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Jeden Abend eine lange Nase. Pinocchio

Jeden Abend eine lange Nase.

Lindas Lügen unter der Lupe.

Warum lügen wir? In welchen Situationen lügen wir? Und welche Lügen rutschen uns am häufigsten heraus? Lässt uns diese verlogene Gesellschaft vielleicht gar keine andere Wahl, als selbst zu Lügnern zu werden?
Da mir diese Fragen schon seit ewiger Zeit schlaflose Nächte bereiten, stürze ich mich in einen gewagten Selbstversuch. Schonungslos werde ich mir einen Tag lang den Spiegel der Aufrichtigkeit vors Gesicht halten und mein eigenes Lügen-Verhalten beobachten. Was wird dabei heraus kommen?

8:39 Uhr. Frühstück. Müde habe ich mich aus dem Bett gequält. Gestern noch bis spät in der Nacht am Schreibtisch gesessen, nicht in den Schlaf gefunden. In meinem Kopf spielt irgendjemand mit meinem Gehirn Ping- Pong und mein Toastbrot ist verschimmelt. Ich bin echt mies drauf.
Dann wird die Tür zur Küche aufgerissen. Meine Mitbewohnerin Chrissi stürmt herein. Chrissi ist nie müde, immer gut gelaunt und seeehr gesprächig. Und das alles mit einem Lärm-Pegel, den ich vor 22:00 Uhr nicht ertragen kann. Nachdem sie mir in einem schier endlosen Monolog von ihrem Tagesablauf, ihrem neuen Freund und der Party von gestern Abend berichtet hat, fragt sie ganz unschuldig:
„Duhuu, nerv ich dich etwa?“
„Nein, ach was. Du nervst doch nie.“
Lüge Nr. 1!

11:22 Uhr. Latein-Seminar. Da ich zu Schulzeiten auf meine Französisch-Lehrerin gehört und kein Latinum gemacht habe, darf ich das jetzt für meine Studienfächer an der Uni nachholen. Vorne steht ein schnöseliger Dozent, der seine Lizenz wohl im Lotto gewonnen hat und der ungefähr so sympathisch ist, wie eine ausgewachsene Magen-Darm-Grippe. Ich sitze zwischen 62 völlig verängstigten und/oder desinteressierten Kommilitonen, die alle befürchten, aufgerufen zu werden. Fragt sich nur, warum. Die Wahl fällt doch eh wieder auf mich.
„Frau Wilken, die Stammformen von ´umzingeln´!“
„Ähhhm… Öhm… circumdare… circumdo… circumdedi… circum…detum.“
„Nein! Das ist falsch, falsch, falsch! Haben Sie die Stammformen etwa immer noch nicht gelernt?“
„Zuhause konnte ich's noch.“
Lüge Nr. 2!

16:04 Uhr. Endlich Wochenende! Nachdem ich erst mal total relaxed gegessen, telefoniert und geduscht habe, mache ich mich gemütlich auf dem Weg zum Bahnhof. Auf halber Strecke begegnet mir eine Freundin, mit der ich mich verquatsche. Als ich merke, wie spät es ist, ist es fast zu spät. Total gehetzt komme ich am Bahnhof an, zum Ticket-Kauf am Automaten bleibt keine Zeit. „Ach, ich werde schon nicht kontrolliert“, denke ich. Falsch gedacht. Ausgerechnet heute will man meine Fahrkarte sehen und ich muss nachlösen.
„War der Automat kaputt?“ , fragt der Bahnbeamte streng.
„Ja.“ sage ich.
Lüge Nr. 3!

19:52 Uhr. Das Telefon klingelt. Meine beste Freundin ist dran und fragt, ob ich mit zu Martins Geburtstag kommen will. Ihr „Schwarm“ Martin. Nein. Will ich nicht. Martin ist ein Vollidiot und ich will nicht, dass meine Freundin von SO einem bleibende Schäden davon trägt.
„Du weißt doch, wie toll ich ihn finde. Und wenn ich da allein auftauche, einfach so, das ist doch echt zu auffällig.“
„Ach, Quatsch.“
Lüge Nr. 4!
„Der freut sich doch bestimmt total.“
Lüge Nr. 5!
„Und ich muss ja auch noch was für Latein und so tun, weißt du ja.“
Lüge Nr. 6!

Damit erkläre ich meinen Versuch für beendet. Was sich noch abspielte, als meine Eltern nach Hause kamen und wissen wollten, wie meine Woche war, darüber breite ich lieber den Mantel des Schweigens…

Was lernen wir nun aus diesem erschütternden Ergebnis?

Vermutlich, dass wir alle lügen, um leichter durchs Leben zu kommen und um so vielen Unannehmlichkeiten wie möglich auszuweichen. Ist das ok? Ich denke, in manchen Fällen schon.
Schließlich habe ich niemanden ernsthaft verletzt oder um Haus und Hof gebracht. Im Gegenteil, manchmal bewahrt uns eine Lüge sogar davor, andere zu kränken.
Man muss sich nur bewusst sein, wann die Wahrheit angemessen wäre. Natürlich werde ich meine beste Freundin über die Seltsamkeiten ihres Martins rechtzeitig aufklären und meine Mitbewohnerin irgendwann bitten, morgens ein wenig Rücksicht zu nehmen. Man muss nur den richtigen Moment abpassen und die richtigen Worte finden. Lüge und Taktgefühl liegen eben sehr nah beieinander.

Linda Wilken


Kommentare



MrMatt schrieb am 23.08.2008 um 14:29 Uhr:

Langweilig, grauenvoll gestellt.


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