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Der Mixa von Kreuzberg.

Der Mixa von Kreuzberg.

Bischof Mixa auf einem Freestylebattle in Kreuzberg.

Aus der Serie Wirklich erfunden:

Seine Exzellenz kotzte in ein Waschbecken. Die Galle der letzten Jahre war in ihm hochgekommen. Wie Eminem in 8 Mile stand er in einem schäbigen Waschraum und wartete auf seinen großen Auftritt.: „This opportunity comes once in a lifetime yo“. Eine Einmal-im-Leben-Chance. Bischof Walter Mixa hatte sie genutzt. Seit einer Woche war er die Sau, die durchs Dorf getrieben wurde. Medien rissen sich um seine Person und seine Worte. Meist aus dem Zusammenhang, wie er fand, „Gebärmaschine“ zum Beispiel. Hatte er nie so behauptet. Stattdessen, dass eine Aufstockung von Krippenplätzen „junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie“ rekrutieren würde. Das stand so sogar in einem bekannten virtuellen Lexikon.

Bischof Mixa war der Bushido der Konservativen: Beide sagten Dinge über Frauen, die von der Öffentlichkeit als Provokation wahrgenommen und von ihren Anhängern enthusiastisch gefeiert wurden. Mixas Crowd wartete draußen auf der Straße in Kreuzberg auf ihn. Der Industrielle Wolfgang Grupp und die Soziologin Gabriele Kuby. Kuby hatte in einem Buch bewiesen, dass die Harry-Potter-Bücher keine positive transzendente Dimension aufwiesen, sondern im Gegenteil göttliche Symbole pervertierten. Des weiteren konnte sie glaubwürdig dokumentieren, dass jedes dritte schwedische Kind psychische Schäden aufwies, weil es einer Ganztagsbetreuung ausgesetzt war. Diesen Zustand galt es in Deutschland zu verhindern. Dafür nahm der Bischof an diesem Freestylebattle in Kreuzberg teil. Seine Exzellenz war glücklich. Wer solche Mitstreiter an seiner Seite wusste, hatte nichts zu verlieren.

Als er auf die Straße trat, wurde er unruhig. Irgend etwas hier stimmte nicht. Er blickte in die Augen einer Frau. Die Frau war unter einer Burka verborgen. Dennoch — diese Augen, diesen Forsthaus-Falkenau-Schwiegersohnbilderbuchblick kannte Seine Exzellenz. Das war doch Markus Söder! Was machte der hier? Und vor allem: Warum trug er eine Burka? Söders Augen zwinkerten ihm zu. Da erinnerte sich der Bischof. Markus Söder war in einem Geheimauftrag in der Parallelwelt unterwegs. Ziel war es, diese Parallelwelt zu zerstören. Kürzlich hatte sich der Generalsekretär der CSU öffentlich gegen die Idee eines Islamforums gewandt, das das ZDF verwalten sollte. Obwohl, was hieß in Markus Söders Fall schon „gewandt“? Wenn Seine Exzellenz Bushio war, dann war Söder Fler. Statt Bomberjacke trug er eine Tracht, statt der Deutschlandflagge die bayrische Fahne und sein Label hieß nicht Aggro sondern CSU. Erst pöbeln, dann sich um die Antworten vor den aufgeworfenen Fragen drücken. Ein Prinzip, mit dem Markus Söder bisher weit gekommen war. Deshalb die Tarnung. Jedes feindliche System war nur von innen heraus wirksam zu bekämpfen. Und jedes andere System als das eigene war feindlich.

Langsam wurde es ernst. Sabine Christiansen, die Moderatorin des Kreuzbergers Freestylebattles, kündigte die Kontrahenten an. Seine Exzellenz würde den Abend beschließen. Es waren natürlich nur Fliegengewichte vor ihm, welche die ewig gleichen Reime brachten. Den Style von der niedrigen Geburtenrate, der Gleichberechtigung der Frau, der berufstätigen Mütter in Ostdeutschland. All diese Kamellen, die auf der Zunge nach Freiheit schmeckten und im Abgang ganz furchtbar bitter wurden. Doch Bischof Mixa wusste eine Armee von Rentnerinnen hinter sich. Niemals würde eine von ihnen zulassen, dass man ihren Lebensentwurf auf der Altar der neuen Zeit opfern würde. Nur weil eine Frau sich bewusst für Kinder und gegen eine Karriere entschied, war sie kein „Heimchen am Herd.“ Obwohl, was hieß schon „gegen eine Karriere“? War eine Mutterschaft nicht genauso erfüllend, nicht genauso Laufbahn wie die Ausübung eines Berufs? War dies nicht schon die Terminologie der neuen Zeit? Diese unverhohlene Diffamierung der Familie als einziges Ideal einer zynischen, gottlosen Gesellschaft, das sogenannte 21. Jahrhundert?

Der Bischof blickte sich um. Das hier war Kreuzberg. Die jungen Frauen in ihren rosenfarbenen Fleecejacken sahen nicht unglücklich aus. Im Gegenteil. Liebevoll summten sie ihren Babys Lieder in die Ohren, während fürsorgliche Väter sich um Nahrung für die Kleinen kümmerten. Nebenan standen schwangere Akademikerinnen. Sie hatten mit ihren Vorgesetzten gesprochen und in beiderseitigen Einverständnis eine Auszeit von vielen Jahren genommen. Nachdem die Kinder groß genug wären, würden die Akademikerinnen ohne Probleme ihre wissenschaftliche Laufbahn fortsetzen können. Menschen freuten sich, dass Menschen Kinder bekamen. Was für ein absurder Unsinn, da nach mehr Krippenplätzen zu verlangen. Wenn es sowieso schon zu wenig Arbeit für alle gab, warum sollten weitere potentielle Arbeitnehmerinnen in den Markt drängen? Ein Irrsinn. Und Seine Exzellenz würde jetzt mit all seiner Kraft dagegen vorgehen.

Die Moderatorin bat den Bischoff nach vorn. Die Crowd aus Müttern, Vätern, Rentnerinnen und dem unter einer Burka verborgenen Markus Söder tobte. Gabriele Kuby fiel in Ohnmacht. Bevor Seine Exzellenz das Wort ergriff, erinnerte er sich an einen anderen wichtigen Satz von Eminem: „Now this looks like a job for me / So everybody just follow me / Cuz we need a little controversy / Cuz it feels so empty without me“. Langsam setzte der Beat ein. Ein pumpender, treibender Bass, harte, unbarmherzige Snareschläge. Der Bischof packte das Mic zwischen beide Hände und öffnete den Mund zum Freestyle:

Kriegt ne Frau ein Kind und bleibt zu Haus'
dann…

Sakrament! Was reimte sich auf „Haus“? Raus? Daus? Klaus? Kirchenmaus? Festtagsschmaus? Falscher Applaus? Himmelherrgott! Streng dich an. Du bist ein Mann des Wortes. Irgend etwas musste er texten. Einen Reim, einen Satz, das konnte doch nicht so schwer sein. Warum fiel ihm nichts sein? Kreuzberg scharrte ungeduldig mit den Füßen. Wo blieb die Show, wo die zweite Zeile? Der Bischof Mixa konnte doch nicht einfach so rum stehen und nichts sagen?

Schließlich kehrten sie ihm den Rücken zu. Nach und nach verschwanden die Mütter und Väter, die Akademikerinnen und Rentnerinnen. Wolfgang Krupp zuckte die Schultern, Markus Söder traten Schweißperlen auf die Oberlippe, in denen sich das Gesicht von Franz-Josef Strauß spiegelte. Irgendwann war die Kreuzberger Straße leer. Niemand mehr da, niemand, der Seiner Exzellenz zuhören wollte. Wenn er ehrlich zu sich war, erfüllte ihn dies mit einem Glücksgefühl. Er war froh, dass er so alt war, dass er bald sterben würde und nichts weiter von der neuen Zeit würde miterleben müssen.


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Stefan Petermann



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