlaub ist. „Heißt jemand von euch Helena?“ fragt er in die Runde. Zufällig nicht. Er schnappt sich eine vorbeikommende MiniMal-Mitarbeiterin. Sie ist jung, hübsch und sieht ein wenig südländisch aus. „Ist mir egal, wie du heißt, du bist jetzt Helena“, sagt er und legt ihr seinen Arm um die Hüfte. Sie ist tapfer. Er auch. Schließlich hat der Fotograf noch kein Bild mit Frauen gemacht und das ist jetzt schon das letzte Lied. Nach dem zweiten Refrain lässt er das Mädchen los. „Du bist entlassen.“
Damit auch wirklich jede Käuferschicht zu ihrem Recht kommt, zeigt er auf zwei etwas kräftigere Frauen im mittleren Alter: „Hol die mal her!“ Und einer seiner Begleiter geht und holt die Frauen zu Henning. Fürs Foto. „Ein bisschen Bewegung, bitte.“ Und die Kundinnen versuchen tatsächlich etwas, dass man mit viel Wohlwollen als Bauchtanz bezeichnen könnte. Gut. Geschafft. Nun noch schnell ein paar Autogramme schreiben und es geht weiter.
Henning hastet nach draußen, wo ein Mann auf ihn wartet. Der Mann hält ein Handy an sein Ohr und schaut ganz böse. „Was ist? Ich bin fertig!“ Der Terminplan ist eng, gleich geht es zum MiniMal-Markt in die Kreuzstraße, morgen wieder nach Mallorca. Aber das macht Olaf Henning schon. Ganz locker.
Linda Wilken
Kommentare
| Denniso schrieb am 06.08.2007 um 09:55 Uhr: |
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Erinnert mich an die letztendlich tödliche Teppich-Häuser-Geschichte von vor vielen Jahren mit Herrn Rex Gildo. Ich war vor kurzem auf einer Dorf-Hochzeit und da haben sie den Lasso-Tanz gemacht, ich hätte also mitmachen können, unglaublich.
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| Sebastian Sachse schrieb am 08.10.2005 um 09:45 Uhr: |
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Traurig…
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