 Der Preis des Überlebens.
Die Unterhaltungsindustrie gängelt die Medien und trifft nicht nur auf Widerstand.
Der erste Schritt
Es fängt alles ganz klein an und wir bemerken es meist erst dann, wenn es nicht mehr aufzuhalten ist. Mitte Juli liegt eine E-Mail im Postfach. Unser Ansprechpartner bei Sony Music schreibt, dass er das Debütalbum von El*ke an JUSTmag rausgeschickt hat. Im letzten Satz weist er auf eine Sperrfrist hin: Rezensionen zur Platte dürfen erst ab dem 5. August online gehen, also drei Tage vor der Veröffentlichung der CD. Dahinter setzt er einen Smiley.
Das Bekannte
Die Unterhaltungsindustrie war noch nie an freier Berichterstattung interessiert. Das ist kein großes Geheimnis und liegt in ihrer Natur begründet. Die Unterhaltungsindustrie will schließlich positive Berichterstattung über ihre Produkte. Weil aber Gesetze die Medien schützen, kann sie nur indirekt Einfluss nehmen. Diesen Job übernehmen PR-Abteilungen und Pressestellen. Auch das ist kein großes Geheimnis. Neu ist nur das Ausmaß der Versuche, die Berichterstattung zu beeinflussen — und dass diese Versuche nicht scheitern, daran tragen auch die Schuld, die diese Entwicklung beklagen: Die Medien selbst.
Die Musik
Als die britische Band Coldplay im Juni auf Deutschlandtour war, musste jeder Pressefotograf einen Vertrag unterschreiben, der in schwer verständlichem Juristenenglisch dessen Rechte am Bild erheblich einschränkte. Der Vertrag untersagte ihm unter anderem, die Fotos außerhalb der Nachberichterstattung zum Konzert zu verwenden. Kein Einzelfall. Ähnliche Vertrage gab es bei Konzerten von Destiny's Child, Black Sabbath und den Backstreet Boys. Gründe für die Entwicklung? „Damit soll der Handel mit nicht-lizensierten Fanprodukten eingeschränkt werden“, erklärt Thorsten Keller, Redakteur beim Kölner Stadtanzeiger. Also Kalender, Fotos und Poster, die Motive des Künstlers zeigen. „Damit werden Kriminelle und Journalisten über einen Kamm geschert“, gibt Keller zu bedenken. Justus Demmer, Pressesprecher bei dpa, drückt es allgemeiner aus: „Ziel der Eingriffe ist es, die Marke zu schützen, um es mal positiv auszudrücken.“
Ist es übertrieben zu vermuten, dass Unternehmen Fotografen irgendwann gar nicht mehr zu Konzerten zulassen? Kai Manke von 19entertainment, der unter anderem Alexander Klaws betreut, stellt klar, was er von Fotografen erwartet: „Der Künstler hat ein Recht auf ein möglichst vorteilhaftes Foto. Schlechte Live-Fotos gilt es zu vermeiden.“ Später erklärt er ziemlich offen: „Auch der Künstler ist auf gute PR angewiesen und aus diesem Grund bevorzugen wir vom Künstler abgenommen offizielle Live-Fotos, die dem jeweiligen Medium kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.“ Heißt also: In allen Magazinen sollen möglichst die immergleichen Promo-Fotos auftauchen. Wer selbst fotografieren möchte, muss folgendes beachten: „Sicherlich sind bisherige Zusammenarbeit und 'gute Ergebnisse' im Umgang mit dem jeweiligen Medium sowie dem diesbezüglichen Fotografen hier sehr hilfreich.“ Wer nicht zur Zufriedenheit der Künstlerseite arbeitet, kriegt keine Fotoerlaubnis mehr. Was aber sind „gute Ergebnisse“? Für den Künstler möglichst vorteilhafte Fotos, für den Fotografen möglichst interessante. Das meint nicht immer dasselbe. Auf diese Weise bekämpfen die Einschränkungen nicht nur den Schwarzhandel, sondern beeinträchtigen auch die Berichterstattung. Wenn stets nur aktuelle oder offizielle Fotos zugelassen sind, können Plattenfirmen sicherstellen, dass auch nur das Image transportiert wird, das der Künstler gerade verkörpern soll. Unternehmen haben das Recht, ihre Marken zu schützen, doch ab wann ist der Schaden größer, den die Maßnahmen anrichten (Eingriff in die Pressefreiheit) als der zu erwartende Nutzen (finanzielle Gewinne)? Viele Firmen fühlen sich deshalb auch nicht ganz wohl bei der Sache, sprechen von einem „Geben und Nehmen“ und betonen gerne, dass es auch zum Nutzen des Fans sei, wenn keine überteuerten illegalen Produkte angeboten werden — nur sind diese illegalen Produkte zumeist billiger.
Doch — und hier beginnt die Sache schwierig zu werden — zur Beeinflussung gehören immer zwei. Firmen beeinflussen und Medien lassen sich beeinflussen. Viele Zeitungen berichteten über die Konzerte der oben erwähnten Künstler. Der Kölner Stadtanzeiger verzichtete beim Auftritt von Coldplay allerdings auf ein Foto, die dpa sah komplett von einer Berichterstattung ab. „Die Versuche, Einschränkungen zu verschärfen, werden weiter zunehmen“, erklärt Demmer dazu, „ob sie Erfolg haben, hängt von uns ab.“ Die Entwicklung spricht dagegen. „Vor fünf Jahren haben nur die absoluten Superstars Foto-Verträge gemacht, jetzt aber auch Bands wie die Toten Hosen oder Herbert Grönemeyer“, weiß Keller.
In einem anderen Fall läuft es nicht auf eine Beeinflussung aus, sondern auf eine Zusammenarbeit zwischen Industrie und Medien hinaus: Bei der Coverwahl von Musikmagazinen. „Es gibt durchaus Magazine, die ihr Cover verkaufen“, räumt Uwe Viehmann ein, Chefredakteur der Spex, „bei einigen direkt, bei anderen über Kombinationen mit Anzeigen und so weiter.“ Zweifelhaft scheint er das nicht zu finden: „Notwendig ist es insofern, als das keine Musikzeitschrift dieser Erde ohne Werbung existieren kann. Und ein Cover erzielt natürlich die höchsten Erlöse.“ Das Problem ist nicht nur, dass die Wirtschaft direkt in den Inhalt eines Magazins eingreift, sondern auch, dass Redakteure eine wirtschaftliche Entscheidung (Band X aufs Cover, weil die Plattenfirma das meiste Geld zahlt) als eine journalistische ausgeben (Band X aufs Cover, weil sie wichtig ist). Ein Platzierung auf dem Cover bedeutet ja auch eine mehrere Seiten lange Coverstory. Eine Trennung von Journalismus und Werbung findet nicht statt. Bedenken sind angebracht, immerhin verbietet das Gesetz eine Kopplung von Anzeige und Berichterstattung. „Wo im Rahmen eines Insertionsauftrages vereinbart wird, dass in derselben Ausgabe einer Zeitung oder Zeitschrift oder auch später eine positive, inhaltlich abgestimmte Berichterstattung über das inserierte Produkt oder die inserierte gewerbliche Leistung veröffentlich wird, wird irreführend und sittenwidrig i.S.d. UWG und damit wettbewerbswidrig gehandelt“, schreibt Dorothee Bölke im Presserecht für Journalisten und der Pressecodex des deutschen Presserates gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen beeinfluss werden.
Gerne spricht niemand aus der Branche darüber, doch weist das Schweigen allerorten darauf hin, dass sich viele Blattmacher nicht wohl fühlen, wie sie zum Teil ihr Geld verdienen. „Sie haben jetzt die Chance, echt wortkarge Menschen kennenzulernen“, meint ein Insider, der ungenannt bleiben möchte und auch Viehmann reagiert nicht mehr auf Rückfragen. Namen lässt er schon gar nicht fallen. Stellen wir einfach nur fest: Das Cover der Intro, Ausgabe 124, zeigt neben Bloc Party auch Tocotronic. Im Heft findet sich eine einseitige Anzeige zum neuen Album der Hamburger Band. In Ausgabe 123 prangt Conor Oberst von den Bright Eyes auf dem Cover, im nächsten Heft wirbt eine ganzseitige Anzeige für das neue Album. Im Musikexpress vom Januar 2005 sind erneut Tocotronic auf der Titelseite, eine doppelseitige Anzeige wirbt für die aktuelle CD, die einzige doppelseitige Anzeige in dieser Ausgabe. Alles Zufälle? Christian Stolberg, Chefredakteur des Musikexpress, erklärt dazu: „Selbstverständlich verkaufen wir unsere Titelseiten nicht! Das wäre ja auch Wahnsinn, weil das Titelthema eine entscheidende Größe für den Heftverkauf ist, und es dabei auch um die Glaubwürdigkeit gegenüber unseren Lesern geht — für uns ein hohes Gut. Sie können getrost davon ausgehen, dass kein am Kiosk verkauftes Magazin solche Praktiken pflegt. Die Fälle, auf die Kollege Viehmann anspielt, sind ausschließlich im Bereich der kostenlos verteilten Magazine zu suchen.“ Es gibt allerdings genug Fälle, in denen Plattenfirmen überhaupt keine Werbung geschaltet haben und Musikzeitungen eine ihrer Bands trotzdem auf die erste Seite genommen haben.
Das Kino
Die Einschränkungen beschränken sich freilich nicht auf die Musikindustrie. Journalisten, die sich die Pressevorführung von Steven Spielbergs Krieg der Welten ansehen wollten, mussten zuvor eine Erklärung von United International Pictures (UIP)unterschreiben, in der sie sich verpflichteten, keine Kritik vor dem offiziellen Start des Films zu veröffentlichen. Die Empörung in den Medien war groß. Stefan Höltgen, Redakteure des Filmmagazins F.LM, kommt sogar zu dem Ergebnis: „Im Grunde genommen ist eine Sperrfrist für Filmkritiken ein Verstoß gegen die Grundrechte. Ich denke, wenn es zu einem Rechtstreit käme, müsste UIP den kürzeren ziehen.“ Katja Nicodemus, Kulturredakteurin der Zeit stellt fest: „Es ist ein sehr grundsätzliches und sehr besorgniserregendes Problem, dass der Journalist hier nicht mehr als unabhängige kritische Instanz, sondern als dramaturgisch beliebig einsetzbares Element von Marketingkampagnen gesehen wird. Dieses Problem betrifft ja längst nicht nur den Filmjournalismus, sondern die gesamte Presselandschaft.“ Dass die Kontroll- und Lenkungstendenzen in der Filmindustrie während der letzten drei, vier Jahre zugenommen haben, liegt für sie auf der Hand. Rüdiger Suchsland, Redakteur bei telepolis.de, berichtete auch ausführlich über die Schikanen während der Pressevorführung von Krieg der Welten: Sicherheitsleute führten Leibesvisitationen durch, der Kinosaal wurde von Monitoren gescannt, um geheime Bild- und Tonaufnahmen ausfindig zu machen. „Man kann allerdings ebenso auch erkennen, wenn einer aufgrund von Bluthochdruck einen roten Kopf bekommt, wenn er einen Kaffee trinkt oder in sein Eis beißt oder natürlich auch, wenn er eine Erektion bekommt. Damit ist das Kino als der letzte Raum von Intimität in der Öffentlichkeit zerstört“, schreibt Suchsland.
Das Ziel der Einschränkungen scheint klar: Die Filmindustrie will schlechte Berichterstattung vor dem so wichtigen Startwochenende verhindern. Hollywood steckt in der Krise, seit Jahren schon, aber erst Recht seit dem Siegeszug des Heimkinos. Allerdings betrifft der Rückgang in diesem Jahr überwiegend unabhängige Filmverleiher, die sechs großen (Paramount, Warner Bros., 20th Centruy Fox, Disney, Universal, Sony) nahmen hingegen mehr ein als 2004. Dabei setzen die Großen vor allem auf event movies, Filme also, die am Startwochenende zu Kassenschlagern werden. Da ist schlechte Presse das letzte, was sich ein Unternehmen wünscht. „Es wird nötig, die Diskussion so weit wie möglich zu kontrollieren“, erklärt David Fellerath, Kinokritiker bei The Independent Weekly, „und das letzte, was Studios wollen, sind Kritiker, die vor dem Filmstart schreiben, wie schlecht der Film ist.“ Stefan Höltgen vermutet hingegen: „Man will bei einem kassenträchtigen Film ein Exempel statuieren, um für eventuell kommende, schlechtere Filme dann Sperrfristen einzuräumen, um sich durch negative Vorabkritiken nicht das Geschäft verhageln zu lassen.“
Auch in diesem Fall sind Täter und Opfer nicht so einfach zu trennen, wie es ein Großteil der Medien gerne behauptet. „Der Wirbel scheint mir etwas übertrieben, insofern es ähnliches schon vorher gab“, kommentiert Christina Nord, Kulturredakteurin der taz die Ereignisse um Krieg der Welten, „trotzdem ist die Kritik natürlich richtig.“ In der Tat ist der aktuelle Fall nur die vorläufige Spitze einer Entwicklung, die Journalisten bisher unkommentiert hinnahmen. So setzte Miramax bereits für den Film Kill Bill 2 eine Sperrfrist ein, dort musste allerdings kein Filmkritiker eine Vereinbarung unterschreiben. Und wenn es den Eindruck macht, als würde sich ein Schauspieler jedem Journalisten einzeln stellen, so täuscht das — Gruppeninterviews sind längst Alltag. Eine Situation, die die Bereitschaft zu kritischen Fragen sicherlich nicht erhöht — wenn Journalist und Pressestelle die Fragen nicht ohnehin vorher abgesprochen haben. Fellerath stellt deshalb klar: „Wir in den Medien sind Komplizen in Hollywoods Marketing-Kampagnen.“ Ein extremer Fall der Komplizenschaft: Das Problem der Blurb Whores ist in den USA seit Jahren bekannt. Blurb Whores sind Journalisten meist kleiner Magazine, die auf Anfrage von PR-Abteilungen euphorische Kurzkritiken über meist schlechte Filme schreiben, mit denen diese dann werben können. Earl Dittmann, der berühmteste unter ihnen, redet sich jedoch gerne damit heraus, dass er gar keine Filmkritiken schreiben wollen, sondern einfach seine Meinung äußere. Berüchtigt sind auch Junkets (deutsch: Vergnügungsreisen). Filmunternehmen lassen Kinokritiker für Pressevorführungen einfliegen und in teure Hotels unterbringen, sie haben Gelegenheit — unter Aufsicht — mit den Darstellern zu sprechen. Im Gegenzug liefern die Journalisten eine positive Kritik ab.
Von Tätern und Opfern
Wer also die Pressefreiheit gefährdet sieht, muss nicht nur für sie eintreten, wenn andere sie gefährden, sondern auch, wenn er selbst davor steht, es zu tun. „Reporter, Journalisten und Nachrichtenagenturen sind diejenigen, die Grenzen setzen müssen“, fordert Jane E. Kirtley, Professorin für Medienethik und Medienrecht an der School of Journalism and Mass Communication in Minnesota, „sie müssen sich einfach weigern, nach diesen absurden Regeln zu spielen.“ Doch meint das für viele Journalisten: Wer nicht nach den Regeln spielt, darf gar nicht mitspielen, sprich: verliert seinen Job. Medien sind auf die Werbung der Industrie angewiesen, oft befinden sich beide unterm selben Dach: „Es ist klar, dass die Presse heute nicht mehr unabhängig genug von der Unterhaltungsindustrie ist“, weiß Robert Kerr, Professor am Gaylord College of Journalism and Mass Communication in Oklahoma, „besonders heute im Zeitalter der fortschreitenden Medienkonsolidierung arbeiten beide Seiten oft für das selbe Wirtschaftskonglomerat.“
Doch braucht Unterhaltungsjournalismus überhaupt Unabhängigkeit? Ist Unterhaltung nicht „nur“ Unterhaltung und eine unabhängige Politberichterstattung ungleich wichtiger? „Es ist immer Politik und Unterhaltung, wenn Geld im Spiel ist“, meint Alex Steininger, Gründer des amerikanischen Musikmagazins und Labels In Music We Trust. „Die Linie zwischen Unterhaltung und Politik ist heutzutage nicht mehr so klar zu ziehen“, sagt Kerr. Kirtley geht noch einen Schritt weiter: „Falls die Öffentlichkeit und die Presse diese Kontrollen in der Unterhaltungsindustrie tolerieren, ist es viel leichter für sie, es zu tolerieren, wenn die Regierung die Botschaft kontrolliert.“ Anders ausgedrückt: Wenn schon in einem vergleichsweise unproblematischen Sektor wie der Unterhaltung wenige mit der Wahrheit herausrücken können/dürfen/wollen, warum sollten sie es dann in der Politberichterstattung machen, in der noch viel mehr auf dem Spiel steht? So wagte Michael Cieply, Filmkritiker der New York Times, auf unsere Anfrage nur eine allgemeine unverbindliche Aussage und das, obwohl seine Zeitung der Zugang zu einer Pressevorführung von Krieg der Welten in den USA verwehrt wurde: „Ich würde lieber nicht auf die einzelnen Fragen eingehen (…) Wir sollten einfach akzeptieren, dass es Menschen frei steht, Forderungen zu stellen, wie immer sie wollen, und uns steht es ebenso frei zu schreiben, was wahr und wichtig ist und das sollten wir tun.“ Dass das nicht alle tun, dafür ist er der beste Beweis.
Der erste Schritt
Die Rezension zum Debütalbum von El*ke wird nicht vor dem 5. August online gehen. Sie wird am Sonntag erscheinen, am 7. August, am Tag vor der Veröffentlichung. Nicht, weil es eine Sperrfrist verlangt, sondern weil es journalistisch sinnvoll ist. Sich von Einschränkungsversuchen nicht beeinflussen zu lassen, meint auch das.
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Sebastian Dalkowski
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