 Das Moneybrother-Desaster.
Wer einmal lügt, der muss selbst sehen, wie er da wieder rauskommt.
Es begann wie die meisten Katastrophen mit einem harmlosen kleinen Versehen. Ich war auf dieser Party und unterhielt mich mit diesem unglaublich sympathischen Typen. Wir sprachen über Musik. Gerade war ich damit beschäftigt, aus dem Fettnäpfchen wieder herauszuklettern, in das ich eben getreten war, als ich die von ihm geschätzte Sängerin Ani di Franco als „total langweilig“ bezeichnet hatte. Ich erwähnte schnell ein paar Bands, von denen ich wusste, dass er sie mochte, und fand mich bald wieder auf sicherem Boden und mitten im schönsten „und der Song ist ja super-“, „hast du die schon mal live gesehen-“, „genau, die Stelle, wo der Bass einsetzt-“…
Das geniale Keane-Konzert, die schräge Show von Andrew Bird, die schrecklichen Plastikpop-Lieder auf MTV: Wir waren uns so wunderbar einig bei dem wichtigsten Thema, über das man auf einer Party reden kann. Glücklich darüber, dass ich das Ani-di-Franco-Fettnäpfchen ohne gröbere Folgen hinter mir gelassen hatte, und bedacht darauf, ihn nicht noch einmal vor den Kopf zu stoßen, begann ich das Gespräch wieder zu genießen.
Da warf er den verhängnisvollen Satz in die Runde: „Wenn Moneybrother mal nach Hamburg kommen würden, das wäre ja auch super!“ Ich blickte in sein aufforderndes, nach Bestätigung suchendes Lächeln und schneller, als ihr das jetzt lesen könnt, hörte ich mich antworten: „Ja, das wäre schon cool.“ Und ich dachte, damit wäre das Thema Moneybrother erledigt. Weit gefehlt!
Er: „Ja, They're Building Walls Around Us ist ja so eine geile Single!“ Ich: „Ja, aber…“ Er: „Und der Sänger ist ja auch als Typ so sympathisch.“ Ich: „Ja, schon, ähm…“ Er: „Und das zweite Album ist ja noch mal viel besser als das erste, nicht?“ Ich: „Mmh.“ (Kann ich noch zurück? Vielleicht, wenn ich erwähne, dass…) Er: „Das dachte ich mir, dass du das auch findest! Cool, wir haben echt den gleichen Musikgeschmack! Und die Stimme bei I'm Losing, das ist doch echt genial, was meinst Du?“
Ich wusste nicht aus noch ein; mit jeder Frage wurde es unmöglicher zu gestehen, was ich bereits nach dem ersten Satz hätte klären müssen: „Ich kenne Moneybrother nicht! Ich weiß nicht mal, ob das eine Band oder ein Sänger oder eine Bauchtanzgruppe ist; das war doch nur so dahingesagt — ich wollte in diesem Moment einfach alles gut finden, was du gut findest!“ Stattdessen formulierte ich ein sehr präzises „Mmh, ja, also, das berührt einen schon mehr als diese Durchschnittsstimmen.“
Als ich das begeisterte Funkeln in seinen Augen sah, war mir klar, dass ich aus der Moneybrother-Nummer nicht mehr heil rauskommen würde, wenn ich nicht augenblicklich das Gespräch in eine andere Richtung lenken würde, weg von der Kante des bodenlosen Abgrundes der Peinlichkeit, in den ich zu fallen drohte, wenn meine völlig unerklärliche blöde Lüge auffliegen würde. Ich versuchte alles: Spontane Themenwechsel, noch ein Bier holen, ewig zum Klo verschwinden, andere Leute ins Gespräch mit einbeziehen, noch ein Bier holen, desinteressiertes SMS-Schreiben, noch ein Bier holen…
Es war zwecklos. Er wartete jedes Mal bei dem Schild „Zum Abgrund hier entlang“, und führte mich schnellen Schrittes wieder zurück zur Kante des Verderbens. Ich hatte nicht gewusst, dass man zu einer Band so viel sagen konnte. Als ich dachte, schlimmer könnte es nicht mehr werden, zog er den Tritt in die Schlucht in Form einer kleinen, harmlos anmutenden Silberscheibe aus der Tasche, und sprach die folgenschweren Worte: „Legt doch mal die CD ein, Katharina ist auch so ein Moneybrother-Fan wie ich!“ Was ich hätte sagen müssen: „Na ja, so ein Riesenfan bin ich nun nicht; ich kenne die auch noch nicht so lange.“ Was ich dachte: „Fan? Ich hab noch keinen halben Song von denen gehört!“ Was ich sagte: „Äh, hm.“ So nahm das Unheil seinen Lauf: Zehn Songs, die sich wie 30 anfühlten, keinen Titel kennen, nicht mitsummen können beim Refrain, nicht wissen, bei welchen Stellen man sich wissend zulächeln muss…
Ich büßte für eine Menge Sünden in dieser Stunde, und schwor mir, in Zukunft lieber zu schweigen oder ehrlich zu sein, aber NIE WIEDER so zu tun, als würde ich etwas gut finden, das ich nicht einmal kenne. Doch diese goldenen Vorsätze nützten mir an dem Abend nichts. Verzweifelt torkelte ich am Abgrund entlang, hinter mir Moneybrother, diabolisch grinsend und mit ausgestreckten Armen, um mich hinunterzustoßen in die Peinlichkeitsgrube. Mit einer Haltungsnote jenseits von gut und böse schlug ich mich durch, entkam dem Sturz mehrmals um Haaresbreite, und versuchte, nicht über die einzelnen Songs zu reden, nicht konkret zu werden, kurz: so ehrlich wie jetzt noch möglich zu sein. Doch jedes Lächeln war eine Lüge, jeder nicht ausgesprochene Satz Betrug, und jedes Mit-dem-Fuß-im-Takt-Wippen Verrat.
Als dann die versammelte Gruppe beschloss, gemeinsam die zufällig im CD-Regal des Gastgebers vorhandene Moneybrother-DVD anzusehen, tat ich schließlich das einzige, was noch möglich war: Ich stand auf und verließ die Party mit der Begründung „Mir ist total schlecht.“ Das war der einzige wahre Satz, den ich an diesem Abend ausgesprochen hatte.
Katharina Litschauer
Kommentare
| emily strange schrieb am 14.08.2007 um 23:21 Uhr: |
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hey mein herzlichstes Beileid du kennst Moneybrother nicht!!!!! du arme. Er ist… ah na ja einfach wie soll man so einen nennen der perfekte Ausdruck um ihn zu beschreiben wäre einfach „cool“ oder wenn ich nun einen Werbeslogan benutzen dürfte Boom chika wah wah. Aber vergessen wir mal diesen Skandal, ich dachte wirklich ich wäre die einzige dessen Hobby es ist in Fettnäpfchen zu treten, wenn man hingefallen ist beim aufstehen nochmal auf die fresse zu fallen und zu einem blöden Zeitpunkt etwas völlig unangebrachtes zu sagen. Mir ist mal so eine ähnliche Geschichte passiert mit einem film. Aber so wie bei dir ist es zum glück nicht aus dem Ruder geraten. Ich fass es nicht der Gastgeber hatte zufällig das Album und dann noch die DVD!!!!! Ob du jemals Moneybrother toll finden kannst wenn er dich immer an diesen peinlichen Abend erinnert .
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| emily strange schrieb am 14.08.2007 um 23:20 Uhr: |
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hey mein herzlichstes Beileid du kennst Moneybrother nicht!!!!! du arme. Er ist… ah na ja einfach wie soll man so einen nennen der perfekte Ausdruck um ihn zu beschreiben wäre einfach „cool“ oder wenn ich nun einen Werbeslogan benutzen dürfte Boom chika wah wah. Aber vergessen wir mal diesen Skandal, ich dachte wirklich ich wäre die einzige dessen Hobby es ist in Fettnäpfchen zu treten, wenn man hingefallen ist beim aufstehen nochmal auf die fresse zu fallen und zu einem blöden Zeitpunkt etwas völlig unangebrachtes zu sagen. Mir ist mal so eine ähnliche Geschichte passiert mit einem film. Aber so wie bei dir ist es zum glück nicht aus dem Ruder geraten. Ich fass es nicht der Gastgeber hatte zufällig das Album und dann noch die DVD!!!!! Ob du jemals Moneybrother toll finden kannst wenn er dich immer an diesen peinlichen Abend erinnert .
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| Christina schrieb am 29.09.2006 um 19:07 Uhr: |
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Du kannst doch nicht einfach moneybrother nicht kennen!!! Der ist der beste, ein gott!
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| anne schrieb am 07.10.2005 um 15:54 Uhr: |
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hach..wie gut man solche situationen doch kennt…
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| das Daniel schrieb am 06.09.2005 um 12:50 Uhr: |
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moneybrother ist so furchtbar
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| Sebastian Sachse schrieb am 31.08.2005 um 04:51 Uhr: |
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Der eine von Mando Diao (fragt mich nicht, welcher) hat recht: Der klingt genau so wie Joe Strummer.
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| Noodles aus Manhatten schrieb am 27.08.2005 um 17:37 Uhr: |
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also, hör dir die alben echt mal an. und die stimme bei i'm losing is wirklich gut
(:
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