 Der eigentliche Kater.
Spinner am anderen Ende.
Sie
Noch nie hatte ein „Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Ich muss Dich unbedingt wieder sehen.“ so genervt.
Zwei Menschen an entgegengesetzten Enden der Gefühlsskala; der eine am abweisenden Ende und der andere an dem Ende, an dem Menschen eben solche SMS schreiben. Sie würde die vergangene Nacht am liebsten vergessen, er würde am liebsten eine weitere dranhängen. Er hatte Angst, dass sie nicht antwortete; sie hatte Angst, dass er jetzt jeden Tag schreiben könnte. Da war es schon zu spät. Sie wusste, dass er jetzt jeden Tag schreiben würde.
Sie hätte es eher wissen können. Schon als er gestern auf der Party über eine Stunde lang ihre Versuche ignoriert hatte, auf die Toilette zu flüchten. Die Geschichten, mit denen er sie festhielt, erzählten vom vergangenen Formel-Eins-Rennen und von den Fotos, die er schoss. Für sie klang es wie „Du machst hier den größten Fehler der kommenden Wochen.“ Sie sagte trotzdem ja und ging mit ihm in ein Nebenzimmer; Ihr Alleinsein war stärker als die Langeweile.
Und jetzt schrieb er ihr eben jeden Tag. Jeden Tag ein Superlativ mehr in der SMS: „wunderbarste…süßeste…unvergleichlichste…“. Jeden Tag ein neuer Konjunktiv mehr in ihrem Kopf: „Hätte ich doch nicht.“, „Könnte ich doch…“ Jedes Mal, wenn das Handy piepte, klang es wie das Fiepen aus seiner Nase, sie sah die rissigen und grauen Fingernägel, die die Tasten seines Handys berührt haben mussten, als er die SMS getippt hatte. Sie schüttelte sich.
Es waren nicht nur die Fingernägel und die Lippen. Es war nicht mal nur der Mann. Sie schüttelte sich vor allem ihretwegen. Sie war ja gar nicht der Typ dafür und sie kannte ihn auch gar nicht. Sie wollte doch nur auch mal wieder…und nur deshalb eine Stunde lang schwach gewesen.
Je mehr sie sich schüttelte, desto mehr schrieb er: „…das Wundervollste, das mir je begegnet ist…noch mal treffen…kann es doch nicht gewesen sein — zusammengehören…FÜR IMMER“. Sie traute sich kaum, das Handy morgens an zu machen, weil sie das Fiepen seiner SMS fürchtete. Manchmal waren es zwei, weil sie das Handy abends schon um acht Uhr ausgeschaltet hatte, um seiner Gute-Nacht-SMS zu entgehen; die ereilte sie nun, unvermeidlich.
Ihr Schuldbewusstsein nährte sich davon, dass sie ja gesagt hatte. Sein Ehrgeiz nährte sich davon, dass sie nicht antwortete. Seine Enttäuschung nährte sich davon, dass sie zuerst ja gesagt hatte und nun gar nichts mehr. Ihre Angst wuchs mit seiner Enttäuschung: „Wieso antwortest Du nicht?…Warum machst Du das?…Denk nur nicht, dass Du das mit mir machen kannst“.
Dann zuckte sie wieder zusammen, als sie daran dachte, dass er ja auch anrufen könnte. Ihre Nummer hatte er ja. Von da an war das Handy ihr Feind: Jedes Klingeln schien ihr wie das Aufheulen einer Sirene. Ängstlich schaute sie auf die Nummer, wenn die Sirene ertönte; bei jeder SMS auf den Absender. Sie spürte das Schütteln noch bevor das Handy fiepte. Sie schaute unruhig auf das Handy, wenn es länger als eine Stunde nicht aufgeheult oder gefiept hatte. Das war das Schlimmste.
„Na endlich“, dachte sie, als er doch anrief. Sie hörte nicht, was er sagte: „Komm doch zurück…vermissen…brauchen…wollen“; sie sah nur diese spröden, harten Lippen vor sich, die sie noch vor ein paar Tagen geküsst hatte und mit denen er nun am Telefon hing. Das Kratzen, das sie vor ein paar Tagen ignoriert hatte, ließ sie nun nervös mit der Zunge über ihre Lippen fahren. Der Mundgeruch, den der Alkohol vor ein paar Tagen gnädig übertünscht hatte, holte sie nun ein.
Er war der eigentliche Kater; nicht die Kopfschmerzen am nächsten Morgen, sondern die SMS, die Anrufe; und vor allem der Gedanke, dass es ihre eigene Schuld war. Was an dem Abend der Party eine Stunde gegen die Einsamkeit war, waren nun Wochen, in denen sie zitterte.
Zum Beispiel zitterte sie, als sie den Briefkasten aufmachte und wusste, von wem der hellblaue Umschlag war, noch bevor sie den Absender gelesen hatte: „Du kannst doch nicht so einfach wieder gehen… Schicksalsfrau…unendlich lieben“. Noch mehr zitterte sie, als der erste hellblaue Umschlag ohne Briefmarke kam: Er war da gewesen. Er hatte ihre Haustüre berührt, war die Stufen hinaufgegangen, die sie auch immer hinauf ging. Sie fragte schon gar nicht mehr, woher er ihre Adresse wusste. Sie wusste, er würde jetzt überall eindringen. Vor allem in ihre Gedanken. Es war schwierig, nicht an ihn zu denken, wenn er SMS schrieb, anrief und dann noch Briefe schickte. Immer fand sie irgendwo ein Schnippsel von ihm und immer erinnerte er sie überall an ihn.
Das Bedrohliche ist das Ungebetene daran — und das Unkontrollierbare. Es ist das Wissen, dass er jeder Zeit da sein kann — und dann auch da ist. Es ist die Unfähigkeit, jemanden zu lieben, obwohl man jemanden lieben möchte.
Manchmal zerriss sie seine Briefe, ohne sie zu lesen, löschte sie die SMS, ohne sie zu öffnen. Manchmal las sie die Briefe und die SMS, dann dieses Gefühl, auf die heiße Herdplatte zu fassen, obwohl sie wusste, dass es wehtun würde. Manchmal nahm sie nicht ab, wenn er anrief, dann wieder schrie sie ihn an, er solle sie in Ruhe lassen; sie versuchte ihm zu erklären, dass sie nicht wollte. Er glaubte wohl wirklich, sie würde ja sagen, wenn er nur hartnäckig genug wäre. Ehrlich gesagt war sie kurz davor, einfach um Ruhe zu haben.
Er Ja, das glaubte er wirklich. Vor allem wünschte er sich nichts mehr als das. So dicht dran war er noch nie gewesen. Wer sich noch vor ein paar Tagen nicht vorstellen konnte, mit ihr zu reden, für den ist die Steigerung zur Umarmung und zum Kuss schier unerträglich. Jemand, der 1000 Euro gewinnen will und dann eine Million bekommen kann: Lässt der dann die restlichen 999000 einfach liegen? Nein. Und er ließ sie nicht einfach ziehen. Es tat ihm nicht leid, es an dem Abend so überstürzt zu haben. Wer jahrelang keine Süßigkeiten gegessen hat, hört der nach zwei Stücken Schokolade auf, wenn er wieder Süßigkeiten hat? Nein. Und er hörte eben nicht auf, sie zu küssen. Er hörte eben nicht auf, ihre Stimme am Telefon hören zu wollen.
Jemand, der einmal den Menschen geküsst hat, der alles für einen zu sein schien, wird es immer wieder tun. Der Kuss macht schon beim ersten Mal hoffnungslos abhängig. Und er wusste das und sträubte sich nicht dagegen, so wie man sich auch gegen Nikotinabhängigkeit nicht sträubt. Nur sie wollte es nicht einsehen. In seiner Abhängigkeit versuchte er, sie zu überzeugen.
Die Entfernung von einem Ende der Gefühlsskala zum anderen Ende war zu groß. Am Ende war er aber nicht der Freak. Er hatte sich nur nicht gewehrt.
Kerstin Petermann
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