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Was von der Nacht übrig blieb.

Was von der Nacht übrig blieb.

Ein Streifzug durch die frühen Sonntagmorgenstunden.

Es ist vier Uhr morgens auf Wiens Partymeile Nr 1. Offiziell müssen alle Lokale ohne Sondergenehmigung jetzt schließen. Tatsächlich machen nur jene zu, wo sich ein Regelverstoß nicht lohnt. „Wenn genug Leute bleiben, bringt das mehr als wir Strafe zahlen“, meint einer der Barkeeper pragmatisch. Im Club nebenan wird noch getanzt.

Auf den Straßen ist es kalt. Die wenigen, die noch Restenergie haben, trifft man überall dort, wo es etwas zu essen gibt. Die Imbissbudenbesitzer bekommen von der Partystimmung der Samstagnacht nicht viel mit: die gleichen Gäste, die gleichen Bestellungen, wenn auch nicht immer so respektvoll artikuliert wie zu Zeiten, wo die Menschen weniger Alkohol im Blut haben. Manchmal nimmt einer sein Kebab und vergisst zu zahlen. Einige kommen nur, um Geld zu wechseln. Vor der McDonalds-Filiale hat jemand auf den Boden gekotzt. Die Verkäufer halten durch bis zum Dienstschluss am Morgen.

Die, die jetzt schon heimfahren können, sammeln sich an den Nachtbushaltestellen. Sie haben einen Lieblingssatz: „Oh nein, da kommt schon wieder einer in die andere Richtung“. Manche nützen die Zeit, um die Ereignisse des Abends zu besprechen. „Er hat gesagt, er braucht seine Freiheit“, erzählt ein Mädchen mindestens dreimal. Die Freundinnen nicken mitfühlend. „Ich war so besoffen gestern“ gesteht eine Frau ihrem Begleiter. Es bleibt unklar, ob sie die vorige Nacht meint oder die Stunden vor Mitternacht.

Auf einer schwach beleuchteten Brücke stehen ein paar verschlafene Menschen und schauen hinunter auf den bekanntesten Club der Stadt. Da, wo im Sommer Pärchen am Wasser sitzen, liegen jetzt nur ein paar leergetrunkene Bierdosen. „Und, wie war der Abend?“, fragt einer den Fremden neben sich. Bei Tag wäre das hier sehr ungewöhnlich. Um diese Zeit ist es ganz normal. Bis jetzt unterwegs zu sein verbindet. Nach ein paar Worten geht jeder wieder seiner Wege. Es ist zu kalt für lange Gespräche.

Als gegen sechs Uhr endlich die ersten U-Bahnen und Busse fahren, sind die Strassen wie leergefegt. In den Bahnen um die Ringstraße kann man die Schlafenden von den Wachen kaum unterscheiden. Zwei Security-Männer in schwarz steigen ein. Sie befinden sich in der Übergangsphase von unnahbaren Muskelpaketen mit finsterem Blick zu normalen Menschen. Man kennt sich flüchtig. „War's bei dir auch so nervig heute?“ „Ja, total.“
In den U-Bahnhaltestellen wanken die Menschen beim Gehen, oder lehnen mit geschlossenen Augen an den Wänden. Einer hat sich einen Barhocker mitgenommen und wartet im Sitzen auf seinen Zug.

Um halb sieben ist die Sonne aufgegangen. In den Cafes und Restaurants, die rund um die Uhr geöffnet haben, machen die Ausdauerndsten ihre letzte Station. Die Gäste im Café Drechsler sehen aus wie immer. Das einzige, was auffällt, ist, dass alle gähnen und dass man öfter „Oida“ und „Scheiße“ hört als sonst. Mit der zunehmenden Müdigkeit sinkt das sprachliche Niveau. Ein Junge liegt mit dem Kopf auf der Tischplatte und schläft. „Soll ich dir eine reinhauen oder wird das noch was?“ fragt das schwarzgekleidete Mädchen an seiner Seite, deren vor Stunden wohl partytaugliches Make Up es nicht mehr schafft, ihr Gesicht zusammenzuhalten. „Ich will jetzt Chicken Wings essen gehen!“ Der Junge ignoriert sie. „Man möchte mich ja fast mit nach hause nehmen, wenn ich nicht so blöd wäre“, meint der Mann am Nebentisch. Seine Begleiterin zieht gelangweilt an ihrer Zigarette. Sind die Gespräche tagsüber auch so zäh?

Die wenigsten der hier übriggebliebenen scheinen das Ausgehen noch zu genießen. Sie sitzen hier, weil sie sich nicht voneinander trennen können, weil sie nicht wollen, dass die Nacht jetzt zu Ende ist, oder weil sie einfach zu müde sind, um aufzustehen.
Für das Personal ist das eine ganz normale Arbeitszeit. Keiner ist unfreundlich, keiner müde. Sperrstunde gibt es nicht, nur Schichtwechsel: „Alles, was ihr ab jetzt bestellt, kommt auf eine neue Rechnung. Das macht dann der Kollege.“ Doch die meisten wollen ohnehin schon gehen. „Vamos“, murmelt einer. „Wamosalablaia!“, gröhlen seine Freunde. Der Kellner lächelt. Er kassiert geduldig Frühstück, Thunfischsalat, Hühnerschnitzel, Cola Light, Red Bull und Kaffee. Die Runde erhebt sich torkelnd. Einer zieht aus Versehen die Jacke seiner Freundin an. Ein anderer sucht verzweifelt sein Handy. Später stellt sich heraus, dass er es in der U-Bahn liegen gelassen hat und erst ab neun Uhr bei der Stationsaufsicht holen kann. Er sammelt seine letzten Kräfte und deutet einen müden Wutausbruch an. Seine Freunde zeigen kein Mitleid. „Heast Oida, es is sieben in der Früh, was brauchst du da dein Handy, Oida?“

Ein Teenager in Markenklamotten mit Ringen unter den Augen versucht, seine Party-Eroberung zu einem Date nächste Woche zu überreden. Bis sie aus dem Halbschlaf erwacht und ihm zuhört, vergeht viel Zeit. „Wir könnten ins Kino gehen, oder so“, meint er dann. Sie seufzt. „Ich hasse Kino. Immer nur sitzen und geradeaus schauen ist doch langweilig.“ Was der Unterschied zu Fernsehen sei, will der junge Mann wissen. „Da kann ich zwischendurch telefonieren oder den Computer aufdrehen“, sagt sie. Darauf fällt ihm keine Antwort ein. Beide schweigen wieder. Die Frage zwischen ihnen heißt längst nicht mehr „zu mir oder zu dir“, dafür ist es viele Drinks zu spät. Stattdessen überlegen sie zum fünften Mal, ob sie für den Heimweg ein Taxi rufen sollen oder nicht.

Entscheidungen fallen um diese Zeit besonders schwer. Die Clique beim Fenster diskutiert noch immer, wer mit wem Chicken Wings essen geht. Der Markenklamotten-Junge bringt es auf den Punkt: „Die ganze Nacht durchfeiern und dann noch frühstücken gehen, das ist ein hartes Leben. Es gibt Leute, die haben ernste Probleme. Unsere dagegen: Fahren wir mit dem Taxi heim oder gehen wir zu Fuß?“

Irgendwann verstummt auch hier die Musik. Eine Frau putzt den Boden zwischen den Tischen. Fahle Sonnenstrahlen fallen auf den Wagen mit den Reinigungsmitteln vor dem DJ-Pult. Dann geht die Tür auf. Mit schwungvollen Schritten kommt ein junger Spanier herein. Er sieht ausgeschlafen aus. Es ist acht Uhr. Er ist der erste Gast, der heute von zuhause zum Frühstücken herkommt.

Katharina Litschauer


Kommentare



Special K schrieb am 06.05.2008 um 23:18 Uhr:

Wow, finde ich auch toll! Schöne Bilder, das ganze.


Flo schrieb am 06.04.2008 um 16:01 Uhr:

Schön. Stimmungsvoll. Echt gut!


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