 Der Stachel im Fleisch.
| Autor |
Michael Ondaatje |
| Titel |
Divisadero |
| Verlag |
Hanser-Verlag |
| Seiten |
280 |
| Bewertung |
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Wenn ein Autor seine Romane immer wieder um ähnliche Figuren herum spinnt, müssen das schon sehr gute Figuren sein, auf deren Wiedersehen man sich freut. Bei Michael Ondaatje ist das der Fall. Der 64-jährige wurde mit seinem Werk Der englische Patient berühmt und gilt seither als Star-Autor, obwohl er niemals leichte Kost abliefert. Seine Geschichten ranken sich um Außenseiter. Um Menschen, die sich ihren einsamen Platz irgendwo am Rande der Welt geschaffen haben. Alle seine Figuren haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben irgendwann in der Vergangenheit eine Verletzung erfahren, die nicht mehr heilt und die ihnen ein Weiterleben in ihrer bisherigen Existenz unmöglich macht. Und noch etwas ist gleich: Es gibt keinen einheitlichen Erzählstrang. Immer wieder wird zurückgeblendet und zwischen Personen und Handlungen hin- und her geschwenkt, was die Lektüre nicht gerade erleichtert.
Divisadero beginnt mit der Geschichte von Anna, Claire und Coop. Anna ist die leibliche Tochter eines Farmbesitzers in Kalifornien, der die Waisen Claire und Coop aufgenommen und wie seine eigenen Kinder aufgezogen hat. Das Leben der drei „Geschwister“ verläuft friedlich, doch als der Farmer die Liebesbeziehung zwischen Anna und Coop aufdeckt, kommt es zur Katastrophe. Der Ziehvater schlägt Coop halbtot und Anna verletzt ihren Vater schwer, woraufhin sie wegläuft und nie mehr zurückkehrt.
Daraufhin trennen sich die Wege der Geschwister und ihre Geschichten werden einzeln erzählt. Aus Coop wird ein Profi-Spieler, der sich mit zwielichtigen Machenschaften über Wasser hält und sich dadurch in immer gefährlichere Situationen bringt. Claire arbeitet werktags bei einem Rechtsanwalt und wird am Wochenende zu der Claire, die sie als Kind war. Sie ist die einzige, die ihren Vater regelmäßig besucht und sie reitet von Freitag bis Sonntag durch die Prärie, bis sie wieder in ihren geregelten Alltag zurückkehrt. Auch sie war in Coop verliebt. Als sie ihm nach Jahren zufällig begegnet, muss sie jedoch feststellen, dass er Anna immer noch liebt. Wie damals ist sie wieder diejenige, die von ihrer talentierten Schwester in den Schatten gestellt wird. Anna wird Literatur-Dozentin und geht nach Frankreich. Dort zieht sie sich in das Haus des berühmten Dichters Lucien Segura zurück, um seine hinterlassenen Tagebücher und Notizen auszuwerten. Dabei bekommt sie Hilfe vom Musiker Rafael, dem Sohn eines Diebes und einer Sinti. Er wird Annas Liebhaber und erzählt ihr von seinem verstorbenen Freund Segura, um dessen Geschichte es im letzten Teil geht.
Diese Handlungsstränge mögen auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben und doch sind sie auf komplexe Art miteinander verbunden. Es geht immer um Schuld, Verletzbarkeit und die Qual, wenn etwas Wichtiges für immer unausgesprochen bleibt, weil Menschen sterben oder sich aus den Augen verlieren. Die Nacht, in der Coop von seinem Vater aus der Familie geprügelt wurde, bleibt für alle Beteiligten das Schlüsselerlebnis, das ihr Leben mit einem Schlag änderte und ihr Zuhause zerstörte.
Die sensible Anna hat ihren Weg gefunden, damit umzugehen, sie flüchtet sich in die Literatur und erinnert sich: „'Wir haben die Kunst', sagt Nietzsche, 'damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.´ Denn die nackte Wahrheit eines Ereignisses endet nie, so wie das Terrain des Lebens meiner Schwester und die Geschichte meiner Zeit mit Coop für mich kein Ende haben. Sie sind das Mögliche, jedes Mal wenn das Telefon spät nach Mitternacht unvermutet klingelt und ich abnehme und das Klicken und Rauschen höre, das eine Überseeverbindung vermuten lässt, und ich auf den tiefen Atemzug warte, bevor Claire ihren Namen nennt. Sie wird mich kaum mehr wiedererkennen, sich höchstens an ein Mädchen auf einem Foto erinnern.“
Coop hingegen flüchtet sich lieber in Gefahr und trickreiche Pokerspiele: „Seit dem Zwischenfall in Vegas, als er die Betbrüder hereingelegt hatte, war es besser, verborgen zu bleiben. Er ging nachmittags ins Kino, las Geschichtsthriller, kaufte sich Nutten, wenn er welche brauchte und setzte sich abends an den Spieltisch. Spät am Tag erwachte er, und dann ging er laufen, um den schalen Geschmack der Nacht zuvor auszulöschen.“
Sprachlich schwankt Ondaatje zwischen zerbrechlicher Poesie und Machotum. Männer sind noch Männer und Frauen sind Frauen. Liebe, Kunst und Natur sind so, wie man es sich vorstellt. Der Roman strotzt vor atemberaubenden Bildern und sinnlichen Umschreibungen. Manchmal wirkt Ondaatje dann wie jemand, der selbst gerne einmal ein Cowboy wäre. Oder ein Spieler, ein Nomade, ein Soldat oder ein Dieb. Ein melancholischer Aussteiger mit einem Herz voller Geheimnisse. Eben wie die Leute, die in diesem Buch auftauchen. Diese Liebe zu seinen Figuren ist genau zu spüren. Und das hilft, ein wenig traurig zu sein, wenn die letzte Seite gelesen ist.
Fazit: Ein Buch mit den ganz großen Themen, die das Leben zu bieten hat: Liebe, Tod und Leidenschaft. Unglaublich schön, aber nicht einfach.
Linda Wilken
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