Lost In Identity.
Ein Homosexueller und der Islam.
Erol* ist 24, Student der Literaturwissenschaft und schwul. Nichts besonderes, mag man denken, wenn man die Umstände nicht näher kennt. Denn Erol ist Türke — und seine streng muslimische Familie darf nichts von seiner Sexualität erfahren. Für Erol mündet dies in einem Spießrutenlauf zwischen zwei unterschiedlichen Identitäten, von denen er keine wirklich leben kann und zwischen denen er sich manchmal ziemlich einsam fühlt.
Erols Familie gehört zu den Einwanderern, die sich Ende der 70er aufmachten, ihr Glück im goldenen Westen zu versuchen. Sie eröffnete einen türkischen Feinkostladen in der süddeutschen Provinz, zog zwei Kinder in mittlerem Wohlstand auf, vergaß die altehrwürdigen Traditionen und die streng muslimische Erziehung aus der Heimat aber nicht. „Meine Schwester und ich wuchsen im typischen Cultural Clash unserer türkisch-deutschen Generation auf, zwischen Gameboy und Kopftuch, also eigentlich ganz okay.“ Ganz okay, bis Erol mit 14 etwas an sich feststellte, das so gar nicht in die Familientradition passte: Er fühlte sich mehr zu Jungs hingezogen als zu Mädchen. Ein Schock für Erol, der sich, den traditionellen Geist seiner Erziehung stets vor Augen, der Probleme durchaus bewusst war, die diese Feststellung nach sich ziehen konnte. „Homosexualität ist in meiner Religion etwas Verbotenes und Unnatürliches. Sie bringt Schande über die Familie und setzt sämtliche patriarchale Regeln unserer Tradition außer Kraft. Sich zu outen könnte wirklich gefährlich werden.“
Fortan versuchte Erol seine Gefühle „in den Griff zu kriegen“. Er ignorierte die Anziehungskraft, die Jungs auf ihn ausübten, versuchte es sogar mit Mädchen, doch weder das eine noch andere funktionierte. „Damals begann ich bereits, mir eine zweite Identität aufzubauen. Nach innen hin wusste ich, wer ich war, doch nach außen lebte ich das Leben eines anderen.“ Erst mit 17 schloss Erol stillschweigend Frieden mit sich selbst, sagte sich zum ersten Mal: „Ich bin schwul.“ Erste, vorsichtige Schritte in die neue Welt folgten, erste Annäherungen, erste Flirts. „Es war ein ewiges Versteckspiel vor meiner Familie. Ich musste aufpassen, wem ich mich offenbarte, musste stets darauf achten, mich nicht zu verraten.“ Eine stark eingeschränkte Jugend, in der sich Erol nach und nach organisierte. „Ich richtete mich langsam in meinen verschiedenen Identitäten ein, hatte das Spiel irgendwann raus.“
Seinen bis dahin größten Schritt machte er mit 20, nach dem Abitur. Er ging nach Düsseldorf, in erster Linie aufgrund des Studiums, aber auch in der Hoffnung auf neue Freiheiten, auf einen angenehmeren Alltag in der anonymen Großstadt. „Es wurde tatsächlich einfacher. Ich lernte schneller Leute kennen, konnte häufiger mal loslassen und die Masken wenigstens zum Teil abnehmen, jedoch nie ganz. Die Angst war immer größer.“ Irgendwann überlegte Erol sogar, seiner Mutter die Wahrheit zu sagen, weil er den Druck des Versteckspiels nicht mehr aushalten wollte. „Ich dachte sie würde vielleicht milde reagieren. Doch als ich das Thema ganz nebenbei mal anschnitt, merkte ich, dass sie das wohl nicht würde.“ Auf die Frage nach den möglichen Folgen eines Outings vor seiner Familie antwortet er rasch und mit ernster Miene, als hätte er sich darüber schon oft Gedanken gemacht: „Das fängt bei Enterbung an, geht über den Ausschluss aus der Familie, bis hin zum Tötungsdelikt im Affekt.“
Inzwischen hat Erol seine Situation akzeptiert und fest beschlossen, seiner Familie niemals die Wahrheit zu sagen. Stattdessen lässt er sie im Glauben, bei ihm sei alles völlig „normal“. Sogar eine Schein-Freundin hat er schon zum Essen mit nach Hause genommen, um einen eventuellen leisen Verdacht zu zerstreuen. Ansonsten meidet er Themen wie Partnerschaft, Ehe und Kinder. „In gewisser Weise kann ich sie aus ihrer kulturellen Position heraus ja auch verstehen. Das macht es aber nicht einfacher. Und das Gefühl familiären Rückhalts werde ich wohl nicht kennen lernen.“
Erol läuft weiter auf seinem Spießrutenlauf zwischen den Identitäten — und hat sich damit abgefunden. „Das Gefühl des ständigen Aufpassens hat nachgelassen. Trotzdem fühle ich mich immer nur als Teil meines Lebens, weiß immer um seine stete Labilität. Da fällt es schwer, die schönen Seiten zu genießen.“ Was passiert, sollte Erol eines Tages die Liebe seines Lebens treffen und eine feste Beziehung, vielleicht sogar eine Ehe eingehen wollen, weiß er nicht. Die einzig richtige Entscheidung gibt es vermutlich auch nicht. „Ich sitze eben zwischen zwei Stühlen. Da fühlt man sich zwar hin und wieder allein, aber das ist doch kein Grund zu lamentieren. Zu keiner Gruppe wirklich zugehörig zu sein, bedeutet auch eine gewisse Autonomie zu bewahren und eigenständig zu sein. Außerdem mag ich selbst mich wirklich gerne — und das ist doch das Wichtigste!“
*Name geändert
S.L.
Kommentare
| * schrieb am 13.10.2005 um 12:10 Uhr: |
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viel erfolg dir, mann!
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