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Jörn Morisse, Rasmus Engler - Wovon lebst du eigentlich?

Art Is Hard.

Autor Jörn Morisse, Rasmus Engler
Titel Wovon lebst du eigentlich?
Verlag Piper Verlag
Seiten 256
Bewertung 7 von 9 Punkten

„Das Buch über das digitale Lumpenproletariat wird sicherlich bald geschrieben werden“ unkte Kolja Mensing im Feuilleton des Deutschlandradios über die digitale Bohème. Und er sollte Recht behalten. Logisch, denn Literatur zu dem Thema boomt zurzeit wie noch nie. Hard Times are in Fashion. Fast ein Jahr nach Wir nennen es Arbeit und etliche Prekariatsdiskussionen später, widmen die beiden Herausgeber Jörn Morisse (Zentrale Intelligenz Agentur) und Rasmus Engler (Musiker, freier Autor) ein Buch genau dieser Thematik und berichten vom Überleben in prekären Zeiten aus der Sicht freiberuflicher Kulturschaffender. Das schöne daran: Morisse und Engler lassen die Betroffenen endlich einmal selbst zu Wort kommen. In zwanzig Interviews erzählen Musiker, bildende Künstler, Schauspieler, freie Autoren, Filme- oder Modemacher aus ihrem Leben zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung.

Laut Statistik war das Bild des 'Künstlers' noch nie zuvor so attraktiv wie heute. „Die Anzahl der Beschäftigten im deutschen Kunst- und Kulturbereich ist in den letzten 15 Jahren um 30 Prozent gestiegen […] 2006 waren über 154 000 Deutsche in der KSK gemeldet, mehr als dreimal so viele wie noch Anfang der Neunzigerjahre“ heißt es im Vorwort der Interviewsammlung. Doch: „Die Lebenswirklichkeit hinter diesen Zahlen bleibt oft ausgeblendet. Dabei besteht darin die eigentliche lebenstaktische Kunst hinter der Kunst: die eigenen Produktions- und Existenzbedingungen wirtschaftlich so auszublenden und über Brotjobs und Nebeneinkünfte querzusubventionieren, dass daraus eine selbsttragende und nachhaltige Angelegenheit wird.“ Und so erfährt der interessierte Leser, dass Almut Klotz (Ex-Lassie Singers) nebenberuflich als Privatsekretärin bei einem Dirigenten arbeitet, der Schlagzeuger der Musikgruppe Sport seit acht Jahren nicht mehr krankenversichert ist und die Journalistin Nic Koskowski es okay findet, sich mal zwei Wochen lang nur von Nudeln mit Sojasauce zu ernähren.

Der Erkenntnisgewinn, der fast durchweg interessant geführten Gespräche ist erschreckend und beruhigend zugleich. Zum einen räumen die Befragten mit vielen Künstlerklischees auf („Ich könnte auch wieder im Baumarkt an der Kasse sitzen“) und zum anderen lassen sich die skizzierten Werdegänge und Überlebensstrategien vortrefflich mit der eigenen Biographie vergleichen und nehmen so manche erdrückende Last von der Schulter oder bestärken im Umkehrfall genau diese.

Fazit: Endlich redet mal jemand darüber…

Katja Peglow



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