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„Es war einmal…“

Warum an Märchen doch was dran ist.

Märchen waren ein fester Bestandteil unserer Kindheit. Trotzdem haben unsere Eltern uns immer beruhigt, dass wir uns nicht vor bösen Hexen, Riesen oder Drachen fürchten müssen, bevor sie das Licht gelöscht haben. „Die gibt es doch nur im Märchen.“
Aber sind Märchen wirklich Hirngespinste, die sich jemand in einer ruhigen Stunde überlegt hat? Oder steckt doch ein Funken Wahrheit in ihnen?

Natürlich hat sich kein einzelner Mensch diese Geschichten ausgedacht, auch nicht die Gebrüder Grimm. Sie wurden mündlich überliefert, von Generation zu Generation weitergetragen und immer ein bisschen verändert. Jacob und Wilhelm Grimm haben sie lediglich gesammelt, um sie zu bewahren. Doch ist ihre Authentizität zweifelhaft. Bevor die erste Ausgabe von den Kinder- und Hausmärchen 1812 erschien, wurden sie von Grimms Redaktion bearbeitet und „entschärft“. Viele Erzählungen wurden verniedlicht und ausgeschmückt, sexuelle Anspielungen herausgenommen, um der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, die Geschichten seien nicht kindgerecht.

Obwohl Märchen in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr erhalten sind, spiegeln sie doch die geistige Wirklichkeit der Zeit wider, in der die Geschichten entstanden. Zauberer, sprechende Tiere und Gespenster mögen für uns heute nicht mehr real sein, im damaligen und teilweise auch im heutigen Volksglauben sind sie es allemal. Zaubermärchen erfuhren im Laufe der Zeit eine phantastische Steigerung. Wenn diese Steigerung abgetragen wird, verbergen sich darunter viele historische Wahrheiten.

Der heute noch bekannte Brauch, bei der Geburt eines Kindes einen Baum zu pflanzen, findet im Märchen seine Entsprechung. Eine arme Witwe hatte einen Garten, „darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot.“ Solange das Kind lebte, durfte der Baum nicht gefällt werden. Oft wurde der Erhalt eines ganzen Hofes durch das Wachstum eines Baumes symbolisiert, da der Baum eine stärkere und längere Lebenskraft als die Menschen besitzen

Ein Motiv, das in Märchen häufig auftaucht, ist das vom Haar als Träger der menschlichen Kraft. Von diesem Glauben wird schon im Alten Testament berichtet. Als Delilah dem starken Samson das Haar abschneidet, wird er zum Schwächling. In Der Teufel mit den drei goldenen Haaren muss der Jüngling Haare vom Kopf des Teufels stehlen, um die Königstochter zur Frau zu bekommen. Und im Märchen Rapunzel lebt ein Mädchen in einem einsamen Turm, das endlos lange Haare trägt. Im Märchen ist von einem Haarschneideverbot nicht die Rede. Trotzdem war es früher verbreitet, den Königskindern nicht die Haare zu schneiden und sie vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Sie durften nie das Sonnenlicht sehen und auch nicht den Boden berühren. Daher auch der Turm als beliebtes Versteck. Diese Praktik untermauerte das Bild vom göttergleichen König und seinen Thronfolgern. Wer nie gesehen wird, um den können sich geheimnisvolle Mythen ranken, die ihn von der profanen Welt abheben und somit seine gottgewollte Macht rechtfertigen.

Tierverwandlungen oder Kinder in Tiergestalt kommen auch sehr häufig vor. Lange kinderlose Eltern wünschen sich im Märchen ein Kind, sei es auch nur eine Schlange, ein Esel oder ein Schwein. (Hans, mein Igel; Brüderchen und Schwesterchen.) Dahinter standen die vielen Regeln, die eine werdende Mutter in früherer Zeit zu beachten hatte, damit ihr Kind gesund zu Welt kam. Unbedachtes Handeln war Tabu, nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus religiöser Sicht. So glaubten viele Menschen zum Beispiel, dass ein Kind als Werwolf zur Welt kommt, wenn bei der Geburt gesündigt wird.

Was auch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, ist die WG zwischen Schneewittchen und den sieben Zwergen. In der Frühzeit war es durchaus üblich, dass eine Frau ihren Mann und dessen (ledige) Brüder mitversorgte, die häufig unter dem selben Dach lebten. Starb der Mann frühzeitig, wurde die Frau an einen der Brüder „weitergereicht“ und blieb weiterhin im Haus, wo sie ihre Aufgaben erledigte und versorgt war.

Ist eine Königstochter verwünscht oder verflucht, so bleibt im Märchen als einzige Erlösung nur die Liebe oder die Heirat. Eine Prinzessin in einer pommerschen Erzählung sagt zu ihrem Retter: „Du bist mein Erlöser, du hast mir einen Kuss gegeben, nun musst du mich auch heiraten.“ Hinter dieser abschreckenden Einstellung standen christliche Moralvorstellungen, die ein keusches Leben und eine Hochzeit mit Gottes Segen vorsahen. Weniger keusch geht es im Froschkönig zu, wo der Frosch unverblümt fordert: „Bring mich in dein Bettlein, ich will bei dir schlafen.“ Doch die Königstochter sträubt sich angewidert und gibt sich ihm erst freiwillig nach der Verwandlung in einen schönen Prinzen hin, den sie natürlich auch heiratet.

Auch im Märchen Rotkäppchen wird der moralische Zeigefinger erhoben und zur Vorsicht und Keuschheit ermahnt. Rotkäppchen trägt eine rote Kappe, ein Symbol für Entjungferung, vielleicht aber auch für sexuellen Missbrauch. Der Wald mit seiner Undurchdringlichkeit spricht frühzeitliche Urängste an, der Wolf gilt bereits in der Mythologie als Bedrohung des Menschen und spielt hier den bösen Verführer. Im Märchen Der Wolf und die sieben Geißlein verspeist der Wolf die Kinder der Geißenmutter, weil sie nicht auf ihre Ermahnungen gehört haben. Solche schaurigen Geschichten waren bestimmt wirkungsvoller als die x-te Bitte der Eltern, keinen fremden Mann ins Haus zu lassen oder mit ihm zu sprechen.

All diese Beispiele kommen aus einer Zeit, in der Zauber und Realität eng miteinander verwoben waren. Was früher für die Menschen zur Wirklichkeit gehörte, ist heute zum poetischen und unterhaltsamen Motiv geworden. Trotzdem sind Märchen mehr als Spinnereien, die man Kindern vorm Einschlafen erzählt.


Weiterführende Literatur:

  • Propp, Vladimir: Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens, Wien 1987
  • Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit, Wiesbaden 1974

Linda Wilken



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